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KarriereSPIEGEL

Gerüchte im Büro

Zum Nachtisch Klatsch mit Plaudertasche

Tuschelei bei Tisch: Weißt Du schon? Und dann beginnt der Tratsch - über den skurrilen Chef, die schwitzende Kollegin, die sexy Sekretärin. Für Klatsch-Opfer kann das Geschwätz bitter enden.

Corbis

Ich hab's genau gehört: Ein Großteil der Bürokommunikation ist Klatsch

Von Silvia Dahlkamp
Freitag, 31.07.2015   10:52 Uhr

"Gestern komme ich ins Büro. Steht da der Chef und hat den Arm um die Kirchner gelegt!" - "Ehrlich? Sag mal, die haben doch was miteinander, oder?" - "Dabei hat der Frau und Kinder zu Hause..."

"Sag mal, der Huber soll schon wieder eine Gehaltserhöhung bekommen haben. Ich frag mich, wie der das immer macht." - "Der schleimt sich halt ein. Hast du nicht gesehen, wie er neulich..."

Zwei Beispiele, die zeigen, wie Klatsch und Tratsch im Büro funktionieren: Mittags in der Kantine beginnt das Essen mit einem lockeren Gespräch, die Kollegen frotzeln über andere Kollegen. Beim Nachtisch wird es dann gehässig: Der Kollege hat die Sekretärin gelobt - klar, die haben eine Affäre. Alles nur Hörensagen, natürlich. Trotzdem bleibt was hängen.

Ob im Büro, an der Börse, an Nachbars Gartenzaun, beim Kneipenbesuch: "In zwei Drittel aller Gespräche werden Gerüchte verbreitet", sagt der Soziologe Christian Schuldt. Der Wissenschaftler am Zukunftsinstitut in Frankfurt sieht Flüsterpropaganda als Instrument der Selbstdarstellung: "Wer immer etwas Neues weiß, macht sich beliebt. Wer Klatsch-Wissen teilt, hat viele Komplizen."

Wer klatscht, will sich profilieren, oder Druck ablassen. Häufig auf Kosten anderer. Am schnellsten verbreiten sich pikante Details.

Souveräner Umgang mit Klatsch

1. Wie schütze ich mich vor Klatsch?

Wer weiß, worüber die Kollegen im Büro klatschen, wird selbst seltener zum Klatschopfer, sagt der Frankfurter Soziologe Christian Schuldt. Flurfunk sei ein wichtiges Instrument der Information: Beschäftigte großer Unternehmen beziehen fast zwei Drittel ihres des Jobwissens aus Gerüchten. Auch der berufliche Erfolg beruht nur zu 10 Prozent auf Fachkompetenz, aber zu 90 Prozent auf Beliebtheit und Bekanntheit - also letztlich auf Klatsch.

2. Wann wird man selber zum Klatschopfer?

Wem erzähle ich was? Wer kann Geheimnisse für sich behalten? Wer gibt vertrauliche Informationen ungefiltert weiter? Klatsch ist eine "diskrete Indiskretion" und darf nicht in jedem Fall weitergeleitet werden, sagt Schuldt. Es sei wichtig, immer informiert zu sein. Aber es sei auch gleichzeitig gefährlich, wahllos in alle Richtungen zu plaudern. Dann läuft man Gefahr, selbst zum Klatschthema zu werden.

3. Wann wird die Grenze zum Mobben überschritten?

Böse Gerüchte, üble Verleumdungen, Bettgeschichten - solche Themen haben in Bürogesprächen nichts zu suchen. Damit wird die Grenze zum Mobbing überschritten, das ist verboten. Es gibt klare Klatschregeln, und die haben immer etwas Versöhnliches, so Schuldt. Jede Klatschgeschichte will den Kollegen sanft anstupsen, aufzeigen: So ticken die Chefs und die Kollegen, so sind die kulturellen Werte des Teams oder des Unternehmens.

4. Warum sind Chefs solche Klatschmäuler?

An der Spitze ist es einsam, und mit Klatsch kann man Verbündete finden und gleichzeitig Feinde abwehren. Schuldt: Deshalb ist Klatsch oft ein beliebtes Mittel, um die eigene Macht im Unternehmen zu festigen. Besonders Vorgesetzte lästern gern über die Missgeschicke hochrangiger Kollegen und Konkurrenten.

5. Warum ist ein angenehmes Klatschklima wichtig?

Damit die Mitarbeiter ein Ventil haben, um Dampf abzulassen. Schuldt: Wer Gerüchte verbietet, produziert nur noch mehr Getuschel. Er ist sicher: Wenn die Mitarbeiter frei reden können, steigt die Motivation, steigen gleichzeitig der Teamgeist und das Wir-Gefühl.

