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KarriereSPIEGEL

Albtraum eines Chefs

Der Quatsch mit den Jahresgesprächen

Mit dem Herbst kommen die Mitarbeitergespräche. Die werden von vielen Chefs gefürchtet, weil sie oft mit großem Aufwand verbunden sind - bei null Effekt. Wie wäre es dieses Jahr mal mit einer anderen Lösung?

Getty Images/Westend61

Selbstgebastelte Kastanienfiguren

Eine Kolumne von
Freitag, 03.11.2017   08:04 Uhr

Wenn sich die Blätter an den Bäumen gelb und rot verfärben, seine Frau ihm die dicke Jacke rauslegt und die Uhr umgestellt wird, beginnt für Volker die melancholischste Zeit des Führungskräftejahres. Das hat sehr wenig mit der allgemeinen Herbststimmung zu tun und auch nicht mit den versehrten und windschiefen Gestalten, die er allabendlich auf dem Esstisch findet ("Guck mal, Papa, wir haben Kastanienmännchen gebastelt!"). Hingegen sehr viel mit der Gewissheit, dass seine Mitarbeiter, während sie am Wochenende zu Hause sitzen und auf den grauen Himmel starren, regelmäßig auf dumme Gedanken kommen.

Zum Beispiel auf die Idee, ihr Jahresgespräch einzufordern. Und zwar bei ihm, Volker, Ende 40, Abteilungsleiter einer Textilfirma im Schwäbischen.

Natürlich kennt er die Zahlen, wonach weit mehr als 90 Prozent der Personalverantwortlichen Jahresgespräche für ein zentrales Element der Führung halten. Und er kennt zur Genüge die Phrasen, die ihm die Personalmanager seiner eigenen Firma regelmäßig um die Ohren hauen: entscheidend für die Mitarbeiterentwicklung, gelebtes Talent Management, mehr Wir-Gefühl und Motivation. "Bei den anderen vielleicht", denkt Volker dann bitter, "meine Motivation dagegen sinkt gerade gegen null."

Ein Albtraum bis Weihnachten

Erstens machen die Gespräche eine Menge Arbeit. Denn die Mitarbeiter erwarten tatsächlich eine fundierte Einschätzung ihrer Leistung. Zweitens, hat Volker festgestellt, steht der Aufwand, den die einzelnen Mitarbeiter betreiben, im direkt proportionalen Verhältnis zu ihrer persönlichen Leistung.

Will heißen: Die, die ohnehin einen guten Job machen, bereiten sich akribisch vor, kennen ihre Stärken und Schwächen perfekt und stellen moderate Forderungen (Geld, Beförderung, Weiterbildung). Diejenigen dagegen, die faule Stricke sind, intrigant oder einfach nicht die hellste Kerze auf der Torte (zuweilen auch alles zusammen), stolpern unvorbereitet in den Termin und stellen geradezu lachhaft hohe Forderungen, die sie meist so begründen: "Wenn es auf der Welt einigermaßen gerecht zuginge, hätte ich hier das Sagen." Kurz: Es ist ein Albtraum, aus dem es bis kurz vor Weihnachten kein Erwachen gibt.

Viele Jahre lang hat Volker probiert, die Sache ernst zu nehmen. Wirklich. Er hat sich bemüht, die richtige Balance zwischen Lob und Kritik zu halten ("Sandwich-Methode!"), er hat klare Ziele und klare Erwartungen kommuniziert und versucht, die Motivation seiner Mitarbeiter durch gezielte Herausforderungen zu steigern. Mit dem Ergebnis, dass die Fleißigen fleißig und die Faulen faul blieben. Effekt: gleich null.

