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Gesundheit

Katharina Saalfrank antwortet

Gehört das Kind mit fünf noch ins Elternbett?

Kinder brauchen Geborgenheit und Raum zur Selbstverwirklichung zugleich. Ein Arzt fragt Familienberaterin Katharina Saalfrank, wie lange Kinder im Familienbett schlafen dürfen. Und ob Stillen mit drei Jahren noch okay ist.

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Kind im Elternbett

Mittwoch, 01.11.2017   11:59 Uhr

Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Der Hamburger Kinderarzt Dr. Jost Deerberg fragt: In Ihrem SPIEGEL-Interview sagen Sie, dass wir Erwachsenen die Grundbedürfnisse der Kinder kennen müssen und Sie sagen, dass eines die Geborgenheit ist. Sofort einverstanden. Kennen Sie auch das Grundbedürfnis nach Distanz, Selbstwirksamkeit und Eigensein? Was halten Sie zum Beispiel vom Familienbett mit fünf Jahren? Was vom Stillen mit drei Jahren?

Zur Person

Katharina Saalfrank antwortet: Das Grundbedürfnis nach Selbstwirksamkeit ist für mich tatsächlich eines der elementarsten Grundbedürfnisse überhaupt - danke, dass Sie das ansprechen.

Hier möchte ich gerne etwas ausholen: Emotionale Grundbedürfnisse entwickeln sich in meinem Verständnis nicht erst, wenn wir auf die Welt kommen. Sie werden schon tief in uns angelegt, und zwar im vorgeburtlichen Schutzraum des Uterus unserer leiblichen Mutter. In dieser frühen, der pränatalen Phase unseres Lebens, haben wir bereits erste prägende Beziehungserfahrungen gemacht: Die Grunderfahrung der gesamten Schwangerschaft ist, dass man einerseits sicher, tief und innig mit der Mutter verbunden ist, andererseits jedoch jeden Tag wächst und so auch schon im Mutterleib immer autonomer, kompetenter, freier, unabhängiger und eigenständiger wird.

Genau diese Erfahrung ist es, die uns zu einem sozialen und beziehungsfähigen Wesen macht. Zum anderen lässt uns diese Erfahrung mit der Sehnsucht ins Leben gehen, genau diese Qualität der Beziehung wieder zu erlangen: eine enge Verbundenheit bei gleichzeitiger Autonomie als Grundlage für die Qualität unserer Liebe zu den Kindern.

Diese Beziehungsform zu leben bedeutet, dass sich zwei Menschen ganz eng und auf das Tiefste verbunden fühlen. Sie vertrauen sich gegenseitig und wissen voneinander, dass sich der eine auf den anderen verlassen kann. Außerdem wissen sie voneinander, dass sich der eine für den anderen wünscht, dass er in der Lage ist, sich als eigenverantwortliche und eigenständige Person zu entfalten, er also unabhängig und autonom sein kann.

Liebe, in dieser Definition, ist die einzige Beziehungsform, in der man zugleich frei und auch verbunden sein kann. Voraussetzung dafür, dass Kinder sich gut entwickeln und ihre Potenziale entfalten können, ist, dass sie sich in eben diesem Sinne geliebt fühlen. Dass sie eine Beziehung erfahren, die von Liebe und Anerkennung geprägt ist und die die existenzielle Botschaft vermittelt: Du bist okay, so wie du bist.

Alle Beziehungen zu Kindern, die diese Aspekte nicht erfüllen, hemmen und stören die Entwicklung des Kindes. Und so komme ich zu Ihrer Frage nach Familienbett und der Stillbeziehung zwischen Müttern und Kindern.

Wurzeln geben und Flügel zulassen

Ich erlebe oft, dass Eltern ein schlechtes Gewissen gemacht wird. Es herrscht die Meinung vor, dass das Familienbett die Kinder zu unselbstständigen Schläfern macht oder zu langes Stillen an der Brust die Kinder in einer emotionalen Abhängigkeit zur Mutter hält. Ich denke, wenn wir Eltern um diese beiden oben genannten existenziellen Grundbedürfnisse wissen, können wir die Verantwortung dafür übernehmen, beide im Gleichgewicht zu halten und unseren Kindern das Gefühl der Verbundenheit bei gleichzeitiger Autonomie zu vermitteln.

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Meine Erfahrung ist, dass die Kinder in bestimmten Momenten selbstständig das Familienbett verlassen und auch in der Stillbeziehung Hinweise auf ihre Abnabelung geben. Das kann ein Desinteresse an der Brust oder auch die Frage nach dem eigenen Bett sein.

