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Gesundheit

Wechseljahrsbeschwerden

"Es wäre falsch, Hormone generell zu verteufeln"

Erst wurden sie verteufelt: Hormone in den Wechseljahren sollten das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs erhöhen. Dann zeigten Studien, dass die Therapie weniger riskant ist als befürchtet. Der Gynäkologe Kai Bühling erklärt, warum die Pillen vielen Frauen helfen, ohne zu schaden.

Corbis

Hitzewallungen in den Wechseljahren: Frauen sollten in Absprache mit ihrem Arzt nach der richtigen Therapie suchen

Freitag, 22.11.2013   19:55 Uhr

ZUR PERSON

SPIEGEL ONLINE: 2002 wurden Tausende von Frauen in Panik versetzt, Hormone in den Wechseljahren könnten schaden. Jetzt soll alles nicht so schlimm sein?

Bühling: Anlass war damals die Veröffentlichung der langjährigen Women's-Health-Initiative (WHI)-Studie mit mehr als 25.000 Frauen: Diejenigen, die Hormone eingenommen hatten, bekamen häufiger Brustkrebs, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Thrombosen. Bei der Auswertung hatte man damals aber alle Frauen in einen Topf geworfen. Heute wissen wir, dass diese Risiken nur für bestimmte Frauen gelten. Beginnt man früh, ist die Therapie wirksam und sicher.

SPIEGEL ONLINE: Warum wusste man das damals nicht?

Bühling: Die Forscher mussten die gesammelten Daten noch genauer auswerten. Lag bei Therapiebeginn die letzte Regel länger als zehn Jahre zurück oder war die Frau zu dem Zeitpunkt älter als 60 Jahre, ging dies mit einem höheren Risiko einher. Bei jüngeren Frauen war dies nicht der Fall. Je später nach der letzten Regel die Hormontherapie begonnen wurde, desto größer war zudem das Risiko für einen Schlaganfall.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das erklären?

Bühling: Bei älteren Frauen hat dauerhafter Östrogenmangel dazu geführt, dass sich Kalk in der Wand der Blutgefässe ablagert, die sogenannte Arteriosklerose. Beginnt man dann erst mit der Therapie, führen die Hormone dazu, dass sich die Plaques lösen und Blutgefäße in Hirn oder Herz verstopfen. Das nennen wir Infarkt. Fängt man dagegen frühzeitig an, also mit Beginn der Beschwerden oder direkt nach der letzten Regel, schützen Östrogene vor Arteriosklerose. Das haben damals zwar schon andere Studien gezeigt, aber erst die große WHI-Studie brachte Klarheit. Es wäre natürlich schöner gewesen, wenn alle Ergebnisse gleichzeitig veröffentlicht worden wären. So vergingen viele Monate der Unwissenheit. Aber auch die Journalisten sind mit schuld an der Fehlinformation.

SPIEGEL ONLINE: Warum das denn?

Bühling: Als 2002 die WHI-Studie publiziert wurde, stürzten sich die Journalisten auf die Nachteile - das brachte vermutlich mehr Schlagzeilen. Dass die Hormone bei einigen Frauen aber auch positive Effekte hatten, wurde nicht geschrieben. Das kann zusätzlich daran liegen, dass die Forscher darüber nicht berichteten. Die gesamte Kommunikation lief damals leider nicht optimal.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem angeblich erhöhten Krebsrisiko?

Bühling: Von 1000 50-jährigen Frauen ohne Hormontherapie bekommen in den kommenden zehn Jahren 46 Brustkrebs. Nehmen diese Frauen über mehrere Jahre Hormone ein, sind es sechs Frauen mehr. Vor Darmkrebs könnten die Hormone möglicherweise schützen, denn Frauen mit Hormontherapie erkrankten seltener daran. Außerdem wird das Risiko für Osteoporose gesenkt.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Frau raten Sie zu Hormonen?

Bühling: Das muss die Frau selbst entscheiden. Wichtig ist vor allem, dass Östrogene immer in Kombination mit Gestagenen gegeben werden, wenn die Frau ihre Gebärmutter noch hat. Denn Östrogene allein erhöhen das Risiko für Krebs in der Gebärmutterschleimhaut. Frauen, die keine Gebärmutter mehr haben, erhalten nur Östrogene. Ansonsten wähle ich das Präparat nach den sonstigen Beschwerden und Krankheiten aus. Einer Frau mit Akne verschreibe ich andere Hormone als jener, die keine Lust mehr auf Sex hat oder über Wasser in den Beinen klagt. Leidet eine Frau vor allem unter Beschwerden in der Scheide, kann eine lokale Therapie mit einer Östrogencreme reichen. Will eine Frau Hormone, damit sie sich generell besser fühlt, oder um ihre Haut zu verschönern, rate ich davon ab. Keine Hormone dürfen Frauen nehmen, die gerade wegen Brustkrebs behandelt wurden, kürzlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten oder ein erhöhtes Risiko dafür haben.

