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KarriereSPIEGEL

Premiere an einem katholischen Krankenhaus

Ärzte-Gewerkschaft lobt Streikende

Es ist ein Tabubruch: Eigentlich dürfen Mitarbeiter katholischer Krankenhäuser nicht streiken. 50 haben es dennoch gewagt.

DPA

Streikende Pflegerin (Symbolbild)

Mittwoch, 11.10.2017   16:29 Uhr

Erstmals hat es in Deutschland nach Gewerkschaftsangaben einen Warnstreik an einem katholischen Klinikum gegeben. Rund 50 Beschäftigte legten am Mittwoch an der katholischen Klinik im saarländischen Ottweiler ihre Arbeit nieder. Das Ziel: ein Tarifvertrag zu ihrer Entlastung. Der Warnstreik habe pünktlich um 6.00 Uhr begonnen und solle 24 Stunden dauern, sagte Ver.di-Gewerkschaftssekretär Michael Quetting.

Der Streik ist hoch umstritten. Laut Ver.di ist er legal, dem Arbeitgeber zufolge nicht. Kirchliche Einrichtungen schlössen generell keine Tarifverträge mit Gewerkschaften, hatte die Marienhausklinik im saarländischen Ottweiler zuvor erklärt.

Vielmehr folgten sie arbeitsrechtlich dem sogenannten Dritten Weg. Dabei verhandeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer paritätisch besetzten Kommission miteinander. Deshalb kann ein Angestellter auch seinen Job verlieren, wenn sein Lebenswandel nicht den Lehren der Kirche entspricht - eine Scheidung kann so die Kündigung bedeuten.

Der dritte Weg lässt keinen Streik zu

Die Dienstgeberseite der Arbeitsrechtlichen Kommission (AK) des Deutschen Caritasverbands verurteilte den Warnstreik. Der Dritte Weg sei durch die Verfassung geschützt und lasse keinen Streik zu, erklärte AK-Sprecher Norbert Altmann. Es sei verantwortungslos, die Beschäftigten durch einen Warnstreik arbeitsrechtlichen Risiken auszusetzen.

Die Ärzte-Gewerkschaft Marbuger Bund sieht das ganz anders und solidarisiert sich mit den Streikenden. Der Landesvorsitzende Markus Hardt erklärte in einem offenen Brief, die derzeitige Personalbesetzung sei unzureichend, die Sicherheit der Patienten gerate in Gefahr. Die Arbeitgeber dürften sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen.

In Hessen wurden bereits am Dienstag Kliniken bestreikt, außerdem Häuser in Bayern und in Düsseldorf, insgesamt acht. Hinzu kommen Solidaritätsaktionen an rund 80 anderen Krankenhäusern in ganz Deutschland.

koe/dpa

insgesamt 37 Beiträge
vobe 11.10.2017
1. Der "dritte Weg" gehört endlich abgeschafft!
Das eigentliche Problem ist doch, dass sich die Kirchen herausnehmen, elementare Arbeitnehmerrechte zu missachten. In keinem normalen Arbeitsverhältnis wäre eine Entlassung aufgrund einer Scheidung oder ähnlichem zulässig. [...]
Das eigentliche Problem ist doch, dass sich die Kirchen herausnehmen, elementare Arbeitnehmerrechte zu missachten. In keinem normalen Arbeitsverhältnis wäre eine Entlassung aufgrund einer Scheidung oder ähnlichem zulässig. Warum bei kirchlichen Arbeitgebern? Und vor allem bei Personal, welches nicht hauptsächlich zur Vermittlung des Glaubens da ist. In einer modernen Gesellschaft sollte der Staat die Krankenhäuser leiten, er finanziert sie ja i.d.R. auch hauptsächlich. Dann hätten auch alle Arbeitnehmer normale Rechte inklusive Streik.
laracrofti 11.10.2017
2. Es wird auch Zeit,
dass man solchen Institutionen Grenzen aufzeigt. Es gibt keinen Grund, warum kirchliche Krankenhäuser einen "dritten Weg" haben sollten, sie nehmen schließlich auch das gleiche Behandlungsgeld wie alle anderen Kliniken [...]
dass man solchen Institutionen Grenzen aufzeigt. Es gibt keinen Grund, warum kirchliche Krankenhäuser einen "dritten Weg" haben sollten, sie nehmen schließlich auch das gleiche Behandlungsgeld wie alle anderen Kliniken auch (und nicht weniger, aus Gründen der Nächstenliebe zum Beispiel). Und warum kirchliche oder gar kommunale Krankenhäuser Gewinne erwirtschaften müssen ist mir schleierhaft aber verwerflich. Pfleger, Krankenschwestern und Reinigungskräfte müssten nur 24h mal richtig streiken, dann würden die Patientenangehörigen der Klinikverwaltung und dem Management auf den Kopf springen, dass die endlich mal diese Berufsgruppen besser bezahlen und behandeln.
skeptikerjörg 11.10.2017
3. Christlich?
Im Arbeitsrecht ist die katholische Kirche und deren Organisationen als Arbeitgeber ebenso wenig christlich, wie es die CSU in der Asyl- und Zuwanderungsfrage ist. Übrigens sind die evangelischen Kirchen nicht viel besser. [...]
Im Arbeitsrecht ist die katholische Kirche und deren Organisationen als Arbeitgeber ebenso wenig christlich, wie es die CSU in der Asyl- und Zuwanderungsfrage ist. Übrigens sind die evangelischen Kirchen nicht viel besser. Höchste Zeit, mal über die anachronistische Gesetzgebung in Deutschland, die all die Schlupflöcher für die Kirchen öffnet, konstruktiv nachzudenken.
53er 11.10.2017
4. Was haben den die Kirchen
für Gründe, nicht mit Gewerkschaften zu verhandeln? Ist ihnen das vielleicht zu schmuddelig oder hält sie Gewerkschaftler gar für sündige Mitglieder unserer Gesellschaft. Glaubt sie vielleicht, hinter all den Forderungen der [...]
für Gründe, nicht mit Gewerkschaften zu verhandeln? Ist ihnen das vielleicht zu schmuddelig oder hält sie Gewerkschaftler gar für sündige Mitglieder unserer Gesellschaft. Glaubt sie vielleicht, hinter all den Forderungen der Mitarbeiter steckt nur unverholene Gier? Oder steckt hinter all dem Gehabe nur die übertünchte Angst, als Arbeitgeber seine vorgesteckten Regeln etwas aufweichen zu müssen und den bequemen Sonderstatus ein bisschen zu verlieren? Franziskus übernehmen Sie!
hwdtrier 11.10.2017
5. Dumme Frage
Weshalb arbeiten Pfleger lieber in katholischen als staatlichen Krankenhäusern und weshalb gehen Patienten lieber in katholische als andere Krankenhäuser? Natürlich gibt es auch dort zuwenig Personal. Aber wer gleichzeitig die [...]
Weshalb arbeiten Pfleger lieber in katholischen als staatlichen Krankenhäusern und weshalb gehen Patienten lieber in katholische als andere Krankenhäuser? Natürlich gibt es auch dort zuwenig Personal. Aber wer gleichzeitig die Höhe der Krankenkassen bejammert darf nichts anderes erwarten. Mehr Pflege hat ihren Preis. Wer bei der SPD arbeitet wird entlassen wenn er gegen die Regeln der SPD verstößt. Wer bei den Gewerkschaften arbeitet muss deren Positionen vertreten sonst wird er gefeuert. Weshalb sollen Kirchen nicht dasselbe Recht haben.
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