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KarriereSPIEGEL

Trotz Azubi-Mangels

23.712 Jugendliche haben keine Lehrstelle gefunden

Viele Betriebe finden keine Lehrlinge - aber viele Jugendliche finden auch keine Lehrstelle. Die Zahl der vergeblichen Bewerber hat sich seit 2010 verdoppelt. Warum bleiben so viele Ausbildungsplätze leer?

Getty Images/Blend Images

Angehender Bäcker in einer Lehrwerkstatt

Von
Mittwoch, 25.07.2018   12:51 Uhr

Klagen über den Azubi-Mangel sind allgegenwärtig. Doch noch immer gibt es in Deutschland mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Die Zahl der Jugendlichen, die zwischen Oktober 2016 und September 2017 über die Bundesagentur für Arbeit vergeblich einen Ausbildungsplatz gesucht haben, hat sich seit 2010 sogar verdoppelt.

Wurden 2010/11 in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit noch 11.344 "unversorgte Bewerber" ausgewiesen, stieg deren Zahl 2016/17 auf 23.712. Das geht aus einer Antwort der Bundesagentur auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.

Die Zahl der Bewerber, die Absagen kassiert haben, dürfte noch deutlich höher liegen, denn viele tauchen in der Statistik gar nicht auf - so zum Beispiel Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, aber als Alternative vorerst ein Freiwilliges Soziales Jahr oder ein Praktikum machen oder in eine Fördermaßnahme gesteckt wurden.

Erst vor wenigen Tagen hatte eine andere Meldung für Schlagzeilen gesorgt: Jeder dritte Betrieb in Deutschland findet keine Lehrlinge, hatte eine Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags gezeigt. 34 Prozent der befragten Firmen hatten angegeben, dass sie 2017 ihre Lehrstellen nicht besetzen konnten. Und jede zehnte Firma klagte, sie habe auf ihre ausgeschriebenen Ausbildungsplätze keine einzige Bewerbung erhalten.

Sie machen gerade selbst eine Ausbildung oder haben sich vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemüht?

Alle reden vom Azubi-Mangel, aber Sie haben auf Ihre Bewerbungen nur Absagen bekommen? Sie sind enthusiastisch in die Ausbildung gestartet, wurden aber enttäuscht? Berichten Sie uns hier per E-Mail Ihre Erfahrungen.

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Arbeitsmarktanalysten haben für das Dilemma ein bürokratisches Wort gefunden: Passungsprobleme. Es umfasst alles, was nicht passen kann zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern: Mal ist es der Ort, mal sind es die Noten - und manchmal auch einfach die Interessen. Wer Tierpfleger oder Mediengestalter werden will, schwenkt nicht plötzlich auf Restaurantfachmann oder Fleischer um.

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Ausbildung: Die beliebtesten und unbeliebtesten Berufe

Aber auch viele Unternehmer sind wählerisch. Das Bundesinstitut für Berufsbildung listet in seinem Berufsbildungsbericht drei Merkmale auf, die "erfahrungsgemäß eine Vermittlung in Ausbildung eher erschweren": Ein Alter von mehr als 20 Jahren. Eine ausländische Staatsangehörigkeit. Und ein Hauptschulabschluss.

Immerhin: Setzt man die Zahl der 2017 abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse in Relation zu den rückläufigen Schülerzahlen, ergibt sich sogar ein Plus an Lehrlingen - weil sich immer mehr Studienabbrecher für eine Ausbildung entscheiden und Betriebe sich zunehmend auch um lernschwächere Jugendliche und Geflüchtete bemühen.

Im Berufsausbildungsbericht findet sich eine sehr einleuchtende Idee, wie man dem Azubi-Mangel weiter entgegenwirken könnte: "durch Attraktivitätssteigerungen der entsprechenden Ausbildungen/Berufe". Und was attraktiver werden könnte, wird auch gleich aufgezählt: die Ausbildungsvergütung, die Arbeitszeiten. Und die Weiterbildungsperspektiven.

Video: Jugend ohne Chance? - Generation Doof (2008)

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 139 Beiträge
lachina 25.07.2018
1. Erfahrungen von meinen Ex- Schülern
junge Frau, mittlerweile 21, hat mit 14 leider die Schule abgebrochen , kam in schlechte Kreise, fing sich wieder , holte den qualifizierten Hauptchulabschluss nach und wollte dann eine Lehre zur Klempnerin machen . - bisher [...]
junge Frau, mittlerweile 21, hat mit 14 leider die Schule abgebrochen , kam in schlechte Kreise, fing sich wieder , holte den qualifizierten Hauptchulabschluss nach und wollte dann eine Lehre zur Klempnerin machen . - bisher keine Chance. Die Frau ist intelligent, offen, kann reden und anpacken. Die Betriebe suchen den SUPERlehrling, mein Eindruck . Sie haben Angst, auch mal was auszuprobieren. Scheitern oder Umwege - das ist leider nix, woraus man was gelernt hat, sondern immer negativ.
funny-smartie 25.07.2018
2. VIELE Berufsbilder ....
.... sind für Hauptschüler, die es ja bald im Grunde gar nicht mehr geben werden, NICHT geeignet. Es gibt sehr viele Berufe, insbesondere im gewerblich-technischen Bereich, die zwar als Vorraussetzung Hauptschulabschluß haben, [...]
.... sind für Hauptschüler, die es ja bald im Grunde gar nicht mehr geben werden, NICHT geeignet. Es gibt sehr viele Berufe, insbesondere im gewerblich-technischen Bereich, die zwar als Vorraussetzung Hauptschulabschluß haben, aber technisch/mathematisch/logisch so vollgepackt sind, dass Ausbildungsbetriebe erst ab Realschulabschluß entsprechend geeignete Bewerber finden. Allein im elektrotechnischen Bereich sind die Berufsbilder HEUTE viel mit sehr hochtechnologischen Themen behaftet, sodass Schulabgänger mit Hauptschulabschluss im Grunde erstmal eine 2jährige Berufsfachschule durchlaufen müssen, bis dass diese geeignet sind. Vorteil hierbei: für einen Realschulabschluss hätten sie sowieso die 10. Klasse absolvieren müssen und bekommen, wenn sie im Fach bleiben, das 1. Ausbildungsjahr anerkannt. Denn Hauptschüler benötigen für entsprechend technische Berufe eine intensivere Betreuung, die im Grunde nur durch entsprechenden schulischen Einsatz und erste Fertigungsübungen umgesetzt werden kann.
schgucke 25.07.2018
3. Lehrjahre sind keine Herrenjahre,
so hieß es früher, aber seit Kinder Rechte haben und erzieherisch vieles anders gemacht wird, mögen sich einfach nicht mehr so viele in Jobs begeben, in denen man lebenslang ein bisschen der Arsch ist oder mit Berufskrankheit [...]
so hieß es früher, aber seit Kinder Rechte haben und erzieherisch vieles anders gemacht wird, mögen sich einfach nicht mehr so viele in Jobs begeben, in denen man lebenslang ein bisschen der Arsch ist oder mit Berufskrankheit in Frührente geht. und dann mit miesem Lohn. kann ich völlig verstehen.
p2063 25.07.2018
4.
Ich frage mich ja wozu man für manche Berufe überhaupt eine mehrjährige Ausbildung brauchen soll. Teiglinge aufbacken oder eine Kasse bedienen sollte man doch innerhalb von einem halben Tag gelernt haben.
Ich frage mich ja wozu man für manche Berufe überhaupt eine mehrjährige Ausbildung brauchen soll. Teiglinge aufbacken oder eine Kasse bedienen sollte man doch innerhalb von einem halben Tag gelernt haben.
eulenspiegel1979 25.07.2018
5.
Für den einen oder anderen begrenzten Horizont sicherlich korrekt. Nur gehe ich davon aus, dass die meisten jungen Menschen kein Interesse daran haben, über 40 Jahre lang nur Teiglinge zu backen und / oder an der Kasse zu [...]
Zitat von p2063Ich frage mich ja wozu man für manche Berufe überhaupt eine mehrjährige Ausbildung brauchen soll. Teiglinge aufbacken oder eine Kasse bedienen sollte man doch innerhalb von einem halben Tag gelernt haben.
Für den einen oder anderen begrenzten Horizont sicherlich korrekt. Nur gehe ich davon aus, dass die meisten jungen Menschen kein Interesse daran haben, über 40 Jahre lang nur Teiglinge zu backen und / oder an der Kasse zu stehen. Oder kennen Sie jemanden, der das für sich als Traumjob verorten kann?

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