Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Schulung für Chirurgen

Ärzte proben für Terroranschlag - mit Brettspiel

Ein Bombenanschlag mit Dutzenden Verletzten - auf solche Notfälle sind deutsche Krankenhäuser nicht ausreichend vorbereitet, finden Unfallchirurgen. Sie wollen das ändern.

DPA

Unfallchirurgen simulieren im Universitätsklinikum in Frankfurt am Main die Versorgung von Verletzten

Freitag, 19.05.2017   17:10 Uhr

Das angenommene Szenario: In einer Fußgängerzone einer deutschen Großstadt gibt es einen Terroranschlag, bei dem rund 120 Menschen verletzt werden. Alle kommen in die umliegenden Krankenhäuser. Wie gehen Unfallchirurgen in so einer Notsituation vor? Bei einer Schulung am Frankfurter Uni-Klinikum konnten Ärzte das am Freitag üben - an einem Brettspiel.

Die Idee: Die Ärzte müssen in Sekundenschnelle über das Schicksal einzelner Patienten entscheiden. Wer kommt sofort in den OP-Raum? Wer wird zunächst auf die Station eingewiesen? Die Ärzte dürfen um Personal würfeln und müssen "Ereigniskarten" ziehen. Auf denen steht zum Beispiel, dass ein Gerät nicht funktioniert.

Was sich eher nach einem merkwürdigen Gesellschaftsspiel für hartgesottene Ärzte anhört, ist ein Test für den Ernstfall. Zum ersten Mal hat die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) zusammen mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr einen Kurs zu Grundlagen der Terror- und Katastrophenchirurgie angeboten.

DPA

Oberstarzt Benedikt Friemert vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm

"Wir simulieren eine Mangelsituation", sagt Benedikt Friemert vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm zu dem Spiel, das er zusammen mit Koblenzer Kollegen entwickelt hat. Der Arzt geht davon aus, dass bei einem Anschlag anders als bei einem zivilen Unglück die Verletzten in der Regel in die nächstbeste Klinik kommen. Dort müsse mit den begrenzten Ressourcen die Sichtung der Verletzten erfolgen. "Es geht dann um die Frage, wie behandle ich viele Menschen möglichst gut."

Die Bundeswehr soll der Zivilmedizin nicht nur bei Fragen der Organisation weiterhelfen, sondern auch bei Verletzungsmustern. Nach Bombenexplosionen oder Anschlägen mit großkalibrigen Sturmgewehren wie beim Überfall auf den Pariser Konzertsaal Bataclan im November 2015 droht Opfern beispielsweise schnelles Verbluten - solche Verletzungsarten kennen zivile Krankenhäuser bisher kaum. Sofortiges Operieren ist oft dringend geboten.

DPA

Projektion eines Fotos, das eine Situation nach einem Anschlag zeigt

Bei dem Kurs gehe es nicht um Panikmache, sondern die Vorbereitung auf den Ernstfall, sagt DGU-Generalsekretär Reinhard Hoffmann. "Die Bedrohungslage ist da." Künftig wolle die DGU zusammen mit der Bundeswehr bundesweit Kurse zur Versorgung im Terrorfall anbieten.

In anderen Ländern wie Schweden habe die Politik solche Notfallpläne zur Chefsache gemacht, sagt Hoffmann. Dagegen interessiere sich die Politik in Berlin wenig für die Initiativen der DGU, kritisiert er. Dabei geht es aus seiner Sicht auch um Geld - zum Beispiel für die Kosten der Kurse.