In diesem Jahr probiert Volker etwas Neues. Er nennt es die "Aschenputtel-Methode". Statt mühsam die Leistungen aller Mitarbeiter im vergangenen Jahr auseinanderzuklamüsern, sortiert er sie einfach nach Bauchgefühl in zwei Lager: Performer und Bremser, Motto: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Dann nimmt er die Beförderungsmöglichkeiten, die er sieht, sowie das Budget, das ihm zur Verfügung steht, verteilt beides gleichmäßig auf die Performer und schickt ihnen das Ergebnis per Mail.

Gleicher Effekt, weniger Aufwand

Für die Bremser klaut er seinen Kindern die Hälfte der Kastanienmännchen und stellt sie ihnen eines Nachts auf den Schreibtisch. Versehen mit einer kleinen Karte, in der er etwas von "großartigem vergangenen Jahr", "Wertschätzung" und "persönliches Zeichen meiner Anerkennung" fabuliert. Handgeschrieben, versteht sich, wegen der Wertschätzung.

Die Performer wundern sich zwar ein wenig, sind aber zufrieden, weil sie ohnehin nicht zum Aufmucken neigen. Die Bremser haben sowieso nicht gemerkt, dass eigentlich Jahresgesprächs-Zeit ist - und sehen durch die Geste des Chefs ihre "Leistung" endlich einmal ausreichend gewürdigt: "Selbstgebastelt, da steckt richtig viel Arbeit drin. Der Chef weiß halt, was ich wert bin."

Mit anderen Worten: Die Fleißigen bleiben fleißig, die Faulen faul. Effekt: immer noch gleich null - doch mit wesentlich geringerem Aufwand.

Unterm Strich attestiert Volker sich selbst deshalb eine deutlich gesteigerte Effizienz - und investiert die gewonnene Zeit in mehrere ausgedehnte Besuche seines Lieblings-Spas. Der Herbst hat eben auch seine schönen Seiten.