SPIEGEL ONLINE: Müssen diese die Beschwerden ertragen?

Bühling: Nein, natürlich nicht. Es gibt inzwischen einige gute hormonfreie Alternativen. Zum Beispiel das Medikament Venlafaxin, das eigentlich ein Antidepressivum ist. Auch alternative Heilverfahren sind eine gute Option. Aber die so sehr anzupreisen, wie das in manchen Internetportalen der Fall ist, wäre genauso falsch wie Hormone generell zu verteufeln. Zu einigen alternativen Verfahren gibt es Berichte, dass sie helfen, aber bei vielen fehlen noch gute Studien. Ich wünsche mir, dass es zukünftig eine ausgewogene Diskussion über Nutzen oder Nicht-Nutzen der Therapien gibt. Ich kann nur jeder Frau raten, sich von ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt die Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapien ausführlich erklären zu lassen und wenn man etwas nicht verstanden hat, immer nachzufragen.

NATÜRLICHE MITTEL GEGEN WECHSELJAHRSBESCHWERDEN

Das Interview führte Felicitas Witte

insgesamt 5 Beiträge
hschmitter 22.11.2013
1. Früher bekam man
Kinder, ohne sich aufwendig in Yoga-Atem-Spezialkursen darauf vorzubereiten. Früher machte man auch nicht so ein Gewese um die Wechseljahre. Inzwischen möchte man dem Mann auch schon Wechseljahre andichten. Wahrscheinlich, [...]
Kinder, ohne sich aufwendig in Yoga-Atem-Spezialkursen darauf vorzubereiten. Früher machte man auch nicht so ein Gewese um die Wechseljahre. Inzwischen möchte man dem Mann auch schon Wechseljahre andichten. Wahrscheinlich, damit ein Herr "Bühling im Interview 'erklären' kann, daß Hormone gut sind". Ich ahne da andere Zusammenhänge, die aus allem, was den Menschen ausmacht, eine Krankheit oder sehr sehr ernste Bedrohung machen, um dann Geld daran verdienen zu können.
NullRecherche 23.11.2013
2. Billigste PR
Soso Frau Witte fragt nach, bis der Experte nicht mehr weiterweiß. Ich glaube in diesem Fall hat sie das Fragen schon bei der Vorrecherche mal vorsichtshalber eingestellt, anders ist dieser himmelschreiende Schwachsinn nicht zu [...]
Soso Frau Witte fragt nach, bis der Experte nicht mehr weiterweiß. Ich glaube in diesem Fall hat sie das Fragen schon bei der Vorrecherche mal vorsichtshalber eingestellt, anders ist dieser himmelschreiende Schwachsinn nicht zu erklären. Nur 6 pro 1000 Frauen mehr die Krebs bekommen? Rechnen wir das doch mal hoch: Aktuell sind die geburtenstarken Jahrgänge in den Wechseljahren. Wenn man nur eine Alterspanne von 5 Jahren nimmt die relevant ist, kommt man auf 2,5 Mio betroffene Frauen. Das bedeutet, dass 2500 mal 6 = 15.000 Frauen mehr Krebs bekommen als ohne Behandlung. Wenn man davon ausgeht, dass es pro Jahr 490.000 Krebs-Neuerkrankungen gibt hieße das, wir nehmen einen Anstieg von knapp drei Prozent einfach mal so hin. Von einer tödlichen Krankheit. Vom volkswirtschaftlichen Schaden gar nicht zu sprechen. Abgesehen davon haben die Studien von vor zehn Jahren auch gezeigt, dass bei einer Östrogen / Progestin-Gabe das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall um 37,5 % erhöht ist. http://www.aerzteblatt.de/archiv/128465/Postmenopausale-Therapie-mit-und-ohne-Hormone-Was-in-der-Praxis-heute-zaehlt Die tolle Studie, die Herr Prof. Bühling da zitiert ist außerdem totaler Mist. Die wurde 1990-1993 durchgeführt und sollte eigentlich zeigen, dass Hormone gut gegen Osteoporose sind. Der Versuchsaufbau war damals schon fragwürdig und wurde dann nachträglich noch mal umgedeutet. Prof. Gerd Glaeske, der sonst sehr gerne im Spiegel zitiert wird, hat diese Studie buchstäblich in der Luft zerrissen. http://www.swr.de/swr2/wissen/hormontherapie-keine-entwarnung/-/id=661224/nid=661224/did=11596866/17p325r/ Zu guter letzt durfte Herr Prof. Bühling ja noch ein bisschen Werbung für Venlaxafin machen. Wenn es doch in Deutschland eigentlich ein Werbeverbot für solche Arzneimittel gibt, hilft der Spiegel gern aus.
markushatt 26.11.2013
3. Konsumfördernde Eigenschaft
alternativ hilft auch eine gesunde Lebensweiße um diese Effekte enorm zu reduzieren. - Oder man kann sich gegen Bezahlung auch mit Hormonen vollstopfen. Aufklärung ungleich Gewinn.
alternativ hilft auch eine gesunde Lebensweiße um diese Effekte enorm zu reduzieren. - Oder man kann sich gegen Bezahlung auch mit Hormonen vollstopfen. Aufklärung ungleich Gewinn.
klangschale 24.01.2014
4. Immer locker bleiben
Wechseljahre sind ein vollkommen natürlicher Vorgang im Körper einer Frau. Das Problem ist oft, dass sie als Zeichen für einen Alterungsprozess stehen, den Frauen schlecht ertragen können, weil sie in unserer Gesellschaft [...]
Wechseljahre sind ein vollkommen natürlicher Vorgang im Körper einer Frau. Das Problem ist oft, dass sie als Zeichen für einen Alterungsprozess stehen, den Frauen schlecht ertragen können, weil sie in unserer Gesellschaft vieles werden dürfen, aber sicher nicht älter. Mit dieser Einstellung einher geht die Ablehnung gegen körperliche Veränderungen Richtung Menopause, die die Symptome unter Umständen verstärken können. Ich behandle als Heilpraktikerin oft Patientinnen mit gynäkologischen Beschwerden, bei denen der Arzt nicht helfen kann oder die es ablehnen Hormone einzunehmen. Und viel wichtiger als die Wechseljahre durch Hormone künstlich zu unterdrücken ist es den Frauen ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass ihr Körper sich genau richtig verhält und gerade Höchstleistungen für eine gravierende Veränderung hinlegt. Hitzewallungen, Schlafstörungen und ähnliches nerven ab einem gewissen Punkt natürlich. Aber das kann man sehr gut Akupunktur behandeln. Bei gravierenden Beschwerden setze ich auch Phytotherapie ein und habe bisher noch nie erlebt, dass sich der Zustand nicht auf ein gut annehmbares Mass einpendelt. Dementsprechend würde ich immer empfehlen erstmal eine sanfte Behandlungsmethode zu substituieren, bevor man Hormone einsetzt. Ich habe aber auch den Eindruck, dass Professor Bühling das ähnlich sieht. Als Schulmediziner findet er Hormonbehandlungen natürlich grundsätzlich o.k.. Aber kann man ihm das tatsächlich vorwerfen? Ich halte es für kurzsichtig grundsätzlich Schulmedizin oder Alternativmedizin zu verteufeln. Jede Patientin muss für sich selbst abwägen was das richtige ist und sich ausführlich erkundigen bevor sie eine Behandlung beginnt.
parzivalchen 23.02.2016
5. Nun ja
Also alleine zu sagen Frauen stehen dem einfach nicht kräftig genug entgegen halte ich frü falsch, sondern es gibt einfach auch unterschiedliche Grade, nicht jede Frau empfindet das ebenso wie eine andere, manche haben einfach [...]
Also alleine zu sagen Frauen stehen dem einfach nicht kräftig genug entgegen halte ich frü falsch, sondern es gibt einfach auch unterschiedliche Grade, nicht jede Frau empfindet das ebenso wie eine andere, manche haben einfach ärgere wechseljahresbeschwerden und dann sollte man aber eben zu natürlichen Abhilen greifen, wie Isoflavon Dragees und co mit viel Soja und rotklee um sich dem natürlich entgegen zu stellen. Verteufeln muss man ja nicht, aber wenn es natürlicher und schonender für den Körper geht dann ist dazu zu raten.

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ZUR AUTORIN

  • Felicitas Witte
    Felicitas Witte fragt, bis selbst die besten Experten keine Antwort mehr haben. Die Ärztin und Journalistin prüft jede Studie auf Herz und Nieren und erklärt, was von angeblich bahnbrechenden neuen Therapien zu halten ist.

    Homepage von Felicitas Witte

Wechseljahre - Unkontrollierte Nervenimpulse durch Östrogenmangel

Wechseljahre (Klimakterium) beschreiben den natürlichen Lebensabschnitt von der fruchtbaren zur unfruchtbaren Phase einer Frau. Meist dauern die Wechseljahre fünf bis zehn Jahre. Menopause nennt man den Zeitpunkt, an dem die Frau das letzte Mal ihre Regel bekommt, im Durchschnitt geschieht das mit 52 Jahren. Danach produzieren die Eierstöcke nur noch sehr geringe Mengen an Östrogenen.

Hirnbereiche, die die Körpertemperatur und den Herzrhythmus kontrollieren, senden durch den Östrogenmangel unvermittelt und unkontrolliert Impulse aus. Das löst Herzklopfen aus, die Temperatur in der oberen Körperhälfte steigt, und es kommt zu Hitzewallungen und Schweißausbrüchen. Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen oder Rückenschmerzen können durch Hormonveränderungen mit bedingt sein, falls sie während der Wechseljahre erstmals auftreten. Bei vielen führt der Östrogenmangel auch zu einer trockenen Scheide.

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