Thomas Maier, dpa/fok

insgesamt 12 Beiträge
keine-#-ahnung 19.05.2017
1. Mal abgesehen davon ...
... dass mir nicht klar ist, was bei einem Terroranschlag anders sein soll als bspw. bei einem Zugunglück mit solchen Verletztenzahlen - schön, dass wir in 2017 anfangen, uns mit solchen Problemen auseinandersetzen zu müssen. [...]
... dass mir nicht klar ist, was bei einem Terroranschlag anders sein soll als bspw. bei einem Zugunglück mit solchen Verletztenzahlen - schön, dass wir in 2017 anfangen, uns mit solchen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Klingen mir da nicht noch die Worte von Herrn Maas im Ohr, dass der Terror nichts mit ... na egal. Die Triage gehört auch bei einem Anschlag nicht in die Klinik, die hat vor Ort durch den leitenden Notarzt organisiert zu werden. Und dann werden die Verletzten halt wie üblich auf die Häuser verteilt ... Einzig die Verletzungsmuster können anders sein, als bei zivilen Katastrophen - müssen sie aber auch nicht zwingend.
murksdoc 19.05.2017
2. mehr-#-ahnung
Verletzungen nach Terroranschlägen sind gleichzusetzen mit Kriegsverletzungen, nicht mit denen "konventioneller" Unfallszenarien. Also mehr penetrierende Verletzungen und Amputationen, offene Verletzungen und Eröffnung [...]
Verletzungen nach Terroranschlägen sind gleichzusetzen mit Kriegsverletzungen, nicht mit denen "konventioneller" Unfallszenarien. Also mehr penetrierende Verletzungen und Amputationen, offene Verletzungen und Eröffnung grosser Körperhöhlen, anstatt stumpfer, geschlossener und auf bestimmte Körperregionen begrenzter Verletzungen.
keine-#-ahnung 20.05.2017
3. Das diskutieren Sie mal ...
... mit den französischen Kollegen, die sich um die Opfer von Nizza gekümmert haben. Oder mit denen aus Berlin ... Und ich habe ja geschrieben, dass die Verletzungsmuster abweichen KÖNNEN. Ich habe vor dem Studium im [...]
Zitat von murksdocVerletzungen nach Terroranschlägen sind gleichzusetzen mit Kriegsverletzungen, nicht mit denen "konventioneller" Unfallszenarien. Also mehr penetrierende Verletzungen und Amputationen, offene Verletzungen und Eröffnung grosser Körperhöhlen, anstatt stumpfer, geschlossener und auf bestimmte Körperregionen begrenzter Verletzungen.
... mit den französischen Kollegen, die sich um die Opfer von Nizza gekümmert haben. Oder mit denen aus Berlin ... Und ich habe ja geschrieben, dass die Verletzungsmuster abweichen KÖNNEN. Ich habe vor dem Studium im Rahmen der Ausbildung zum Offizier für medizinische Sicherstellung zumindest die Taktik des medizinischen Dienstes der NVA kennengelernt, ob es da Unterschiede zum Sanitätsdienst des Bundes gibt und wie sich die in den letzten Jahren weiterentwickelt hat ... keine-#-ahnung :-)! Kern beim Miltär war zumindest Mitte der achtziger Jahre vorrangig der möglichst schnelle Transport der Verwundeten zum Verbandplatz des Truppenteils durch nichtärztliches "Personal", um dort die Triage durchzuführen - ein im Krieg an der "Front" mit vielen dislozierten Verwundeten und in der Spezialisierung gestaffelten Verbandplätzen und Feldlazaretten sinnvolles Vorgehen. Bei einem Terroranschlag auf einem i.d.R. eng begrenzten Raum kann die Triage und die Entscheidung über das Ziel des Transportes der Verletzten dagen zwanglos vor Ort erfolgen, da ärztliches Personal dort i.d.R. in ausreichendem Maß zur Verfügung steht. Das sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe - diesbezüglich wüsste ich nicht, was man da vom Sanitätsdienst Sinnvolles lernen könnte.
ice945 20.05.2017
4.
Zugunglücke passieren nun mal meist nicht mitten am Hauptbahnhof einer Großstadt, sondern irgendwo im Nirgendwo. Dass dann die Verletzen mit Krankenwagen und Hubschraubern wenn möglich auf Krankenhäuser im Umland verteilt [...]