insgesamt 35 Beiträge
alleinerziehend_mit_mann 03.11.2017
1. das geht schief
Per Mail...also Schwarz auf Weiss. Da braucht er nur bei einem Performer den falschen Riecher gehabt zu haben. Der schickt seine Lobesmail an die Bremsergruppe weiter und dann ist aber richtig was los.
Per Mail...also Schwarz auf Weiss. Da braucht er nur bei einem Performer den falschen Riecher gehabt zu haben. Der schickt seine Lobesmail an die Bremsergruppe weiter und dann ist aber richtig was los.
!!!Fovea!!! 03.11.2017
2. Diese Mitarbeitergespräche sind doch witzig:
Sie ähnenln einer Babylonisches Gefangenschaft zwischen Mitarbeiter und Chef. Z.B.: Der Mitarbeiter soll sich engagieren und während seiner Arbeitszeit auch Fortbildungen besuchen. Diese Fortbildungen sind aber teuer und der [...]
Sie ähnenln einer Babylonisches Gefangenschaft zwischen Mitarbeiter und Chef. Z.B.: Der Mitarbeiter soll sich engagieren und während seiner Arbeitszeit auch Fortbildungen besuchen. Diese Fortbildungen sind aber teuer und der Chef weigert sich diese zu bezahlen bzw. wegen Personalmangel den Mitarbeiter ganzjährig nicht daran teilnehmen. So hat man als MItarbeiter z. B. ein Druckmittel "in der Hand". Als Fazit lässt sich allerdings feststellen, diese jährlichen Mitarbeitergespräche ist nur ein moderner Firlefanz, um dem Mitarbeiter das Gefühl zu geben, seine Probleme und Sorgen würden gehört werden und der Chef bzw. die Firma interessiere sich dafür. Außer: Der Chef bzw. die Firma hat in solchen Gesprächen immer was zu meckern und der Mitarbeiter soll sich natürlich nach Kräften verbessern. Mitarbeitergespräche am besten abschaffen und Kaffee trinken gehen, das würde dem Betriebsklima besser helfen.
c.d.urban 03.11.2017
3. Eine Machtfrage
Formalisierte Mitarbeitergespräche dienen faktisch einzig dazu, bestehende Hierarchien zu bestätigen und zu festigen. Gespräche zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten sollten laufend stattfinden. Es es ist absurd, wenn die [...]
Formalisierte Mitarbeitergespräche dienen faktisch einzig dazu, bestehende Hierarchien zu bestätigen und zu festigen. Gespräche zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten sollten laufend stattfinden. Es es ist absurd, wenn die Mitarbeiter erst am Ende des Jahres erfahren, wie ihre Leistung eingeschätzt wird. Im Übrigen wäre eine Evaluation der Führungsleistung durch die Mitarbeitenden für die Leistung eines Unternehmens in den meisten Fällen wesentlich wertvoller.
weltversteher 03.11.2017
4. Richtig...
... gute Firmen haben deshalb schon vor Jahren Instrumente des Führungsfeedbacks eingeführt... oder arbeiten mit 360°-Feedbacks. Die Ergebnisse derselben sind dann wichtiger Eckpunkt des Jahresgesprächs zwischen Chef und [...]
Zitat von c.d.urbanFormalisierte Mitarbeitergespräche dienen faktisch einzig dazu, bestehende Hierarchien zu bestätigen und zu festigen. Gespräche zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten sollten laufend stattfinden. Es es ist absurd, wenn die Mitarbeiter erst am Ende des Jahres erfahren, wie ihre Leistung eingeschätzt wird. Im Übrigen wäre eine Evaluation der Führungsleistung durch die Mitarbeitenden für die Leistung eines Unternehmens in den meisten Fällen wesentlich wertvoller.
... gute Firmen haben deshalb schon vor Jahren Instrumente des Führungsfeedbacks eingeführt... oder arbeiten mit 360°-Feedbacks. Die Ergebnisse derselben sind dann wichtiger Eckpunkt des Jahresgesprächs zwischen Chef und Chef-Chef.
Newspeak 03.11.2017
5. ...
Es ist wie immer. In guten Firmen sind diese Gespraeche ueberfluessig, weil der Chef sowieso nahezu taeglich seine Mitarbeiter sieht, mit diesen auf Augenhoehe spricht und daher ueber alle wesentlichen Dinge Bescheid weiss, ebenso [...]
Es ist wie immer. In guten Firmen sind diese Gespraeche ueberfluessig, weil der Chef sowieso nahezu taeglich seine Mitarbeiter sieht, mit diesen auf Augenhoehe spricht und daher ueber alle wesentlichen Dinge Bescheid weiss, ebenso wie umgekehrt die Mitarbeiter. In schlechten Firmen koennen diese Gespraeche einmal im Jahr auch nichts mehr retten, im Gegenteil werden sie als weitere Bevormundung empfunden und als Zeichen dafuer, wie abgehoben das Management in Wirklichkeit ist, wenn es glaubt, mit Gespraechen einmal im Jahr etwas Sinnvolles erreichen zu koennen. Ich erinnere mich an meine Mitarbeitergespraeche. Beim ersten Mal hat mich der Chef falsch zugeordnet. Als eine andere Person. Aus Schusseligkeit, aber dennoch kein herausragendes Gefuehl, so verwechselt zu werden. Spaeter gab es dann immer schoen vollgeschriebene Zettel, in denen entweder Dinge als Absichtserklaerung standen, die sowieso schon feststanden, oder nie stattfanden, aber Hauptsache es klingt gut und man hat den vorhandenen Platz ausgefuellt. Voellig sinnlos. Vor allem, weil daran noch nicht einmal wirklich die Bonmuszahlungen festgemacht wurden, die sowieso nur langjaehrige Mitarbeiter bekommen haben, und zwar pauschal, ohne irgendwelche besonderen Erfolge. Am Ende war das Ganze ein Instrument der Lohnkuerzung, denn das Geld fuer die Bonuszahlungen wurde zuvor vom Lohn einbehalten, der "Bonus" bestand also darin, den eigentlich vereinbarten Lohn zu bekommen. Absurd.

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