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Gesundheit

Aktenzeichen XX

Sex in der Menstruation - ein Tabu?

Sex und Regel? Das passt für viele nicht zusammen. Aber wer ein paar Fakten und Möglichkeiten kennt, könnte seine Meinung schnell ändern.

Getty Images/iStockphoto
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Freitag, 08.06.2018   13:58 Uhr

Wie soll man einen Artikel über ein Thema beginnen, über das kaum jemand spricht und wenn, dann sehr, sehr ungern, nämlich: Sex in der Menstruation? Vielleicht ganz unten, mit einem unangenehm derben Hamburger Schnack: Ein echter Seemann sticht auch ins Rote Meer. So, jetzt ist es raus, das Tabu auf jeden Fall gebrochen. Und, lesen Sie trotzdem weiter?

Es gibt einen interessanten Fakt, der nach diesem etwas groben Einstieg vielleicht beruhigt: Natürlich ist Sex an den Tagen eine blutige Angelegenheit, aber es fließt viel weniger Blut, als die meisten von uns denken. Im Durchschnitt sind es 60 Milliliter während der gesamten Menstruation. Das ist etwa so viel wie ein doppelter Espresso.

Was hält uns also vom Sex während der Menstruation ab? Da ist zunächst das körperliche Unwohlsein, das einige Frauen stark einschränkt. Wer Unterleibskrämpfe und Rückenschmerzen hat, ist weniger scharf auf Sex, das ist logisch. Und manch eine hat die Menstruation wohl auch schon als Ausrede genutzt, wenn sie einfach keine Lust hatte - das zieht einfach besser als Kopfschmerzen.

Eine internationale Studie von Clue und dem Kinsey Institute Condom Use Research Team ergab, dass nur 15 Prozent aller befragten Frauen während der Menstruation ihre gewohnten sexuellen Aktivitäten ausüben, während 48 Prozent der befragten Frauen genitalen Sex während der Menstruation vermeiden. 41 Prozent der Frauen konzentrieren sich in diesem Fall lieber auf die Stimulation des Partners.

Wer hat denn in Wahrheit keine Lust auf Sex während der Tage?

Schon tun sich neue Fragen auf: Stimuliert auch jemand diese Frauen? Wer will denn eigentlich keinen Sex während der Menstruation, die Frau oder der Mann? Die Studienlage ist dünn, in Internetforen sind alle Meinungen vertreten, und fragt man im Bekanntenkreis, hat keiner damit ein Problem - oder keiner gibt es zu.

Oder ist Sex in dieser Zeit womöglich gefährlich? Die Erkenntnis, dass Menstruationsblut nicht giftig ist, konnte sich zumindest in der westlichen Welt inzwischen durchsetzen. Doch tatsächlich beschleunigt das Blut die Übertragung von bestehenden Infektionen, und der durch die Menstruation erweiterte Muttermund gewährt Krankheitserregern ungebremst Einlass. Wer den Bettgenossen nicht gut kennt, sollte also lieber ein Kondom zücken - aber das empfiehlt sich auch an allen anderen Tagen des Zyklus.

Wenn ein Mann nicht wüsste, dass eine Frau ihre Tage hat, würde er beim Sex im Dunkeln keinen Unterschied merken, sondern sich vielleicht sogar freuen, wie feucht sie ist. Die Überraschung kommt allerdings, wenn anschließend das Licht angeht. Daher: Lieber dunkle Bettwäsche benutzen, damit es danach nicht so aussieht, als müsste gleich der Tatortreiniger kommen.

Aktenzeichen XX - zur Autorin

Viel wichtiger aber ist es, dass es bei der sexuellen Befreiung auch um die Befreiung vom Schamgefühl während der Menstruation geht. Befreien wir uns endlich von der Angst, unsauber oder "eklig" zu sein! Denn bei aller Unsicherheit rund um dieses Thema ist eins gewiss: Optimierungswahn und Sex passen schlechter zusammen als Menstruation und Sex! Abgesehen davon sollte keine Frau sich jemals für einen natürlichen Vorgang ihres Körpers schämen.

