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KarriereSPIEGEL

Guter Klang für die Karriere

Schweizer erfindet Baby-Namen für 28.000 Franken

Hollywood-Promis nennen ihre Kinder Nahla, Sparrow oder Zuma. Hauptsache, sie sind die ersten, die so heißen. Der Schweizer Marc Hauser hat daraus ein Geschäft gemacht.

imago/Westend61

Jedes Baby ist einzigartig - aber viele heißen Sophie

Ein Interview von
Montag, 09.05.2016   09:32 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Hauser, Sie bieten an, für 28.000 Franken den perfekten Kindernamen zu finden. Warum sollte jemand dafür so viel Geld ausgeben?

Hauser: Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sich der Name auf die Karriere auswirkt. Wenn ein Lehrer drei Mal Ärger mit Schülern hatte, die Kevin heißen, wird er dem vierten Kevin nicht mehr unvoreingenommen begegnen. Wir übertragen ständig unbewusst Bilder auf Personen, die wir noch gar nicht kennen. Deshalb ist es von Vorteil, einen Namen zu haben, der einmalig ist und nicht negativ besetzt sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie erfinden also für das Kind ein ganz neues Wort?

Hauser: Ja, so wie wir das für Firmen seit mehr als zehn Jahren machen. So ist auch die Idee entstanden: Ein Kunde, für den wir ein Produkt benennen sollten, hatte sich mit seiner Frau über den Namen für ihr Baby gestritten und meinte dann im Scherz: Könnt ihr das nicht übernehmen?

SPIEGEL ONLINE: Und das haben Sie dann getan?

Hauser: Nein, dafür war die Zeit bis zur Geburt zu knapp. Wir brauchen mindestens sechs bis acht Wochen für einen neuen Namen. Mit einem wilden Scrabble-Spiel hat das nichts zu tun. An der Namensfindung sind bis zu 20 freie Mitarbeiter beteiligt. Wir arbeiten eng mit den Eltern zusammen und besuchen Sie auch zu Hause. Manche möchten zum Beispiel, dass der Name Bezug auf die Wurzeln der Familie nimmt, andere wollen das auf keinen Fall. Der Kulturkreis und die Werte der Eltern sind wichtig, genauso wie Phonetik, Rhythmus und Takt.

Zugelassene Vornamen

Sind diese Namen in Ordnung?
DPA

Viele Paare wünschen sich für Söhne oder Töchter möglichst ungewöhnliche Namen. Ein Name darf einem Kind aber nicht schaden, auch das Geschlecht soll erkennbar sein - Auszüge aus Begründungen für Vornamen, denen die Gesellschaft für deutsche Sprache zustimmte.
Nemo
Nemo ist in Wilfried Seibickes Historischem Deutschen Vornamenbuch als männlich verzeichnet. Im Lateinischen bedeutet nemo "niemand". Einem breiteren Publikum bekannt wurde der Name Nemo durch Jules Vernes Roman "20.000 Meilen unter dem Meer": Der Kommandant des U-Boots Nautilus lässt sich mit "Kapitän Nemo" anreden. Nemo ist auch der Name eines kleinen Fisches aus einem Kinofilm. Nemo, traditionell ein Jungenname, hat sich deshalb in der letzten Zeit weiter durchgesetzt. Auch die formale Analogie zu männlichen Namen wie Adamo, Anselmo, Cosimo, Emmo, Heimo, Immo, Jeronimo, Reimo, Salomo, Tammo, Timmo dürfte zu seiner Anerkennung beigetragen haben. Zudem ist andererseits an die italienischen bzw. spanischen Vornamen Nemore, Nemorio, Nemorino und Nemoroso zu denken, zu denen leicht die Kurzform Nemo zu bilden ist.
Legolas
Auch literarische Namen können als reguläre Vornamen betrachtet werden. Legolas geht auf den Roman von John R. R. Tolkien zurück. Für die letzten Jahre wären etwa Smilla (Mädchenname, zurückgehend auf einen Roman von Peter Høeg) oder Aragorn (Jungenname, ebenfalls auf Tolkien zurückgehend) als Beispiele bzw. Vorbilder anzuführen. Vanessa, gebildet von Jonathan Swift, ist ein älterer Beleg. Die Namen, die Tolkien seinen Gestalten beilegt, folgen altenglischen, walisischen oder gälischen Formen oder sind solchen nachempfunden, sodass sie wie traditionelle Vornamen wirken und entsprechend gedeutet werden können.
Destiny
Das englische Wort destiny für "Bestimmung, Schicksal" hat sich in den letzten Jahren im angloamerikanischen Raum als Vorname durchgesetzt und besonders als Mädchenname verbreitet. 1993 nennt Daniel A. Richman ihn in seinem Buch "From Aaron to Zoe. 15,000 Great Baby Names" als weiblichen Vornamen. In den folgenden Jahren nahm die Beliebtheit von Destiny in Nordamerika zu, und dieser Name wurde auch für Jungen vergeben. Angesichts vieler Belege kann man sich wohl dem Elternwunsch nach Billigung dieses Vornamens nicht verschließen. Destiny wurde von der Gesellschaft für deutsche Sprache schon mehrmals bestätigt.
Niksa
Der Vorname Niksa (auch in den Varianten Nischa, Niksha, Nikha) ist in slawischen Sprachen - u.a. im Serbokroatischen - belegt, als weiblicher, aber auch als männlicher Vorname. Als männlicher Vorname gehört er als Koseform zu Vornamen wie Nik/Nika/Niko, die zu Nikanor bzw. Nikola/Nikolaj zurückführen. Nur im Bulgarischen existiert Nikha/Niks(ch)a als weiblicher Vorname; hier handelt es sich um eine Anpassung des rumänischen weiblichen Namens Neacsa. Einer Eintragung von Niksa als Jungenname steht nichts im Wege.