Zitat von keine-#-ahnung... dass mir nicht klar ist, was bei einem Terroranschlag anders sein soll als bspw. bei einem Zugunglück mit solchen Verletztenzahlen - schön, dass wir in 2017 anfangen, uns mit solchen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Klingen mir da nicht noch die Worte von Herrn Maas im Ohr, dass der Terror nichts mit ... na egal. Die Triage gehört auch bei einem Anschlag nicht in die Klinik, die hat vor Ort durch den leitenden Notarzt organisiert zu werden. Und dann werden die Verletzten halt wie üblich auf die Häuser verteilt ... Einzig die Verletzungsmuster können anders sein, als bei zivilen Katastrophen - müssen sie aber auch nicht zwingend.
Zugunglücke passieren nun mal meist nicht mitten am Hauptbahnhof einer Großstadt, sondern irgendwo im Nirgendwo. Dass dann die Verletzen mit Krankenwagen und Hubschraubern wenn möglich auf Krankenhäuser im Umland verteilt werden, ist klar. Aber sie werden i.d.R. nicht auf die Krankenhäuser einer Stadt verteilt, sondern in mehrere Städte. Ist dann in einem Krankenhaus abzusehen, dass es eng wird, kann ggf. auf ein anderes Krankenhaus in der gleichen Stadt ausgewichen werden. Von uns aus sind 6 größere Krankenhäusen in 6 verschiedenen Städten innerhalb von 20 bis 40 Minuten erreichbar. Wird in in Krankenhaus 1 von Stadt A ersichtlich, dass es zu Engpässen kommt, kann Krankenhaus 2 aus der gleichen Stadt schnell aushelfen. Wenn ich aber überlege, dass eine Stadt alleine mehrere hundert mehr oder weniger schwer verletzte Menschen auf seine Notaufnahmen verteilen muss, sieht die Sache ganz anders aus. Nicht nur, was die möglichen Verletzungen angeht, sondern auch was die gegenseite Unterstützung mit Personal oder Ausrüstung angeht. Außerdem kommt m.E. nach noch eine andere Komponente hinzu. Ein Zugunglück wirkt sich anders auf das medizinische Personal aus als ein Terroranschlag. Passiert ein Zugunglück, weil vielleicht eine Schranke defekt war und ein Auto zur falschen Zeit über den Bahnübergang gefahren ist, dann ist das zwar schrecklich, aber eben "nur" das. Ein Terroranschlag hat sein Ziel schon im Namen: Terror. Terroranschläge passieren nicht wegen defekter Technik, oder weil jemand hinterm Steuer eingenickt ist. Sie sind immer ein Angriff auf die Gesellschaft und zu der gehören auch die Ärtze, Schwestern und Pfleger in einem Krankenhaus. Auch wenn sie nicht die Verwunedeten sind, gilt ein Anschlag immer auch ihnen als Teil der Gesellschaft. Glaube ich, dass Ärzte trotzdem ihren Job machen werden. Ja. Glaube ich aber auch, dass ein gewisses Maß an Training ihnen ihren Job in einem solchen Moment "erleichtert": Auch hier, ja. Auch wenn der Vergleich ein bisschen seltsam klingt: Wie sicher ist sich der durchschnittliche Autofahrer mit der stabilen Seitenlage? Vor 20 Jahren einmal im Erste-Hilfe-Kurs gemacht, und dann nie wieder. Ich würde zwar einem Verletzten helfen, aber ob ich richtige Entscheidungen treffe? Lieber ein geschulter Arzt, der auch bei ungwöhnlichen Verletzungen eine ansatzweise richtige Bauchentscheidung treffen kann (und nichts anders wird häufig in solchen Stresssituation passieren), als ein Arzt in Schockstarre. (Note to self: Für neuen Erste-Hilfe-Kurs anmelden...)
murksdoc 21.05.2017
5. @keine-#-ahnung
Genau das habe ich getan (das Thema mit französischen Kollegen, allerdings denen aus Paris, und mit denen aus Berlin und München diskutiert). Darauf basiert meine Meinung.
Genau das habe ich getan (das Thema mit französischen Kollegen, allerdings denen aus Paris, und mit denen aus Berlin und München diskutiert). Darauf basiert meine Meinung.

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP