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KarriereSPIEGEL

Richtig beeindrucken im Büro

In fünf Minuten zum Intellektuellen

Kennen Sie dieses Gefühl: Irgendwann kommt raus, dass Sie null Ahnung von nichts haben? Wir haben da ein paar Tricks, mit denen sich dieser Moment weit nach hinten verschieben lässt.

plainpicture/Westend61/Sigrid Gombert

Mehr Schein als Sein: Das geht ganz einfach

Eine Satire von manager-magazin-Redakteurin
Donnerstag, 16.03.2017   14:34 Uhr

In wenigen Schritten zum Vorzeige-Intellektuellen? Das kann doch niemals klappen! Meinen Sie. Aber schon mal davon gehört, dass Dreistigkeit siegt? Es klappt schon deshalb, weil niemand ernsthaft glauben wird, dass Sie wirklich mit einer so simplen Masche unterwegs sind.

1. Legen Sie sich eine Killerphrase zu

Meine habe ich Anfang der Neunzigerjahre von einem deutschen Studenten in Paris aufgeschnappt: "Die ganze Welt ist ein Form-Inhalt-Problem". Zack. Der sitzt, immer! Im Meeting, wenn jemand moniert, dass die Grafik doch ganz andere Aussagen nahelegt als das, was Sie gesagt haben: "Ja. Aber die ganze Welt ist ja bekanntlich ein Form-Inhalt-Problem."

Der Chef kommt im neuen karierten Wurstpelle-Sakko? Das Kantinenessen sieht wieder eklig aus? Die neue Produktidee aus der Entwicklung kann Sie nicht überzeugen? Alles kein Problem: Sie bringen Ihren bewährten Satz.ç

Erst gut ein Vierteljahrhundert, nachdem ich diesen Satz zu meiner Killerphrase erkoren hatte, kam die erste Nachfrage, was ich denn genau damit meinen würde. Von einem jungen, ehrgeizigen Kollegen. Ich geriet zugegebenermaßen etwas ins Rudern, konnte aber noch abfedern (siehe Punkt 5). Mittlerweile hege ich den dringenden Verdacht, dass "Was genau meinst du damit?" auch nur genau das ist: eine Killerphrase. Ganz schön schlau, der junge Kollege!

2. Pars pro Toto: Der Trick mit der Jahreszahl

AFP

Steht schon ganz schön lange da: Der Eiffelturm. Seit 1889, genau gesagt. Wussten Sie das auch?

Fast jeder möchte als gebildet gelten. Genauso, wie fast jeder gern ein Buch geschrieben hätte (allerdings fast niemand furchtbar gerne ein Buch schreibt - das Geschriebenhaben fühlt sich eben viel besser an). Aber Hand aufs Herz, können Sie sich merken, um was genau es beim Dreißigjährigen Krieg ging, was und wen Napoleon so alles erobert hat oder wer die Schlacht beim Kahlenberg gewonnen hat?

Das müssen Sie auch nicht. Alles, was Sie brauchen, ist eine einzige Jahreszahl. Und da gehen Sie dann in die Tiefe, aber ganz weit. Wenn Sie dieses Spezialwissen ab und zu elegant aus dem Ärmel schütteln, glaubt jeder, dass Sie die Basics ohnehin sicher drauf haben, und zwar alle. Das ist das Pars-pro-Toto-Prinzip: Der kleine Teil steht fürs Ganze.

Mein Pars-pro-Toto-Jahr ist 1889. Da wurde der Eiffelturm fertiggestellt. Und das berühmte Varieté Moulin Rouge eröffnete. Und es ist das Geburtsjahr von Ludwig Wittgenstein, Adolf Hitler und Charlie Chaplin, drei Männern, deren Lebenswege sich doch sehr unterschiedlich entwickelt haben. Außerdem wurde die brasilianische Flagge geändert: Sie zeigt seither den Stand der Gestirne über Rio de Janeiro am 15. November 1889 um 8:30 Uhr, weil zu diesem Zeitpunkt die Proklamation der brasilianischen Republik erfolgte. Die Friedensaktivistin Bertha von Suttner veröffentlichte ihren Roman "Die Waffen nieder!" Und am 7. November kam die erste Expeditionsreise nach Kiel zurück, die sich allein dem Thema Plankton gewidmet hatte!

Jetzt müssen Sie nur noch einen Anknüpfungspunkt finden. Wenn wieder irgendjemand mit einem Hitler-Vergleich kommt: Gleich Wittgenstein und Chaplin auffahren - und sagen: Wenn schon Hitler vergleichen, dann auch richtig, nämlich mit Leuten aus seinem Jahrgang. Oder am 15. November aus dem Fenster schauen und sagen: Hach, heute denke ich sehr an Brasilien. Undsoweiter. Ihnen fällt da schon etwas ein. Plankton ist natürlich auch immer ein beliebtes Smalltalk-Thema (schließlich ist es wirklich sehr, sehr klein)!