SPIEGEL ONLINE: Ich stelle es mir ziemlich anstrengend vor, ständig seinen Namen erklären zu müssen.

Hauser: Unsere Kreationen sind intuitiv verständlich. Aber kein Name funktioniert überall auf der Welt. Wenn Sie mit jemandem aus Finnland zusammenarbeiten, müssen Sie sich auch buchstabieren lassen, wie er heißt. Und nicht jeder muss einen Namen bei uns bestellen. Den meisten Menschen reicht es, einmal im Lexikon nachzuschlagen. Meine Töchter haben auch herkömmliche Namen, sie heißen Noëlle und Simone. Aber für unsere Kunden hat dieser klassische Findungsprozess nicht funktioniert, deshalb kommen sie zu uns.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn das für Menschen?

Hauser: Sagen wir mal so: Es sind Leute, die genug Aufmerksamkeit bekommen und die keine weitere Prominenz wünschen. Und die einen gewissen Druck empfinden, einen Namen für ihr Kind zu wählen, für den sie nicht ausgelacht werden, so wie einige Hollywoodpaare, die deshalb zu Lachnummern wurden.

SPIEGEL ONLINE: Suri, Nahla Ariela und Zuma Nesta Rock sind älter als Ihr Namensservice. Kreieren Sie überhaupt englische Namen?

Hauser: Ja, die meisten Anfragen kommen aus Nordamerika und Asien. Viele haben einen multikulturellen Hintergrund und zum Beispiel Vorfahren aus Großbritannien, Venezuela und Mexiko. Das spielt alles bei der Namensfindung eine Rolle und macht die Arbeit so spannend. Und wir überprüfen in den zwölf weltweit am häufigsten gesprochenen Sprachen, dass unsere Namen keine negativen Konnotationen haben.

Abgelehnte Vornamen

Und was spricht gegen diese Namen?
Die Gesellschaft für deutsche Sprache schreibt viele Gutachten, wenn Eltern Namensvorschläge einreichen, die von den Standesämtern nicht ohne weiteres anerkannt werden. Die Beispiele für abgelehnte Vornamen sind oft kurios.
Huckleberry
Sicherlich ist Mark Twains literarische Gestalt des Huckleberry Finn altbekannt, doch Huckleberry ist weder im Englischen noch im Deutschen als Vorname anzusehen. Huckleberry Finn (oft Huck, selten auch Hucky genannt), Sohn des Ortstrunkenbolds, ist in den Jugendromanen Mark Twains gewissermaßen ein Kuriosum und gilt vielen als Außenseiter. Bezeichnenderweise findet bzw. fand sich das Wort im amerikanischen Slang und beschreibt z. B. "einen Menschen, der gerade für einen bestimmten Zweck benötigt wird". Englisch-deutsche Wörterbücher weisen Huckleberry als "Amerikanische Heidelbeere" aus - wir haben es also zunächst mit einem Pflanzennamen zu tun. Huckleberry gibt es darüber hinaus als Familiennamen, auch hin und wieder in Deutschland. Aus all dem ergibt sich, von einer Eintragung abzuraten.
Tiger
Wir haben über zwanzig englische und angloamerikanische Vornamenbücher durchgesehen, aber nur in einem fanden wir einen Hinweis, dass Tiger in den Vereinigten Staaten gelegentlich als Vorname gebraucht wird. Als Beispiel wird ein Musiker namens Tiger Haynes genannt. Bei dem Golfspieler Woods sind wir nicht sicher, ob Tiger sein echter, "amtlicher" Vorname ist oder nur ein ehrender Beiname. Ob diese Beispiele genügen, um Tiger auch in Deutschland als Vornamen anzuerkennen, ist eine namensrechtliche Frage, die nur Juristen entscheiden können. Wir machen jedoch darauf aufmerksam, dass in Deutschland ein etwas anderes Namensrecht gilt als in den Vereinigten Staaten. Danach sind bei uns Wörter des allgemeinen Sprachgebrauchs wie z.B. Tierbezeichnungen (Pferd, Hund, Katze, Adler, Amsel und eben auch Tiger, Leopard, Panther) als Vornamen nicht zugelassen.
Leuis
Die Schreibweise ist nicht belegt, zudem stellt die Aussprache eine Schwierigkeit dar.
Caruso
Der Name ist nur als Familiennamen belegt.
Puppe
Gegenstandsbezeichnungen sind als Vornamen unzulässig.
Berlin, London und Casablanca
Ortsnamen sind als Vornamen unzulässig. Es gibt auch Ausnahmen, die sich mittlerweile durch den häufigen Gebrauch, etwa in Amerika, als Vorname etabliert haben, z. B. Sydney, aber Berlin, London und Casablanca sind als Vornamen nicht belegt.
M.
Buchstaben haben keinen Vornamencharakter.
Friedensreich
Friedensreich ist nur als Künstlername belegt. Friedensreich Hundertwasser hieß eigentlich Friedrich Stowasser, als tatsächlicher Vorname ist Friedensreich unbelegt.

