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Gesundheit

Ungewollte Schwangerschaft

"Ich habe abgetrieben. Ich schäme mich nicht"

Eine Studentin wird schwanger, möchte das Kind nicht bekommen. Gegen gesellschaftlichen Druck geht sie ihren Weg bis zur Abtreibung und entscheidet: "Ich will darüber reden."

Getty Images
Montag, 06.08.2018   11:23 Uhr

Ich erinnere mich ziemlich genau an den ekligen Geschmack im Mund an jenem Morgen, als ich den leichten Schatten eines zweiten Streifens auf dem Schwangerschaftstest sah. 36 Sekunden später war daraus ein satter Strich geworden, und ich fing an, den Ernst der Lage langsam zu begreifen. Der Weg in die Depression schien mir einen Steinwurf entfernt, die Fahrt zum Frauenarzt kam mir dagegen wie eine elende Ewigkeit vor.

Mein Frauenarzt mochte mich - zumindest behauptete er das. An jenem Morgen blickte er mir strahlend vor Freude ins Gesicht, als er den Befund bestätigte. Ich sei schwanger, seit drei Wochen wahrscheinlich!


Die Autorin dieses Textes möchte anonym bleiben, ihre Identität ist SPIEGEL ONLINE bekannt. Weil sie nach ihrem Schwangerschaftsabbruch in Gesprächen mit anderen Frauen erfuhr, dass auch sie unter dem Tabu litten und nur schwer an Informationen gekommen waren, entschied sie sich, ihre Erfahrungen niederzuschreiben.


Mit meinem erschrockenen Gesichtsausdruck kam er nicht klar. Mit meiner Aussage, ich wolle das Kind nicht behalten, noch weniger. Er verschrieb mir spezielle Vitamine für Schwangere und schickte mich nach Hause. Ich solle drüber nachdenken und in einer Woche wiederkommen.

Sind Akademiker-Kinder mehr wert?

All das ist jetzt über drei Jahre her. Mittlerweile bin ich 27 Jahre alt, habe mein Studium abgeschlossen. Mein damaliger Freund war ebenfalls Akademiker und diente dem Staat. Ein Akademiker-Kind nicht zu gebären, das stieß - so empfand ich es damals, und so werte ich es noch heute - auf Unverständnis und Abneigung. Ich werde die Frage nicht los, wie viel es mit dem soziokulturellen Status dieses Kindes zu tun hatte und wie viel mit dem Leben an sich, dass manche mir so vehement zusprachen. Das tagelange Umherirren zwischen Arztpraxen, Beratungsstationen und Behörden verstärkte mein Bauchgefühl, dass die Herkunft eine sehr wichtige Rolle spielte.

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Den Vitaminkomplex für Schwangere habe ich nie genommen. Ich kaufte das Zeug etwas beschämt, die Apothekerin gratulierte mir. In der Woche bis zum zweiten Arztbesuch trank ich jeden Abend viel zu viel in der Hoffnung, ich würde mich im Alkohol auflösen.

Wieder beim Arzt spürte ich, dass er wütend auf mich und meine Entscheidung war. Mürrisch erklärte er mir, dass ich für den Abbruch zu einem anderen Arzt gehen und vorher eine Familienberatung aufsuchen müsse. Er druckte mir ein Ultraschall-Bild meines ungeborenen Kindes aus und entließ mich. Damit war seine Beratung beendet.

Von dem Bild habe ich mich erst vor wenigen Wochen getrennt. Früher konnte ich es nicht.

Ich habe abgetrieben, aber das macht mich nicht zu einem Monster. Ich schäme mich nicht, und ich bereue die Entscheidung nicht. Manchmal denke ich darüber nach, aber die "was-wäre-wenn"-Frage stelle ich mir nicht. Ich wollte es nicht herausfinden - und das sollte legitim sein.

"Die Rechtslage gewährt mir Straffreiheit"

Viele Frauen würden an solchen Entscheidungen untergehen, regelrecht verrückt werden, sagten mir meine Freunde (weibliche ebenso wie männliche), als ich ihnen Monate später von dem "Vorfall" berichtete. Ich bin nicht daran untergegangen, jedenfalls empfinde ich es nicht so. Aber ich habe das Bedürfnis, darüber zu reden.

Ich habe keine Pille-Danach genommen und die Schwangerschaft verhindert. Sondern das ungeborene Kind töten lassen. Ich bin vielleicht eine Mörderin und schuldig, aber die Rechtslage gewährt mir Straffreiheit: De jure bin ich eine Täterin, de facto werde ich nicht verfolgt.

Wer mühselig die Informationsfetzen zusammensucht, um zu verstehen, in welcher Lage man sich befindet, wird mit solchen Begriffen ständig konfrontiert. Sie vermitteln unmissverständlich, dass etwas Nicht-Richtiges passiert. Dass man irgendwo im grauen, schattigen Bereich agiert.