3. Lernen Sie irgendetwas auswendig

DEFD

"Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt": Die ersten Worte aus Goethes "Faust" passen auch prima für einen ganz normalen Montagmorgen im Büro

Ihr Bildungsschatz ist doch arg begrenzt? Macht nichts. Nehmen Sie sich ein, zwei Stunden Zeit und lernen Sie Schillers "Glocke" auswendig, die ersten zehn Zeilen von Shakespeares "Hamlet" und den berühmten "To be or not to be"-Monolog (bitte auf Englisch und mehr als drei Zeilen) oder die Zueignung von Goethes "Faust", die dem eigentlichen Drama vorangestellt ist, plus ein paar Mehrzeiler aus beliebigen anderen Teilen des Stücks und die letzten vier Zeilen.

Dann noch ein bisschen was Abseitiges: Woody Allen ist immer gut ("Die Bösen haben etwas von dem begriffen, wovon die Guten keine Ahnung haben"), ein, zwei eher kryptische Sachen von klassischen japanischen oder chinesischen Philosophen, et voilà.

Der Kunstgriff: Wenn die Sprache auf Bildung kommt, sagen Sie, es werde zu wenig auswendig gelernt, es wäre doch immens hilfreich, eine kleine Handbibliothek im Kopf zu haben. Man wird Sie fragen, was Sie denn bitte auswendig können. Sie werden verlegen und sagen, gut, es sei eine kleine Spinnerei von Ihnen, aber Sie hätten tatsächlich mal den "Faust" ganz auswendig gelernt. Spätestens, wenn Sie die ersten zwanzig Zeilen der Zueignung heruntergeleiert haben, wird Ihnen jeder Zuhörer lieber glauben, als tatsächlich noch zweieinhalb Stunden lang zuzuhören.

Sie dagegen sagen einfach souverän: "Ich raffe ein bisschen", bringen Ihre Mittel- und Schlusszeilen, und fertig ist der Mythos um Ihre Person. Breiter aufgestellt sind Sie natürlich, wenn Sie dann noch ein paar Brocken Klingonisch beherrschen - Sie wissen schon, die runzelstirnigen Außerirdischen aus Star Trek. Nerdtum kommt immer gut, vor allem bei jüngeren Unternehmen. Qapla'!

4. Stellen Sie Thesen auf. Viele Thesen.

AFP

Symmetrie ist die Ästhetik der Doofen. Versuchen Sie mal, das elegant zu widerlegen.

Es gibt einen einfachen Grundsatz: Man benötigt immer weniger Intelligenz, um eine These aufzustellen, als man braucht, um sie zu widerlegen. Der first mover ist also klar im Vorteil. Sagen Sie etwas Tiefsinniges wie: "Symmetrie ist die Ästhetik der Doofen" und lehnen Sie sich behaglich zurück, während Ihr Gegenüber sich mit der Gegenargumentation abplagt.

Schon wegen seiner Prägnanz wird Ihr sorgsam in Form gefeiltes Aperçu (Sie haben natürlich einen kleinen Vorrat davon) eher positiv im Gedächtnis bleiben als das improvisierte Geschwafel, das dann kommt.

Das funktioniert selbst dann, wenn ihr Gegenüber diesen Artikel auch gelesen hat und Ihre Eröffnung mit "Was genau meinen Sie damit?" kontert, denn Sie haben ja immer noch Punkt 5 im Portfolio.

5. Mit der Wahrheit lügen: Erzählen Sie ganz offen, dass Sie nur Tricks draufhaben

DPA

Alles nur getrickst: Das glaubt Ihnen keiner, wenn Sie es offenherzig zugeben

Diese Tricks funktionieren so gut, dass Sie jetzt den ultimativen move of awesomeness wagen können: Erzählen Sie allen, dass es nur Tricks sind, die sie aus einer Aufzählung aus dem Internet haben. Behaupten Sie, dass Sie von Geschichte keine Ahnung haben und sich nur diese eine Jahreszahl merken können (wissen Sie sie noch? 1889!).

Sagen Sie, dass "Die ganze Welt ist ein Form-Inhalt-Problem" seit 30 Jahren Ihr Killer-Satz ist. Das wirkt so souverän, dass niemand glauben wird, dass es die Wahrheit ist. Sie stehen also am Ende nicht nur als Intellektuelle(r) da, sondern auch als lustiger, bescheidener Kollege.

(Was mich betrifft: Natürlich kann ich den "Faust" wirklich auswendig. Aber bisher hat mir leider noch niemand bis zum Ende zuhören wollen.)

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