Die erste Flex, die nicht kreischt

Für alle, die während der Periode nicht auf Sex verzichten möchten, sich aber doch irgendwie ekeln, gibt es eine Alternative, von der mir eine Hamburger Prostituierte erzählt hat. Weil sie nicht einmal im Monat arbeitsunfähig sein will, benutzt sie Naturschwämmchen oder Soft-Tampons - und sie ist überzeugt davon, dass noch nie ein Kunde etwas gemerkt hat.

Soft-Tampons sind aus Schaumstoff und sehen aus wie eine Mischung aus Bumerang und Viagra-Tablette. Sie haben keinen Faden, sondern eine Art Schlitz, in den man zum Rausholen den Finger stecken kann.

FLEX

Flex - eine Mischung aus Diaphragma und Kondom

Außerdem gibt es eine relativ neue Erfindung für unblutigen Sex, sie heißt "Flex" und ist seit Herbst 2016 auf dem Markt. Mit dem Trennschleifer, an den Männer bei dem Wort vermutlich zuerst denken, hat das Produkt nichts zu tun. Die Flex-Scheibe für Frauen erinnert an eine Mischung aus Diaphragma und Kondom. Sie wird in die Vagina eingeführt und verschließt den Gebärmutterhals, sodass dort nichts mehr fließen kann.

So wird Sex ein teures Vergnügen

Als positiv denkender Mensch könnte man jetzt sagen: Hurra, es ist ein neues Produkt für die menstruierende Frau erfunden worden, das erste seit dem Tampon im Jahr 1931 und der Menstruationstasse von 1937. Dass diese Erfindung allerdings in erster Linie dazu dient, den Männern beim Sex das Menstruationsblut vom Leib zu halten, könnte nachdenklich stimmen.

Übrigens wird so ein Flex nach der Benutzung entsorgt. Und da eine Packung mit acht Stück 15 Dollar kostet und man in die USA reisen müsste, um eine zu erwerben, wird der Sex an den Tagen damit ein teures Vergnügen. Übrigens: Weder Soft-Tampons noch das Flex sind Verhütungsmittel.

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Es gibt auch Frauen, die während der Menstruation besonders viel Lust auf Sex haben. Vagina und Klitoris sind in dieser Zeit besser durchblutet, frau spürt mehr. Manche erklären ihre Periode auch einfach zur "Anal Sex Week". Jede, wie sie mag.

Der Irrtum mit der Schwangerschaft

Es gibt sogar Männer, die einen Menstruationsfetisch haben. Bei denen fängt der Spaß an, wo er für manch anderen aufhört. Diese Männer finden es nicht nur besonders toll, Sex mit Frauen während ihrer Periode zu haben, es gibt auch Anbieter, die ihnen Dinge verkaufen, die andere Menschen im Müll entsorgen. Selbst die Porno-Industrie hat hier eine Kundennische erkannt, die verlässlich beliefert wird.

Was das Internet zu diesem Thema bereitstellt, könnte einen doch ein bisschen aus den Socken hauen. Vorsichtig formuliert: Wer eine sehr detailfreudige Gebrauchsanweisung zum Einsetzen und Herausziehen von Tampons oder Menstruationstassen sucht, findet sie auf den entsprechenden Fetischseiten.

Wer jetzt glaubt, dass Sex während der Menstruation zumindest den Vorteil hat, dass man nicht schwanger wird, irrt. Zwar wird die Gebärmutterschleimhaut in dem Moment abgebaut, aber es könnte sich längst wieder eine neue Eizelle auf Wanderschaft begeben haben.

Und man sollte nicht glauben, dass die Befruchtung nur beim Sex stattfindet. Hartnäckige Spermien schaffen es, bis zu sechs Tage im weiblichen Unterleib zu überleben. Wenn es also erst ein paar Tage nach dem Sex zum Eisprung kommt und 99 Prozent aller Samenzellen bereits die Grätsche gemacht haben, sitzt da plötzlich der Johannes Heesters unter den Spermien und kommt neun Monate später als Gewinner ganz groß raus.

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