Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

Verhütung

Warum die Hormonspritze für Männer vorerst gescheitert ist

Dass auch Männer mit einem Hormoncocktail zuverlässig verhüten können, ist bekannt. Weil die Nebenwirkungen aber zu heftig waren, wurde eine WHO-Studie abgebrochen. Dabei birgt auch die Pille für die Frau Risiken.

imago/ SPL
Von
Mittwoch, 02.11.2016   09:44 Uhr

Wenn Männer nicht zu Vätern werden wollen, bleiben ihnen bislang nur mechanische Verhütungsmethoden: Entweder sie beenden den Koitus vor der Ejakulation (unsicher), sie benutzen Kondome (immer zu empfehlen), oder sie lassen sich sterilisieren (endgültig). Hormonelle Verhütung ist dagegen seit den Sechzigerjahren fest in Frauenhand. Dabei wird schon seit Jahrzehnten an der Pille oder der Hormonspritze für den Mann geforscht.

Ein internationales Forschungsteam hat nun die Ergebnisse einer Studie vorgelegt, die beweist: Ein Hormoncocktail kann die Spermienproduktion bei Männern so deutlich reduzieren, dass diese vorübergehend unfruchtbar sind. Die ersten Erkenntnisse dieser internationalen, multizentrischen Studie stammen bereits aus dem Jahr 2011, als die Untersuchung abgebrochen wurde. Doch erst jetzt hat das Team alle Resultate im "Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism" veröffentlicht.

"Die Schwierigkeit bei der hormonellen Verhütung für Männer besteht darin, zu verhindern, dass täglich Millionen Spermien produziert werden", erklärt der Biochemiker Doug S. Colvard aus Virginia (USA), der an der Studie mitgearbeitet hat.

In einer ersten Phase bekamen 320 nachweislich zeugungsfähige Probanden alle acht Wochen Injektionen mit einer Mischung aus synthetisch hergestellten Sexualhormonen (Testosteron und Norethisteron). Die Hormone steuern die Spermienbildung des Mannes. Die Studienteilnehmer waren zwischen 18 und 45 Jahren alt und lebten in festen, monogamen Beziehungen. Die Untersuchungen fanden in zehn Untersuchungszentren weltweit statt.

Bei weniger als einer Million Spermien gilt Mann als zeugungsunfähig

Nach maximal 26 Wochen war der Spermiengehalt bei fast allen Probanden auf weniger als eine Million Spermien pro Milliliter Ejakulat gesunken - damit gilt ein Mann als nahezu zeugungsunfähig. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine Samenzelle eine Eizelle befruchtet, liegt bei 1 zu 500 Millionen. Erst wenn ein Mann pro Milliliter Ejakulat 15 Millionen Spermien produziert, gilt er laut WHO als zeugungsfähig.

In einer zweiten Phase der Studie verhüteten die Paare nur noch mit den Hormonspritzen. Tatsächlich wurden innerhalb von 56 Wochen nur vier Frauen schwanger. Das entspricht einer Quote von 1,57 Prozent. Das ist zwar weniger sicher als die Pille, dennoch werten die Forscher die Methode als zuverlässig. Zum Vergleich: Die Pille schützt bei richtiger Anwendung in mehr als 99 Prozent der Fälle vor einer Schwangerschaft - zum Teil liegt die Sicherheit sogar bei 99,9 Prozent.

VERHÜTUNGS-QUIZ

Akne, Schmerzen, Depressionen

Die Injektionen hatten jedoch einen deutlichen Nachteil: Viele Probanden klagten über Nebenwirkungen. Fast die Hälfte litt an Akne, hinzu kamen Schmerzen an der Einstichstelle, eine gesteigerte oder verminderte Libido, Kopfweh, Muskelschmerzen und Gewichtszunahme, um nur einige Symptome zu nennen.

