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Gesundheit

Hauen, beißen, kneifen

Kinder sind mit dreieinhalb Jahren am aggressivsten

Egal wie unschuldig sie gucken können - die meisten Kinder verwandeln sich hin und wieder in schlagende und kratzende Raufbolde. Bis zum Grundschulalter nimmt die Ruppigkeit bei den meisten wieder ab.

Getty Images
Mittwoch, 02.01.2019   19:31 Uhr

Kleine Kinder können erschreckend brutal sein, sie hauen, beißen, kneifen und treten. Jetzt haben Forscher die Aggressivität Heranwachsender untersucht. Demnach nimmt die körperliche Ruppigkeit bei Kleinkindern zu, erreicht mit etwa 3,5 Jahren ein Maximum und schwindet dann bis zum Grundschulalter wieder.

Die Ergebnisse basieren auf der Beobachtung von 2223 Kindern, wie die Wissenschaftler um Richard Tremblay von der Universität Montreal im Fachjournal "Jama Network Open" berichten. Alle Kinder wurden zwischen 1997 und 1998 in der Provinz Quebec geboren und bis zum Alter von 13 Jahren begleitet.

Die Analyse hat einen ernsten Hintergrund: Nicht bei jedem Kind nimmt die frühkindliche Aggressivität wieder ab. Ein kleiner Teil neigt auch noch als Jugendlicher zu körperlicher Gewalt, verbunden mit einem höheren Risiko für Gewaltdelikte, gestörtem Sozialverhalten, Schulversagen sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch. Wie lassen sich gefährdete Kinder erkennen?

Familiäre Umstände im Kleinkindalter entscheidend

Bei ihrer Auswertung stießen die Forscher auf mehrere Risikofaktoren, die mit späteren Gewaltausbrüchen einhergingen. Dazu gehörten vor allem familiäre Umstände im Kleinkindalter: Die betroffenen Kinder hatten häufiger Eltern mit geringem Ausbildungsgrad oder Depressionen, mit einem geringen Einkommen, sowie Mütter und Väter, die auch in der eigenen Jugend häufiger auffällig geworden waren.

Bei Hochrisikofamilien könne es sinnvoll sein, schon während der Schwangerschaft und im Kleinkindalter mit gezielten Maßnahmen einzugreifen, glauben die Forscher. Das könnte vermeiden helfen, dass Kinder anhaltend aggressiv sind.

In die Studie flossen neben Angaben von Eltern und Lehrern auch Selbsteinschätzungen der Jungen und Mädchen mit ein. Während die Kinder noch sehr klein waren, wurde ihre stärkste Bezugsperson - in fast allen Fällen die Mutter - sieben Mal befragt. Die Termine fanden statt, als die Kinder eineinhalb, zweieinhalb, dreieinhalb, viereinhalb, fünf, sechs und acht Jahre alt waren.

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Anschließend übernahmen die Lehrer, die das Verhalten im Alter von sechs bis dreizehn Jahren einschätzten. Hinzu kamen Befragungen der Mädchen und Jungen selbst - jeweils im Alter von zehn, zwölf und dreizehn Jahren.

Bei Jungen größere Unterschiede

Als aggressives Verhalten werteten die Forscher, wenn ein Kind sich häufig körperliche Auseinandersetzungen lieferte, andere Kinder biss, schlug, trat oder auf andere Weise attackierte. Mädchen wurden im Schnitt als deutlich weniger aggressiv eingestuft, vor allem von den Lehrern. Zudem gab es bei Jungen größere individuelle Unterschiede:

Bei diesen sechs Prozent der Jungen gab es nach Angaben der Mütter häufig einen deutlichen Anstieg körperlicher Übergriffe mit Beginn der Schule. Bis zum Alter von fünf Jahren hätten sie sich nach Aussagen der Mütter oft nicht als sonderlich auffällig gezeigt.

Damit entwickelten sich die Jungen in dieser Gruppe gegensätzlich zum Rest. Auch ihr Umfeld unterschied sie von dem der anderen Kinder, ihre Eltern hatten etwa ein niedrigeres Haushaltseinkommen und ihre Mütter waren häufiger selbst als Jugendliche auffällig geworden.

Aggressive Kleinkinder, friedliche 13-Jährige

Deutlich weniger kritisch war es hingegen, wenn Mütter ihre Kinder im Alter von 1,5 bis 3,5 Jahren als sehr aggressiv eingeschätzt hatten. Das Verhalten der zu diesem Zeitpunkt aggressivsten Jungen unterschied sich im Alter von 13 Jahren nicht mehr von dem der friedlichsten Teilnehmer der Studie.

Bei den Mädchen beobachteten die Forscher eine andere Entwicklung: Dort blieben die Kinder, die als Kleinkinder aggressiv waren, dies auch in der Grundschule. Eine mögliche Erklärung dafür könne allerdings sein, dass die Mütter aggressives Verhalten ihrer Töchter eher als auffallend einstuften und bei Söhnen eher als normal werteten, geben die Forscher zu bedenken.

Keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gab es beim durchschnittlichen Höhepunkt der Gewalt: Dieser lag bei Mädchen und Jungen gleichermaßen bei 3,5 Jahren. Damit deckt sich das Ergebnis mit Untersuchungen aus der Vergangenheit, laut denen Kinder im Normalfall im Alter von zwei bis vier Jahren den Höhepunkt ihres aggressiven Verhaltens erreichen, um sich bis zur Einschulung wieder zu beruhigen.

irb/dpa

insgesamt 11 Beiträge
oldman2016 02.01.2019
1. Naturvölker als Vorbild
Ein Sprichwort, das mir zu dem Artikel spontan eingefallen ist, lautet sinngemäß: " Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf." In den westlichen Industriestaaten ist noch nicht einmal die Familie, also Oma, [...]
Ein Sprichwort, das mir zu dem Artikel spontan eingefallen ist, lautet sinngemäß: " Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf." In den westlichen Industriestaaten ist noch nicht einmal die Familie, also Oma, Opa, Tanten und Onkel in einem Dort oder Stadt, sondern über das ganze Land verteilt. Kinder müssen gerade in jungen Jahren beschäftigt werden, damit meine ich, dass sie mit möglichst vielen Personen mit unterschiedlichen Interessen in Kontakt kommen und ihre Zeit verbringen.
three-horses 02.01.2019
2. Nicht alles kompliziert machen.
Ich nehme an, die Kinder blicken in dem Alter in die Welt hinaus und versuchen die zu verstehen. Was in der Stadt ziemlich schwierig ist. Mehr Erwachsene brauchen die sicher nicht. Eher mehr Kinder, Wald und eine Wiese wo [...]
Zitat von oldman2016Ein Sprichwort, das mir zu dem Artikel spontan eingefallen ist, lautet sinngemäß: " Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf." In den westlichen Industriestaaten ist noch nicht einmal die Familie, also Oma, Opa, Tanten und Onkel in einem Dort oder Stadt, sondern über das ganze Land verteilt. Kinder müssen gerade in jungen Jahren beschäftigt werden, damit meine ich, dass sie mit möglichst vielen Personen mit unterschiedlichen Interessen in Kontakt kommen und ihre Zeit verbringen.
Ich nehme an, die Kinder blicken in dem Alter in die Welt hinaus und versuchen die zu verstehen. Was in der Stadt ziemlich schwierig ist. Mehr Erwachsene brauchen die sicher nicht. Eher mehr Kinder, Wald und eine Wiese wo sich Viecher herumtreiben. Dann kommen die kaputt nach Hause und haben was zu träumen.
freigeistiger 02.01.2019
3. Es geht wohl nicht ohne obligatorisches Genderbashing
Wie immer wurde Aggressivität nur mit körperlicher Gewalt gleich gesetzt. Es gibt auch andere Formen von Aggressivitäten. Aussagen von „Wir glauben ….“ gehören nicht in eine Untersuchung. Hier fließen immer populistischer [...]
Wie immer wurde Aggressivität nur mit körperlicher Gewalt gleich gesetzt. Es gibt auch andere Formen von Aggressivitäten. Aussagen von „Wir glauben ….“ gehören nicht in eine Untersuchung. Hier fließen immer populistischer aktueller Mainstream ein. „Ich weiß dass ich (es) nicht weiß.“ Sokrates. Es handelt sich hier um die so genannte „Trotzphase“. Es ist die Verwandlung von einem Kleinkind zu einem Elternkind mit bestimmter Selbstständigkeit. Es ist die Übungsphase wie Laufen lernen oder Fahrrad fahren lernen. Wichtig ist ein gutes förderliches Umfeld. Kinder lernen durch das Imitieren von Erwachsenen. Deshalb sind Kinder von Eltern mit guter Bildungserziehung im Vorteil. Vertrauensvolles Umfeld, Zuverlässigkeit, gutes miteinander Sprechen, gute Sozialkontakte und klare Regeln mit persönlichen Freiheiten sind die Zutaten.
kika2012 02.01.2019
4. oldman2016
Das sehe ich ähnlich. Mein Sohn ist mit seinen 5 Jahren in 4 verschiedenen Ländern unterwegs. 4 verschiedenen Kulturen, Mentalitäten und Sprachen. Er war bei mehreren Tagesmütter und Babysittern. Er ist weltoffen und mutig.
Das sehe ich ähnlich. Mein Sohn ist mit seinen 5 Jahren in 4 verschiedenen Ländern unterwegs. 4 verschiedenen Kulturen, Mentalitäten und Sprachen. Er war bei mehreren Tagesmütter und Babysittern. Er ist weltoffen und mutig.
freigeistiger 02.01.2019
5. Es geht wohl nicht ohne obligatorisches Genderbashing
Wie immer wurde Aggressivität nur mit körperlicher Gewalt gleich gesetzt. Es gibt auch andere Formen von Aggressivitäten. Aussagen von "Wir glauben ..." gehören nicht in eine Untersuchung. Hier fließen immer [...]
Wie immer wurde Aggressivität nur mit körperlicher Gewalt gleich gesetzt. Es gibt auch andere Formen von Aggressivitäten. Aussagen von "Wir glauben ..." gehören nicht in eine Untersuchung. Hier fließen immer populistischer aktueller Mainstream ein. "Ich weiß dass ich (es) nicht weiß." Sokrates. Es handelt sich hier um die so genannte "Trotzphase". Es ist die Verwandlung von einem Kleinkind zu einem Elternkind mit bestimmter Selbstständigkeit. Es ist die Übungsphase wie Laufen lernen oder Fahrrad fahren lernen. Wichtig ist ein gutes förderliches Umfeld. Kinder lernen durch das Imitieren von Erwachsenen. Deshalb sind Kinder von Eltern mit guter Bildungserziehung im Vorteil. Vertrauensvolles Umfeld, Zuverlässigkeit, gutes miteinander Sprechen, gute Sozialkontakte und klare Regeln mit persönlichen Freiheiten sind die Zutaten. __ Satzzeichen wurden in der ersten Version gelöscht.

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