Meist wird diese vom Kind ausgehende natürliche Entwicklung verzögert oder gar gestört, wenn Eltern ihre eigenen Vorstellungen in den Vordergrund stellen und Druck beim Kind entsteht. Dann verlieren Kinder den Impuls der Autonomie, manche entwickeln auch eine Ängstlichkeit, weil sie den Druck der Bindungsperson nicht einordnen können. Wichtig ist also aus meiner Sicht, dass Eltern hier achtsam sind und Kinder in den wichtigen emotionalen Grundbedürfnissen nach Autonomie und Selbstständigkeit liebevoll und im Tempo der Kinder unterstützen.

Eltern können hier also feinfühlig und dynamisch, aufmerksam und achtsam in Beziehung zu ihren Kindern reagieren. Jede Konstellation ist anders, Menschen - große und kleine - sind vielfältig und aus meiner Sicht ist es deshalb schwierig, ein bestimmtes Alter festzulegen, in dem Kinder aus dem Familienbett gehen oder ein Kind abgestillt sein sollte.

Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe spricht mir hier aus der Seele und hat schon vor mehr als zweihundert Jahren einen wunderbaren Satz geprägt: "Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel." Und zwar gleichzeitig. Nicht erst das eine - Wurzeln - und dann das andere - Flügel.

Die Kunst ist es für mich, Wurzeln zu geben und gleichzeitig Flügel zuzulassen - das macht eine stabile, tragfähige Beziehung aus.

