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KarriereSPIEGEL

Management trifft Mensch

Zu Weihnachten ein Egoist

Im Advent soll man auch mal an andere denken. Doch wenn Mitarbeiter, Chef und Familie zum Jahresende an einem herumzerren, wird es schnell zu viel. Da helfen dann nur die alten Management-Tricks.

DPA

Besinnliche Adventszeit

Eine Kolumne
Freitag, 08.12.2017   10:27 Uhr

Ina kann ihn jetzt schon fühlen. Diesen Punkt, den sie verlässlich jedes Jahr irgendwann vor Weihnachten erreicht und der mit "totale Erschöpfung" nur höchst unzureichend beschrieben werden kann. Als Chefin einer mittelgroßen Abteilung eines mittelgroßen Betriebs in einer mittelgroßen Stadt, mit zwei mittelalten Kindern und einem Mann, der sich im Haushalt nur mittelmäßig engagiert, kann sie nur bitter lächeln, wenn von der "besinnlichen Adventszeit" die Rede ist.

Für Ina heißt Advent vor allem: Die Jahresziele müssen auf den letzten Metern noch erreicht werden, ihre Mitarbeiter nerven mit Urlaubswünschen oder Gehaltsforderungen, und sie wartet seit Wochen vergebens auf einen Termin bei ihrem Vorgesetzten, mit dem sie dringend über ihren Jahresurlaub und die längst fällige Gehaltsanpassung sprechen will.

Check!, Check!, Check!

Ja, die Mühlsteine im Mittelmanagement wiegen schwer. Und so fühlte sich Ina perfekt beschrieben, als sie in einer aktuellen Statista-Studie las, dass es nicht etwa zeitliche Faktoren sind, die Menschen an einer ausgewogenen Work-Life-Balance hindern. Sondern, dass 41 Prozent der Befragten angaben, "arbeitsbedingte Erschöpfung" hindere sie daran, sich um familiäre Angelegenheiten zu kümmern.

Hinter alle Belastungsfaktoren, die zu dieser Erschöpfung führen und welche die Statista-Experten in brutaler Nüchternheit aufzählten, kann Ina einen dicken Bestätigungshaken setzen: "herablassende Behandlung im Job" (Check!), "Sorgen um den Arbeitsplatz" (Check!), "Konflikte und Streitigkeiten mit Kunden" (Check!).

Ina sieht das genauso: Klar hat sie manchmal tatsächlich ein, zwei unverhoffte Stündchen Zeit - ist dann aber zu erschöpft, irgendetwas Sinnvolles zu tun, weil die Gedanken an ihre Mitarbeiter oder ihren Vorgesetzten oder beides zusammen sie nicht mehr loslassen. "Work Life Balance ist out, es lebe die Work Life Integration" hat sie neulich irgendwo gelesen und musste prompt wieder bitter lächeln. "Integration" klingt toll - aber wenn man im Büro auf Facebook surft und zuhause berufliche E-Mails liest, ist irgendwann alles nur noch eine Soße - aus der es kein Entrinnen gibt, weil sie uferlos scheint.

Und plötzlich wird es ruhig

Was also tun? Ina erinnert sich an den klassischen Manager-Trick, ein Problem einfach wieder dahin zurückzuspielen, wo es herkam.

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Anschließend wird es erst einmal ziemlich ruhig um Ina. Geradezu angenehm ruhig, wie sie nach einigen Tagen irritiert feststellt. Die Mitarbeiter hängen sich nach ihrem Rüffel ordentlich rein, um die Chefin nicht noch mehr zu verärgern. Im Mail-Eingang plingt mit einem Mal eine Gesprächseinladung ihres Vorgesetzten; im folgenden Gespräch kriegt sie mehr Gehalt als sie fordern wollte und fast alle nötigen Urlaubstermine in 2018, außer der Woche im Februar, aber da hatte sie eh vergessen, warum sie die beantragt hatte. Und an Heiligabend freuen sich die Kinder wie Bolle über die drei mickrigen Geschenke, die sie noch auf dem Dachboden gefunden hat - weil der Weihnachtsmann trotz drohenden Burnouts überhaupt an sie gedacht hat.

Irgendwann ist es dann Silvester, und Ina stellt erstaunt fest, dass sie den traditionellen Punkt, der mit "totaler Erschöpfung" nur unzureichend beschrieben werden kann, in diesem Jahr irgendwie verpasst hat. Sie beschließt, nächstes Jahr alles wieder ganz genauso zu machen.

insgesamt 4 Beiträge
geschwafelablehner 08.12.2017
1. und dann
und dann ist sie aufgewacht, und alles war doch wieder so wie in den Jahren zuvor ...
und dann ist sie aufgewacht, und alles war doch wieder so wie in den Jahren zuvor ...
dasfred 08.12.2017
2. Alles relativ
Mit zehn Jahren am ersten Dezember vor dem Adventskalender: Super, in 24 Tagen ist Weihnachten. Mit fünfzig Jahren am ersten Dezember vor dem letzten Blatt des Kalenders: Super, in 31 Tagen bin ich mit allem durch.
Mit zehn Jahren am ersten Dezember vor dem Adventskalender: Super, in 24 Tagen ist Weihnachten. Mit fünfzig Jahren am ersten Dezember vor dem letzten Blatt des Kalenders: Super, in 31 Tagen bin ich mit allem durch.
ford_mustang 09.12.2017
3. schönes Weihnachtsmärchen
und so war es wirklich: Krankenquote steigt, weil Mitarbeiter sich ungerecht behandelt fühlen. Chef macht weiter Druck wegen der Zahlen, weil sein Jahresbonus davon abhängt und die Kinder quengeln weiter, weil ihnen noch ein [...]
und so war es wirklich: Krankenquote steigt, weil Mitarbeiter sich ungerecht behandelt fühlen. Chef macht weiter Druck wegen der Zahlen, weil sein Jahresbonus davon abhängt und die Kinder quengeln weiter, weil ihnen noch ein paar Wünsche mehr eingefallen sind.
shardan 10.12.2017
4. Märchenstunde
Jeder der Schüsse dürfte im realen Leben nach Hinten losgehen. Mitarbeiter sind gefrusted und die Ziele werden verfehlt, den Chef interessiert seine Sekretärin mehr als der Termin und die Kinder flennen nur noch rum wg. [...]
Jeder der Schüsse dürfte im realen Leben nach Hinten losgehen. Mitarbeiter sind gefrusted und die Ziele werden verfehlt, den Chef interessiert seine Sekretärin mehr als der Termin und die Kinder flennen nur noch rum wg. Weihnachtsmann (und ein paar mehr Wünschen, die sie auch noch gern hätten). Das es sich um Märchenstunde handelt, merkt man an einem entlarvenden Punkt: Kinder die an den Weihnachtsmann glauben, werden mit dem Begriff "Burn Out" schlicht gar nichts anfangen können...... Peinlicher Patzer. Liegt vermutlich am vorweihnachtlichen Stress :)

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