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Nach Germanwings-Katastrophe

Unangekündigte Drogentests für Piloten

Deutsche Piloten müssen sich ab Freitag auf Drogen- und Alkoholtests einstellen - eine Konsequenz aus der Germanwings-Katastrophe. Die Pilotenvereinigung Cockpit hält die Maßnahme für das völlig falsche Signal.

DPA

Pilot im Cockpit

Donnerstag, 20.04.2017   18:04 Uhr

Ab Freitag müssen die rund 12.000 Piloten in Deutschland mit unangekündigten Drogen- und Alkoholtests rechnen. Die Maßnahme wurde 2016 vom Bundestag beschlossen und soll Katastrophen wie den Germanwings-Absturz künftig verhindern.

Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) ist mit der Regelung unzufrieden und fordert europaweite verbindliche Hilfsprogramme. "Mit Drogen- und Alkoholtests hätten wir das Germanwings-Unglück nicht verhindert", sagte Cockpit-Sprecher Markus Wahl SPIEGEL ONLINE.

Die Pilotenvereinigung hatte die verpflichtenden Kontrollen deshalb zunächst abgelehnt. "Man darf die Menschen mit psychischen Problemen nicht in den Untergrund treiben", sagte Wahl: "Die Piloten sprechen sich ab, wenn morgens einer zur Kontrolle muss. Die anderen melden sich dann womöglich krank. Dann haben wir irgendwann einen zweiten Lubitz."

Getty Images

Gedenkstein für die Absturzopfer in Le Vernet

Co-Pilot Andreas Lubitz hatte die Germanwings-Maschine am 24. März 2015 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf über den französischen Alpen abstürzen lassen, alle 150 Insassen kamen ums Leben. Lubitz soll an einer Angststörung gelitten haben. Die Vereinigung Cockpit sieht die Drogentests noch immer kritisch, "aber die sind politisch gewollt, wir können sie nicht mehr verhindern".

Therapeuten sollen Piloten engmaschig betreuen

Bis jetzt ist es bei den deutschen Fluggesellschaften nicht gelungen, einheitliche Tarifverträge zu den Drogentests abzuschließen. Stattdessen strebten die Airlines eine Regelung über Betriebsvereinbarungen an, die noch nicht in allen Fluggesellschaften vorlägen, wie VC-Sprecher Wahl sagte.

Knackpunkte: Die Piloten wollen sich vor Konsequenzen schützen, falls die Testergebnisse fehlerhaft sind: Sie fordern das Anrecht auf eine B-Probe und genaue Regelungen über den technischen Ablauf.

Die Interessenvertretung fordert als Ergänzung zu den Tests eine Ausweitung von sogenannten Peer-Support-Programmen, professionellen Hilfsangeboten für die Piloten. Anders als die Drogentests wurde dies jedoch bisher nicht gesetzlich festgeschrieben. Die Peer-Support-Programme seien hundertmal effektiver als reine Drogen- und Alkoholtests, so VC-Sprecher Wahl.

Ärzte und Therapeuten sollen sich dabei engmaschig um die Piloten kümmern und für Gefahrenmomente besonders sensibilisiert sein - egal, ob es um Suchterkrankungen oder andere persönliche Probleme geht. "Die großen Airlines haben so etwas schon", sagte Wahl. Die Lufthansa betreibe ihr Programm seit 30 Jahren. Man dürfe den Kosten- und Personalaufwand nicht scheuen und müsse das Angebot bekannter machen: "Jeder Pilot muss wissen, dass es das gibt und wie er es nutzen kann."

mja/dpa

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