Mehr Tipps

insgesamt 85 Beiträge
bandelier 01.11.2017
1. Warum sollen Kinder nicht ins Elternbett kommen,
wenn es dort für sie emotionale Sicherheit gibt? Sie sehen, wie Papa und Mama in einem Bett schlafen, aber sie sollen räumlich getrennt in einem anderen Bett schlafen? Das ist doch recht irritabel. Meine Kinder schliefen [...]
wenn es dort für sie emotionale Sicherheit gibt? Sie sehen, wie Papa und Mama in einem Bett schlafen, aber sie sollen räumlich getrennt in einem anderen Bett schlafen? Das ist doch recht irritabel. Meine Kinder schliefen friedlich nin ihren Betten ein, kamen jedoch, wenn sie nachts wach wurden, ins Elternbett, schmiegten sich an, wie eine zweite Haut und störten nicht. Es gab, wahrscheinlich auch deshalb, nie Einschlaf- oder Durchschlafprobleme. Ab 18.30h hatten wir den Abend für uns. Und nun sind sie erfolgreiche und glückliche Erwachsene und handhaben das mit ihren Kindern ebenso mit ebenso wenig Schlafproblemen. Wenn ich um 19.00h abends anrufe, ist keiner der Enkel mehr zu sprechen, weil sie glücklich im Bett sind. Manchmal sind die elterlichen Bauentscheidungen gar nicht falsch.
Lykanthrop_ 01.11.2017
2.
Ich denke die Nähe zum Kind wird dann zum Problem, wenn Sie von den Eltern unbedingt ausgeht. Wenn Eltern Ihren eigenen Wert durch das Kind definieren. Wurzeln und Flügel brauchen Kinder das ist ein sehr schöne Beschreibung, [...]
Ich denke die Nähe zum Kind wird dann zum Problem, wenn Sie von den Eltern unbedingt ausgeht. Wenn Eltern Ihren eigenen Wert durch das Kind definieren. Wurzeln und Flügel brauchen Kinder das ist ein sehr schöne Beschreibung, annehmen wollen und abgeben können, Geborgenheit bieten und nicht emotionale Gefangenschaft und Abhängigkeit.
grumpy53 01.11.2017
3. schön gesagt
So viel schöne, ausgewählte, aber eben leider sehr wenig hilfreiche Worte auf eine klare Frage. Und bei aller Liebe, die Eltern hoffentlich für ihre Kinder, für ihre PartnerIn und für sich selbst empfinden und leben soll und [...]
So viel schöne, ausgewählte, aber eben leider sehr wenig hilfreiche Worte auf eine klare Frage. Und bei aller Liebe, die Eltern hoffentlich für ihre Kinder, für ihre PartnerIn und für sich selbst empfinden und leben soll und kann, kommt man als Eltern nicht um die Entscheidung herum, wann welcher Zeitpunkt ist. Klar ist das schön, wenn ein Kind (oder mehrere?) die Geborgenheit, die Wärme und Zärtlichkeit auch aus dem Schlaf heraus suchen und bekommen - im elterlichen Bett. Und da liegt man dann, wenigstens eines der Elternteile hat morgen im Erwerbsleben ausgeschlafen zu sein, das andere Elternteil hat, wenn es nicht ums Erwerbsleben geht, den vereinbarten Anteil Familienarbeit, Erziehung, Haushalt - und die Bedürfnisse weiterer Kinder erholt zu wuppen. Und findet sich nicht immer beglückt darin, den Schlaf und den (Bett-) Raum und die Ruhe zu finden, wenn da noch weitere Personen das gleiche beanspruchen. Was bei einem schlechten Traum, bei einer kleinen Erkrankung oder am Wochenende ein liebevoller Ausnahmefall sein kann, wird mit 3-5 Lebewesen im gemeinsamen Bett einfach nicht immer auszuhalten sein. Und schon ist das schlechte Gewissen der Eltern da, wenn einer der erwachsenen seinen Freiraum im Bett mitbestimmen will. Wenn die Kinder spüren, dass die Eltern halt auch mal ohne sie sein wollen, macht die nächtliche Wanderung um so interessanter. Und wenn erst mal beim vorsichtigen Rücktransport ins Kinderbett geheult wird über diese "Herzlosigkeit" hat man als Elternteil nicht nur die Hoffnung auf Ruhe verloren, sondern auch das gute Gewissen. Aber Hut ab, liebe Frau Saalfrank, die Betonung auf Liebe und Flügel und Freiheit gibt solchen Eltern ja sicher klare Ansage, dass man neben dem Elternsein auch noch ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen ist, die im Idealfall sowieso erst mal auf Jahre für 80% zurückgefahren werden, damit der Nachwuchs bloß keine negativen Erlebnisse haben muss.
yoda56 01.11.2017
4. Wir haben es (bei 4 Kindern) anders gemacht.
Einer von uns (meistens ich - Papa - konnte überall sofort einschlafen) ist mit dem jeweils schlaflosen Kind in sein Zimmer gegangen, einen Moment am Bett gesessen, eventuell auf das jederzeit griffbereite Klappbett gelegt [...]
Zitat von bandelierwenn es dort für sie emotionale Sicherheit gibt? Sie sehen, wie Papa und Mama in einem Bett schlafen, aber sie sollen räumlich getrennt in einem anderen Bett schlafen? Das ist doch recht irritabel. Meine Kinder schliefen friedlich nin ihren Betten ein, kamen jedoch, wenn sie nachts wach wurden, ins Elternbett, schmiegten sich an, wie eine zweite Haut und störten nicht. Es gab, wahrscheinlich auch deshalb, nie Einschlaf- oder Durchschlafprobleme. Ab 18.30h hatten wir den Abend für uns. Und nun sind sie erfolgreiche und glückliche Erwachsene und handhaben das mit ihren Kindern ebenso mit ebenso wenig Schlafproblemen. Wenn ich um 19.00h abends anrufe, ist keiner der Enkel mehr zu sprechen, weil sie glücklich im Bett sind. Manchmal sind die elterlichen Bauentscheidungen gar nicht falsch.
Einer von uns (meistens ich - Papa - konnte überall sofort einschlafen) ist mit dem jeweils schlaflosen Kind in sein Zimmer gegangen, einen Moment am Bett gesessen, eventuell auf das jederzeit griffbereite Klappbett gelegt und das wars. Die Kinder haben das Engagement honoriert und ihre Besuche auf das nötige (Unwohlsein, Albträume usw.) beschränkt - in unserem Bett WOLLTEN sie dann gar nicht sein.
noethlich 01.11.2017
5. Kann nur zustimmen
Es ist bei jedem anders und manche Kinder brauchen mehr Nestwärme. Meine Kinder haben recht lange bei uns im Zimmer im Beistellbett geschlafen, bis 3 Jahre etwa... und dann gab es überhaupt kein Problem, als sie in ihr eigenes [...]
Es ist bei jedem anders und manche Kinder brauchen mehr Nestwärme. Meine Kinder haben recht lange bei uns im Zimmer im Beistellbett geschlafen, bis 3 Jahre etwa... und dann gab es überhaupt kein Problem, als sie in ihr eigenes Zimmer gekommen sind. Der Kleine kommt manchmal morgens noch zum Kuscheln, allerdings hat das eher damit zu tun, dass er nicht mehr schlafen will... und dann muss der Papi halt aufstehen. Im Prinzip, sollte das jede Familie nach ihrer Façon handhaben, auf das Kind und seine Bedürfnisse achten und sich nicht durch irgendwelche Ratgeber oder Familienangehörige verrückt machen lassen. Ich glaube, viele Menschen haben einfach kein Vertrauen in ihre Intuition und einen Mangel an Selbstbewusstsein, was die Kindererziehung angeht.

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