Das bestätigen verschiedene Untersuchungen: 2006 erstellten etwa Forscher der schottischen St.-Andrews-Universität eine Studie nach dem Prinzip "stille Post". Zehn Freiwillige lasen vier Texte und mussten diese mit eigenen Worten zusammenfassen. Dann wurde dieses Schreiben von zehn weiteren Probanden gelesen. Nach vier Durchläufen verglichen die Wissenschaftler, was besonders im Gedächtnis geblieben war. Ergebnis: Kaum wichtige Fakten, aber Gossip über Lügen, Untreue und Intrigen.

Ähnlich das Ergebnis eines Tests, den der amerikanische PR-Blogger Jerry R. Wilson machte. Er untersuchte, wie sich Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet. Über Twitter verschickte er gute und schlechte Kundenerlebnisse. Ergebnis: Positive Nachrichten wurden nur bis zu dreimal weitererzählt, schlechte Nachrichten jedoch 33-mal.

Offenbar hilft Trash auch gegen Stress: Wie heißt der neue Chef? Sind Kündigungen geplant? Bevor die Geschäftsleitung es verkündet, wabern erste Gerüchte über den Flur - und darüber reden, das beruhigt die Nerven, erkannten Forscher der University of California.

Sie prüften, wie Menschen reagieren, wenn sie ahnen, dass etwas Unrechtes geschehen wird. Ihr Versuch: In einem Spiel verstieß ein Team-Kamerad immer wieder gegen die Regeln. Die Zuschauer, die ihn beobachteten, reagierten mit Stress: Bei jeder Gemeinheit stieg ihre Herzfrequenz. Der Herzschlag beruhigte sich jedoch, wenn sie die "Opfer" vorher warnen durften.

Evolutionsforscher sagen: Die Neigung, Gerüchte zu verbreiten, ist angeboren. Experimente mit Affen zeigen, dass die Primaten sogar für wichtige Informationen bezahlen. Damit sie ein ranghöheres Männchen beobachten dürfen, geben die Tiere ihren Fruchtsaft ab. Verlangen aber gleichzeitig Fruchtsaft, wenn niedrigergestellte Affen sie beobachten wollen.

Geben und nehmen - so ist die Natur des Klatsches. Und wer es geschickt anstellt, der nutzt Plaudertaschen, um einen eigenen Vorteil zu erhalten. Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön nennt ein Beispiel: "Ich lasse am Bahnhof einen Fremden am Schalter vor, der sonst seinen Zug verpasst. Meine Bekannten in der Schalterhalle sehen das und reden gut über mich. Ich werde also später von meinem guten Ruf profitieren."

Wo verläuft die Grenze zum Mobbing?

Schlimm wird es, wenn spontane Sticheleien zu gezielten Verleumdungen werden. "Das kann im Extremfall zu Rufmord führen, sogar Karrieren zerstören," sagt der Münchener Coach Dieter Schlund. "Wenn Informationen gestreut werden, um die Betroffenen zu demütigen und auszugrenzen, ist das Mobbing. Denn dann wollen die Angreifer nicht lästern, sondern ihre Opfer 'eliminieren'."

Männer und Frauen tratschen gleich gern, ermittelte der Bielefelder Soziologe Jörg Bergmann. Wenn auch über verschiedene Themen: Beide plaudern gern über das jeweils andere Geschlecht, Frauen allerdings deutlich gehässiger oder mitfühlender als Männer. Die hingegen tratschen vornehmlich über das neue Auto des Nachbarn, das iPhone des Kollegen oder die Figur ihrer Geliebten.

Stichelei oder Mobbing? Wabern am Arbeitsplatz ständig Gerüchte, schadet das der Produktivität im Team, sagt Christiane Stempel, Arbeitspsychologin an der Universität Leipzig.

