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KarriereSPIEGEL

Wichtigkeitslüge im Büro

Auf Sie kommt es gar nicht an

Sie glauben, Sie seien auf der Arbeit unersetzlich? Fehlanzeige. Es läuft auch prima, wenn Sie weg sind. Und das ist gut so.

Getty Images

Arbeiten im Urlaub? Lieber nicht

Von Volker Kitz
Samstag, 11.03.2017   07:37 Uhr

Als ich noch Angestellter war, brach ich einmal in einen Urlaub auf. Mein Chef fragte, wie man mich erreichen könne. "Gar nicht", antwortete ich. Das stimmte, denn ich war auf dem Weg zu einem der raren Landstriche, die der modernen Kommunikation noch trotzen.

Der Chef schaute griesgrämig. "Na ja", knurrte er, "die Welt wird nicht untergehen."

"Da wäre ich nicht sicher", entgegnete ich. "Die Welt kann jederzeit untergehen. Aber wenn ich der Einzige bin, der sie retten kann, sollten wir noch einmal über mein Gehalt sprechen."

Dieser Kurzdialog entlarvt eine weitere Lebenslüge des Arbeitslebens. Jedem ruft es zu: "Auf dich kommt es an, du machst den Unterschied! Ohne dich liefe nichts." Das bedient ein tiefes menschliches Bedürfnis: bedeutend zu sein. Es ist uns allen eingepflanzt - besonders denjenigen, die betonen, gern im Hintergrund zu stehen.

Nicht auf dich kommt es an, sondern auf deine Arbeit

Weil uns die Parolen der Arbeitswelt schmeicheln, hinterfragen wir sie nicht. So sind viele Menschen davon überzeugt, dass ihre Organisation für das Weltgeschehen eine existenzielle Bedeutung hat - und sie wiederum innerhalb der Organisation.

Aus dem Bett wie aus dem Urlaub schicken sie E-Mails im Glauben, der Planet würde ohne sie verpuffen. Doch es gibt nur wenige Probleme, die am Sonntagmorgen auftauchen und sofortige Aktivität fordern. Die meisten waren am Freitag schon da und/oder können am Montag gelöst werden.

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Dabei ist die Botschaft "Auf dich kommt es an" nicht grundsätzlich falsch. Richtig ist dieser Teil: Auf deine Arbeit kommt es an. In vielen Betrieben gerät der Ablauf durcheinander, wenn ein Schreibtischstuhl leer bleibt oder eine Thekenkraft ausfällt. Bei guter Organisation ist jede Tätigkeit ein Rad im Getriebe, ohne das, so klein es sein mag, das Getriebe stottert.

Bloß: Wer diese Arbeit erledigt, ist egal. Jede Tätigkeit ist wichtig. Doch jeder Mensch ist ersetzbar. Auf niemanden kommt es an. Das ist die Wahrheit des Arbeitslebens. Sie trampelt auf unserem Bedürfnis nach Bedeutung herum, doch wird sie deswegen nicht weniger wahr.

Ist es schlimm, wenn wir uns für bedeutender halten, als wir sind? Tun wir das nicht ständig? Ist es nicht unabdingbar für unser Selbstwertgefühl? Bis zu einem gewissen Grad ja.

Doch das "Auf dich kommt es an"-Gesäusel im Arbeitsleben birgt zwei Gefahren: Erstens den Schlag ins Gesicht, wenn die alltäglichen Erfahrungen der vorgeblichen Wichtigkeit nicht entsprechen. Zweitens den Hang zur Selbstaufopferung, die beiden Seiten Unheil bringt.

Der Glaube an unsere Unersetzbarkeit stürzt uns ins Unglück

Erstens, die Enttäuschung: Dass jeder Mensch ersetzbar ist, lernen die einen früh und schmerzlich, die anderen spät und schmerzlich. Manche sind ernüchtert, wenn sie im Urlaub zwei Tage keine E-Mails lesen und der Laden trotzdem läuft. Anderen öffnet erst der Ruhestand die Augen, wenn ihre Arbeit von heute auf morgen ein anderer macht und die Welt sich weiterdreht, als wäre nichts gewesen.

Im besonderen Widerspruch zum "Auf dich kommt es an"-Bekenntnis steht die Glorifizierung der Teamarbeit. Das fängt damit an, dass heute jede Organisation ein einziges Team ist, das "fantastische Team", dem auf der Weihnachtsfeier pauschal gedankt wird.

Der Einzelne spielt keine Rolle. Es ist gerade nicht gewollt, dass jemand hervorsticht, dass eine einzelne Leistung erkennbar wird, dass ein Einzelner gelobt oder kritisiert wird. Es soll kein Thema sein, dass das Vorstandsmitglied mehr zum Erfolg der Organisation beigetragen hat als der Pförtner - oder umgekehrt.

Herausforderungs-Blabla: Lasst uns endlich über Routine sprechen

Zweitens, die Selbstaufopferung: Wer unersetzlich ist, darf seine Organisation nicht im Stich lassen. Dafür geben viele ihr Leben. Manche opfern nur zwei Jahre, doch sind es die beiden Jahre, in denen man sein Kind hätte ins Bett bringen können, bevor es lernte, sich selbst schlafen zu legen.

Sich wichtiger zu fühlen, als man ist, führt paradoxerweise nicht selten dazu, dass man sich unter Wert verkauft. Viele treten mit Opfern in Vorleistung - und gehen davon aus, dass der Arbeitgeber in ihrer Schuld steht. Dass er sich eines Tages erkenntlich zeigt, mit mehr Geld, mehr Karriere. Stattdessen kann mancher Arbeitgeber noch nicht einmal alle weiterbeschäftigen.

Eine solche Enttäuschung macht zynisch, verbittert, krank. Herzinfarkte, Depressionen, Krebsarten sehen Wissenschaftler im Zusammenhang mit enttäuschten Erwartungen im Arbeitsleben. Mancher stellt seine Arbeit still ein und holt sich zurück, was er unentlohnt vorgeleistet hat. Wirtschaftlich wird er für seinen Arbeitgeber zum Fiasko.

Dass wir alle ersetzbar sind, ist leicht einzusehen. Es ist nicht unsere Ersetzbarkeit, die uns ins Unglück stürzt, sondern der Glaube an unsere Unersetzbarkeit. Gehen wir gelassener damit um, dass wir weniger wichtig sind, als uns die Arbeitswelt einredet, dann arbeiten wir besser, entspannter, gesünder. Und verkaufen uns nicht unter Wert.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss".

insgesamt 40 Beiträge
kulinux 11.03.2017
1. Wer sich für
weiss nur noch nicht, dass "wichtig" von "Wicht" kommt ;-)
weiss nur noch nicht, dass "wichtig" von "Wicht" kommt ;-)
bismarck_utopia 11.03.2017
2.
Guter, sehr zustimmungswürdiger Artikel, ich hoffe, dass er so manchem in positiver Weise die Augen öffnet.
Guter, sehr zustimmungswürdiger Artikel, ich hoffe, dass er so manchem in positiver Weise die Augen öffnet.
stoffi 11.03.2017
3. Stimmt nicht immer
Wenn ich mal nicht da war, lief es nicht und viel blieb für mich liegen. Als ich dann in Rente war und einen früheren Kollegen traf, erzählte er mir, das nun alles drunter und drüber ging und vieles einfach nicht mehr gemacht [...]
Wenn ich mal nicht da war, lief es nicht und viel blieb für mich liegen. Als ich dann in Rente war und einen früheren Kollegen traf, erzählte er mir, das nun alles drunter und drüber ging und vieles einfach nicht mehr gemacht wurde. Der Kunde ist der Leidtragende, der weiss es aber nicht.
kfp 11.03.2017
4. Zwang zur Wichtigkeit
Dummerweise haben das wohl inzwischen genügend Menschen gemerkt, dass das Unersetzbarsein eine Illusion ist, und würden entsprechend auch gerne beruflich einen Gang herunterfahren und das Leben nicht zu kurz lassen. Doch dafür [...]
Dummerweise haben das wohl inzwischen genügend Menschen gemerkt, dass das Unersetzbarsein eine Illusion ist, und würden entsprechend auch gerne beruflich einen Gang herunterfahren und das Leben nicht zu kurz lassen. Doch dafür hat die Wirtschaft perfide Tools in Formen von Befristung, Zeitarbeit, freiberuflicher Tätigkeit u.ä. eingeführt, so dass jeder neue Arbeitnehmer heute gezwungen ist, sich zumindest wichtiger zu machen als die 20 Bewerber, die vor der Tür stehen und sofort willig für noch weniger Gehalt in die Breschen springen würden, wenn man nur oft genug abends früher heimgeht, um den Kindern ihre Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. So hat man die Wahl zwischen Geschichte-Lesen und Hartz4 oder eben sich Wichtigmachen wider besserer Überzeugung...
noregrets 11.03.2017
5. Jeder muß ersetzbar sein
Wenn jemand ausfällt und dann etwas nicht mehr funktioniert, dann ist das ein organisatorisches Problem und liegt nicht an einer einzelnen Person. Wenn diese Person alleine über Fähigkeiten/Wissen verfügt, die kein anderer [...]
Wenn jemand ausfällt und dann etwas nicht mehr funktioniert, dann ist das ein organisatorisches Problem und liegt nicht an einer einzelnen Person. Wenn diese Person alleine über Fähigkeiten/Wissen verfügt, die kein anderer hat, ist das ebenfalls ein organisatorisches Problem. Es muß also heißen "Jeder muß ersetzbar sein!" Ich stimme dem Autor zu, mein Firmensmartphone bleibt am Wochenende und natürlich erst recht im Urlaub aus. Diese Erkenntnis hat auch bei mir lange gedauert, doch jetzt habe ich deutlich mehr vom Leben.

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