SPIEGEL ONLINE: Garantieren Sie auch, dass die zuständigen Behörden die Namen akzeptieren?

Hauser: Nein, das können wir nicht, weil die juristische Lage sehr unterschiedlich ist. In liberalen Ländern wie den USA geht eigentlich alles durch, in der Schweiz und in Deutschland kommt es auf den Einzelfall an. Und in Österreich sind die Regeln besonders streng, deshalb ist das für uns gar kein Markt.

SPIEGEL ONLINE: Ob die Namen auch den Kindern gefallen, werden Sie erst in zehn Jahren erfahren. Haben Sie Angst vor den ersten Rückmeldungen?

Hauser: Die meisten unserer Kunden werden ihren Kindern wohl gar nicht offenlegen, wie der Name entstanden ist. Einen Namen für ein Kind auszusuchen, ist etwas sehr intimes, das merke ich auch immer wieder an den emotionalen Reaktionen auf unser Angebot: Wer keinen Namen aussuchen kann, sollte gar keine Kinder haben, meinen einige. Wenn die Kunden das wünschen, liefern wir deshalb auch eine Mythologie zum Namen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erfinden passende Heldensagen?

Hauser: Wir erfinden kein Märchen im Stil der Gebrüder Grimm, aber wir denken uns eine mögliche Entstehungsgeschichte aus. Jeder Name ist irgendwann mal erfunden worden oder hat sich über die Zeit etabliert. Wie und wann, ist gar nicht so wichtig. Im Grunde geht es nur darum, zu wissen, wie es gewesen sein könnte.

insgesamt 83 Beiträge
dbrown 09.05.2016
1. 25.000 Euro für einen komischen Namen?
Manche Eltern haben aber echt Sorgen, meine Güte! Was für ein elitärer Quatsch. Naja, solange nicht so verkorkste Gestalten dabei herauskommen wie bei Kindern von sogenannten Prominenten...
Manche Eltern haben aber echt Sorgen, meine Güte! Was für ein elitärer Quatsch. Naja, solange nicht so verkorkste Gestalten dabei herauskommen wie bei Kindern von sogenannten Prominenten...
Gordon Cole 09.05.2016
2. Fake is the new original
Aber das Geschäftsmodell gefällt mir :-D
Aber das Geschäftsmodell gefällt mir :-D
silberwoelfin 09.05.2016
3. Das würde
Ich für billiger und schneller schaffen...
Ich für billiger und schneller schaffen...
cs01 09.05.2016
4.
Leute wie Uwe Ochsenknecht oder Jamie Oliver hätten mal in diesen Service investieren sollen. Leisten hätten sie es sich können. Dann wäre ihren Kindern einiges erspart geblieben. Aber damals gab es den Service wohl noch [...]
Leute wie Uwe Ochsenknecht oder Jamie Oliver hätten mal in diesen Service investieren sollen. Leisten hätten sie es sich können. Dann wäre ihren Kindern einiges erspart geblieben. Aber damals gab es den Service wohl noch nicht.
rst2010 09.05.2016
5. eigentlich
haben alle name eine bedeutung, sozusagen ein programm, das sich die eltern mit der namenswahl erhoffen; bedeutungslose, erfundene silbenaneinenanderreihungen sind keine namen, sorry. und ab und an kommt blödsinn raus, so wie bei [...]
haben alle name eine bedeutung, sozusagen ein programm, das sich die eltern mit der namenswahl erhoffen; bedeutungslose, erfundene silbenaneinenanderreihungen sind keine namen, sorry. und ab und an kommt blödsinn raus, so wie bei dem namen 'flatex', der so klingt, als wäre es ein medikament gegen blähungen, aber irgendwas mit finanzen zu tun hat ...

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