16,9 Prozent der Studienteilnehmer litten zudem unter emotionalen Veränderungen, fast drei Prozent fühlten sich depressiv. Ein Studienteilnehmer nahm sich das Leben. "Das hat uns alle sehr getroffen, aber die Familie des Mannes hat uns versichert, dass sein Suizid nichts mit der Studie zu tun hatte", so Colvard. Bei einem weiteren Teilnehmer trat eine schwere Depression auf, die möglicherweise von den Medikamenten ausgelöst worden war.

Da sich die Gemütsschwankungen häuften, wurde die Studie 2011 vorzeitig abgebrochen. "Viele der Studienteilnehmer waren enttäuscht über das vorzeitige Ende und fragten, ob sie weitermachen könnten", erinnert sich Colvard. "Das ging natürlich nicht." Warum die Daten erst jetzt vollständig veröffentlicht werden, begründen die Studienautoren in ihrem Artikel nicht.

Die Forscher betonen aber, dass die Nebenwirkungen zu erwarten gewesen seien.Vorherige Studien hätten gezeigt, dass auch Placebo-Gruppen über Stimmungsschwankungen geklagt hatten, obwohl diese keine Hormonpräparate bekommen hatten. Bei der aktuellen Studie wurde aus ethischen Gründen auf eine Placebo-Gruppe verzichtet.

Gefahren für die Frau

Zudem kamen fast alle Berichte über emotionale Störungen aus dem Untersuchungszentrum in Indonesien. "Wir haben gezielt verschiedene ethnische Gruppen getestet", sagt Colvard. "In einigen Gruppen wurden gar keine Nebenwirkungen dokumentiert, in anderen wie in Indonesien mehr. Warum das so ist, können wir im Detail nicht erklären."

Auch wenn die Studie vorzeitig abgebrochen wurde, ist das nicht das Ende der Suche nach hormoneller Empfängnisverhütung für Männer. Immerhin mehr als vier von fünf Teilnehmern der Untersuchung hätten die Methode auch außerhalb der Studie genutzt. "Es ist sehr wichtig, dass wir andere Verhütungsmethoden für Männer entwickeln", ist Colvard überzeugt. "Die Studie hat gezeigt, dass Männer mithilfe von Hormonen erfolgreich verhüten können. Die Hormonspritzen waren zuverlässig und die Männer waren nach dem Ende der Studie wieder zeugungsfähig." Es laufen bereits neue Studien, bei denen andere Hormonzusammensetzungen getestet werden.

Fest steht: Männer könnten in Sachen Verhütung größere Verantwortung übernehmen. Denn die hormonelle Verhütung ist auch für Frauen nicht ohne Nebenwirkungen. Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme und verringertes Lustempfinden zählen dazu und auch das Risiko für Thrombosen, Lungenembolien oder Schlaganfälle ist erhöht.

"Wir wissen, dass Frauen über ähnliche Nebenwirkungen klagen wie die Studienteilnehmer", meint Colvard. "Wir können aber nicht sagen, inwieweit die Auswirkungen gleichgesetzt werden können." Dazu fehlten die Daten. Eines sei aber sicher: Es gibt nicht die perfekte Verhütungsmethode für alle.