Und was antwortet man also, wenn der Kollege Frau Kirchner in flagranti ertappt haben will? Man wechselt geschickt das Thema: "Apropos Chef, wann findet unsere Teambesprechung genau statt?" Und wenn der Kollege über die Gehaltserhöhung des Kollegen lästert? Dann könnte man zum Beispiel sagen: "Bald gibt es doch Urlaubsgeld, wohin fahren Sie denn dieses Jahr?"

sid/dpa

insgesamt 10 Beiträge
werbungspamschund 31.07.2015
1. Wer klatscht und tratscht drängt sich selber in die Ecke.
Wer schlau ist, der hält den Mund. Und bekommt eben aus diesem Grund seine Gehaltserhöhungen.
Wer schlau ist, der hält den Mund. Und bekommt eben aus diesem Grund seine Gehaltserhöhungen.
info121 31.07.2015
2.
"Ich lasse am Bahnhof einen Fremden am Schalter vor, der sonst seinen Zug verpasst. Meine Bekannten in der Schalterhalle sehen das und reden gut über mich. Ich werde also später von meinem guten Ruf profitieren." [...]
"Ich lasse am Bahnhof einen Fremden am Schalter vor, der sonst seinen Zug verpasst. Meine Bekannten in der Schalterhalle sehen das und reden gut über mich. Ich werde also später von meinem guten Ruf profitieren." Wenn man selbst die einfachsten kleinen Nettigkeiten derart auf Kosten/Nutzen analysiert könnte ich echt kotzen... Was ist mit der Empathie? Was ist mit dem Wunsch anderen Leuten zu helfen? Gibts es das in der heutigen Gesellschaft denn noch?
heidschnucke 31.07.2015
3. Als ich in die Chefetage befördert wurde,
hörte ich, wie eine Kollegin lästerte "die hat sich hochgeschlafen". Ich konterte "warum gelingt Ihnen das nicht, Sie sind doch viel hübscher als ich". Das saß, vor allem weil ihre Gesprächsteilnehmer laut [...]
hörte ich, wie eine Kollegin lästerte "die hat sich hochgeschlafen". Ich konterte "warum gelingt Ihnen das nicht, Sie sind doch viel hübscher als ich". Das saß, vor allem weil ihre Gesprächsteilnehmer laut lachten.
ThoR1234 31.07.2015
4. Urlaubsgeld?
"Und wenn der Kollege über die Gehaltserhöhung des Kollegen lästert? Dann könnte man zum Beispiel sagen: "Bald gibt es doch Urlaubsgeld, wohin fahren Sie denn dieses Jahr?" " Mir persönlich ist niemand [...]
"Und wenn der Kollege über die Gehaltserhöhung des Kollegen lästert? Dann könnte man zum Beispiel sagen: "Bald gibt es doch Urlaubsgeld, wohin fahren Sie denn dieses Jahr?" " Mir persönlich ist niemand bekannt, der diesen Luxus genießen darf. Weihnachtsgeld ja, aber Urlaubsgeld? MfG
yshitake 31.07.2015
5. Corpsgeist
Ich pflege an meinem Arbeitsplatz 99% berufliche Dinge zu besprechen. Sozialer Austausch findet nur mit meinen 100%-igen Freunden statt, mit denen ich schon viele Jahre auch abseits der Arbeit etwas zu tun haben will. Lästereien [...]
Ich pflege an meinem Arbeitsplatz 99% berufliche Dinge zu besprechen. Sozialer Austausch findet nur mit meinen 100%-igen Freunden statt, mit denen ich schon viele Jahre auch abseits der Arbeit etwas zu tun haben will. Lästereien gibt es immer, aber selbst da bleibe ich strikt auf fachlicher Ebene. Lästern über Äußerlichkeiten oder Beziehungs-, und Prostitutionsstatus sind Markenzeichen eines weit unten liegenden Niveaus, mit dem sich jeder mittelfristig selbst für die höheren Weihen disqualifiziert.

Erste Hilfe bei Mobbing

  • Corbis
    Der Mobbingberater Dieter Schlund gibt zehn Tipps für Arbeitnehmer, die sich im Job angegriffen fühlen:

    • • Lassen Sie sich nicht provozieren. Bleiben Sie sachlich, auch wenn es schwer fällt.
    • • Gehen Sie dem Angreifer aus dem Weg.
    • • Gehen Sie aus dem Konfliktfeld heraus, indem sie beispielsweise den Raum verlassen.
    • • Biedern Sie sich nicht an, machen Sie sich nicht "klein".
    • • Holen Sie Hilfe - beim Betriebsrat, Vorgesetzten, betrieblichen Sozialdienst.
    • • Sprechen Sie mit Freunden und der Familie über die Situation.
    • • Suchen Sie eine Mobbing-Selbsthilfegruppe auf, in der Sie andere Betroffenen kennen lernen.
    • • Nehmen Sie die Leistungen einer Beratungsstelle oder eines Mobbingtelefons in Anspruch.
    • • Kontaktieren Sie einen Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Arbeitsrecht.
    • • Tanken Sie Energie, etwa beim Sport. Suchen Sie Entspannung.

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