Schwangerschaftsabbruch

Auch spürte ich den Druck politischer Diskussionen direkt in meinem Privatleben. Der Geburtenrückgang, der demografische Wandel - wie passte das mit meinem Schwangerschaftsabbruch zusammen? Doch auch hier war meine Antwort klar: Nein, die Zukunft der Republik und Europas würde nicht an diesem ungeborenen Kind scheitern. An seiner Nicht-Existenz. An meiner Verweigerung.

Mein Arzt hatte mich falsch informiert

Diese Entscheidung gehörte mir allein, genau wie mein Bauch, mein Unterleib und mein Gewissen. Ich allein werde damit bis zum Schluss leben. Ich will mich nicht rechtfertigen, denn ich brauche keine Ausreden. Ich habe mein Urteil gefällt. Schlecht geht es meinem Gewissen nicht.

Aber ich wünschte, dass es für andere Frauen in dieser Situation einfacher wäre als für mich. Mein Arzt hatte mir nicht nur eine umfassende Beratung verweigert, er hatte mich auch falsch informiert. Chemische, also medikamentengestützte Abbrüche seien in Deutschland quasi verboten, hatte er gesagt, ich müsse die Schwangerschaft operativ beenden lassen.

Dass er damit falsch lag, fand ich ebenso mühsam heraus, wie die Antwort auf die Frage, welche Praxis in der Großstadt, in der ich damals lebte, medikamentöse Abtreibungen durchführt und empfehlenswert ist. Von Pro Familia hatte ich vier Visitenkarten von verschiedenen Praxen bekommen. Am Ende war es Glück, dass ich einen guten Arzt für den Abbruch erwischte - es hätte auch anders laufen können.

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Aber lassen Sie mich erzählen, wie es passierte: Ich schluckte die Pillen noch in der Praxis und wartete dort eine Weile. Danach setzte ich mich in ein kleines Café, bewunderte die Frühlingssonne und die Stille des Nachmittages und nahm dann ein Taxi zur Wohnung meines Freundes. Dann begann ich zu bluten. In mir tat sich eine immer tiefer werdende Kluft der Leere auf. Es war so, als würde ein Teil meiner Seele aus meinem Unterleib heraus tropfen.

Als es vorbei war, begrub ich die zwei bis drei Zentimeter menschlichen Anfangs zusammen mit dem vielen Blut im Garten. Danach musste ich sehr lange fürchterlich heulen. Zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit - ich wusste nicht mal warum.

Heute meine ich den Grund zu kennen: Ich hatte mich einer gesellschaftlichen Konvention widersetzt, die mir als natürlich anerzogen worden war. Ich war plötzlich eine Frau jenseits ihrer reproduktiven Funktionen, eine Nicht-Mutter, ein Cyborg aus menschlichem Körper und chemisch hergestellten Hormonen.

"Ich habe gelitten und meinen Preis bezahlt"

Ich werde nicht noch einmal abtreiben, und ich möchte niemanden dazu ermutigen. Aber ich möchte darüber reden können, denn sehr viele Frauen treffen die gleiche Entscheidung wie ich. Nur verlassen ihre Geschichten selten den engsten Kreis.

Obwohl wir so emanzipiert sind, obwohl die medizinischen Rahmenbedingungen für einen möglichst unproblematischen Schwangerschaftsabbruch geschaffen sind, obwohl wir uns als offene Gesellschaft beschreiben, bleibt das Thema ein Tabu. Der Diskurs ist gekennzeichnet von Klischees und gefährlichem Halbwissen.

Aber jede Frau, die diesen Weg für sich wählt, hat das Recht dazu ebenso wie den Anspruch darauf, nicht marginalisiert zu werden. Ja, ich habe ein florierendes Sexualleben. Ja, ich bin einmal nicht vorsichtig gewesen. Ja, ich stehe dazu, dafür bin ich stark genug. Ich habe gelitten und meinen Preis bezahlt. Ich möchte in Zukunft Kinder haben, wenn es sich richtig anfühlt. Doch dieses Kind in diesem Moment wollte ich nicht.

Ich bin nicht anders als du, als deine Mutter, Schwester oder als die etwas angenervte Frau hinterm Empfangstresen bei irgendeiner Behörde. Wie alle anderen kämpfe ich jeden Tag in dieser Gesellschaft und ich wüsste wirklich nicht, weshalb ich mich kleiner fühlen sollte. Hey, ich bin so und so, ich habe abgetrieben. Ich bin ein Mensch.

Video: Nahkampf vor der Abtreibungsklinik

Foto: SPIEGEL TV

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