insgesamt 40 Beiträge
Nania 01.11.2016
1.
Die hier aufgeführten Nachteile gibt es bei nahezu JEDER Pille für die Frau. Dazu kommen eine ganze Reihe weiterer Nebenwirkungen, die hier gar nicht aufgezählt werden. Ich finde es sehr schade, dass die Studie vorzeitig [...]
Die hier aufgeführten Nachteile gibt es bei nahezu JEDER Pille für die Frau. Dazu kommen eine ganze Reihe weiterer Nebenwirkungen, die hier gar nicht aufgezählt werden. Ich finde es sehr schade, dass die Studie vorzeitig abgebrochen worden ist. Das Nebenwirkungen bei Hormongabe auftreten, war doch zu erwarten,oder?
imion 01.11.2016
2. Politisch gewollt
Es ist halt Politisch gewollt, das Männer solch ein Verhütungsmittel verwehrt wird. Nicht auszudenken, wenn Frauen nicht mehr allein entscheiden könnten, wann sie Schwanger werden, oder man bedenke, wenn die Lipido des Mannes [...]
Es ist halt Politisch gewollt, das Männer solch ein Verhütungsmittel verwehrt wird. Nicht auszudenken, wenn Frauen nicht mehr allein entscheiden könnten, wann sie Schwanger werden, oder man bedenke, wenn die Lipido des Mannes durch die Pille so gesenkt wird, wie die Lipido der Frau durch ihre Pille. Keine bezahlten Dates mehr, keine bezahlten Getränke, keine Versorgerehe sondern tatsächlich Arbeiten, wenn Frauen etwas wollen.
pendler678 01.11.2016
3. Bitte bleiben Sie bei den Fakten
Auch wenn man als Redakteur gerne eine eigene Meinung vertreten kann, sollte man doch wenigstens bei den Fakten ehrlich und sauber bleiben und sich auch einer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, wenn man über [...]
Auch wenn man als Redakteur gerne eine eigene Meinung vertreten kann, sollte man doch wenigstens bei den Fakten ehrlich und sauber bleiben und sich auch einer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, wenn man über gesellschaftlich relevante Themen schreibt. Bei korrekter Anwendung liegt der Pearl-index der Pille bei 0,1, und damit die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres nicht schwanger zu werden, bei 99,9%, und nicht bei 99%. Das mag jetzt kleinlich wirken, aber um das mal anders auszudrücken: Bei 1000 Paaren, die mit der getesteten Spritze verhüten, würden 15 Paare schwanger, bei der Pille nur 1 Paar. 14 ungeplante Kinder mehr auf 1000 Paare, oder, bei grob überschlagen 10 Mio "Paaren" im zeugungsfähigigen Alter in Deutschland, 140.000 ungeplante und teilweise auch ungewollte Kinder mehr pro Jahr, das wäre doch was, oder? Bei den Nebenwirkungen sollte man sich eventuell auch mal die Häufigkeit und Schwere der auftretenden Symptome anschauen, anstatt nur die Namen der Symptome zu vergleichen und festzustellen, dass da Überschneidungen vorkommen. Bleiben Sie bei den Fakten und interpretieren Sie nicht einfach darauf los.
moistvonlipwik 01.11.2016
4. Was nützt es den Frauen?
Es war keine "politische" Entscheidung: die Entwicklung wird von privatwirtschaftlich geführten Unternehmen durchgeführt, und denen geht es um die Aussicht auf einen Return of Investment. Und der ist offensichtlich [...]
Es war keine "politische" Entscheidung: die Entwicklung wird von privatwirtschaftlich geführten Unternehmen durchgeführt, und denen geht es um die Aussicht auf einen Return of Investment. Und der ist offensichtlich zweifelhaft. Im übrigen nützt derlei den Frauen wenig: im Falle des Versagers werden sie (und nicht der Mann) schwanger. Da werden es sich die meisten überlegen, sich in die Hand der Männer zu begeben
SilkeSchwekutsch 01.11.2016
5. Verhütung ist Sache beider Partner
Ich bedauere sehr, dass die Studie abgebrochen wurde. Verhütung ist Sache von Frau und Mann. Leider tragen bis heute die Frauen die allergrößten Teil und nehmen über Jahrzehnte die Pille ein. Vielen sind die Langzeitfolgen [...]
Ich bedauere sehr, dass die Studie abgebrochen wurde. Verhütung ist Sache von Frau und Mann. Leider tragen bis heute die Frauen die allergrößten Teil und nehmen über Jahrzehnte die Pille ein. Vielen sind die Langzeitfolgen nicht bekannt. Ich würde mich freuen, wenn zunehmend mehr Frauen sich mit dem Thema natürliche Verhütung beschäftigen würde. Natürlich verhüten geht! Nur bedarf es Zeit und Wissen, um zuverlässig natürlich zu verhüten. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, wenn auch die Männer mehr Verantwortung übernehmen würden.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP