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KarriereSPIEGEL

Auswanderin auf griechischer Insel

"Seither gehören wir richtig dazu"

Der Start war schwerer, als sie dachte: Anna Avramidou ist mit ihrer Familie auf die Mittelmeerinsel Ikaria gezogen. Lange waren die Nachbarn misstrauisch - bis sie den entscheidenden Schritt tat.

Anna Avramidou
Aufgezeichnet von
Montag, 14.05.2018   12:41 Uhr

"Die Griechen sind sehr gemütlich, dieses Klischee hat sich auf jeden Fall bestätigt. Ich bin eine Powerfrau und als Klangtherapeutin, Musikerin und Autorin viel beschäftigt. Die Griechen holen mich runter. Sie sagen: Mach langsam, schauen wir mal, wie es morgen aussieht. Das tut mir gut, gibt mir ein richtiges Gegengewicht.

Seit 2015 lebe ich mit meinem Mann und unserem jüngsten Sohn, mittlerweile elf Jahre alt, auf Ikaria, einer griechischen Insel mit 8000 Einwohnern in der Nähe von Samos. Studien zufolge werden hier die Menschen besonders alt und leben besonders glücklich.

Mein Mann ist Grieche, ich habe ihn mit 16 in Deutschland kennengelernt. Er hat mir Griechisch beigebracht, Unterricht hatte ich nie. Wir sprachen schon damals über das Auswandern, aber bis wir uns dazu entschieden, nach Ikaria zu ziehen, hat es 30 Jahre gebraucht.

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Fotostrecke: Zuhause im Mittelmeer

Ich machte zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin, spezialisierte mich später auf Klangtherapie. Wir kauften ein Haus an der niederländischen Grenze und bekamen drei Kinder. Zwei sind nun schon erwachsen und leben mit ihren Kindern in unserem Haus in Deutschland.

Mein Mann ist eigentlich Handwerker, aber auch er machte, durch mich angesteckt, eine Ausbildung zum Klangtherapeuten. Wir fingen an, Seminare zu geben, immer mehr in Griechenland. So verlagerte sich unser Arbeitszentrum, und als wir für einen Workshop nach Ikaria kamen, verliebten wir uns sofort in die Insel.

Mittlerweile sind wir gut in die Gemeinschaft der Inselbewohner aufgenommen, aber der Start war deutlich schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Menschen hier sind misstrauisch Fremden gegenüber, die hier leben wollen: Halten die es auch aus, wenn die Fähre mal eine Woche lang nicht fährt?

Lieber ein älteres Auto

Wir kamen mit einem Ford Mondeo auf Ikaria an und wurden so komisch angeschaut, dass mein Mann das Auto nach Deutschland zurückbrachte und wir uns einen älteren Daihatsu Terios kauften. Auch mein Sohn wurde in der Schule von den Mitschülern getestet. Und im Unterschied zu Deutschland schreiten die Lehrer hier selten in Streitigkeiten ein, weil sie auf die Problemlösungsfähigkeiten der Kinder vertrauen.

Für mich war es schwer zu ertragen, wenn er weinend nach Hause kam, weil die anderen Kinder ihn gemieden oder geärgert hatten. Er sprach anfangs auch noch nicht so gut Griechisch, zu Hause sprechen wir Deutsch miteinander.

Im letzten Jahr haben wir auf Ikaria ein Haus gekauft. Für die Inselbewohner ein Zeichen: Die meinen es ernst, die wollen wirklich bleiben. Seither gehören wir hier endlich richtig dazu. Ich hatte große Sehnsucht nach Gemeinschaft, und die habe ich nun gefunden. Die Menschen hier sind sehr solidarisch.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Ikaria liegt weit weg vom Festland. Es gibt einen Flughafen und Fähren, aber bei schlechtem Wetter kann es durchaus passieren, dass man die Insel mehrere Tage nicht verlassen kann. Das schweißt zusammen.

Wenn ich Hilfe brauche, weiß ich, dass immer jemand da ist. Das ist ein tolles Gefühl. Vor ein paar Wochen erzählten wir unseren Nachbarn, dass wir planen, Wein anzubauen. Am nächsten Tag standen Weinstöcke und eine Flasche Wein vor der Tür, ohne eine Nachricht. Nur zufällig fanden wir heraus, von wem das Geschenk kam. Revanchiert haben wir uns mit selbst gebackenen Keksen.

Auf Ikaria wird viel gefeiert. 86 Dorffeste gibt es jedes Jahr. Alle kommen, es wird traditionelle Musik gespielt. Auch das schweißt zusammen. Selbst arme Deutsche haben im Verhältnis mehr materiellen Reichtum als der Mittelstand in Griechenland, aber hier halten die Menschen mehr zusammen, und um Alte und Kranke kümmern sich die ganze Familie und die Nachbarschaft.

Nur der deutsche Humor fehlt mir. Obwohl ich durch meinen Mann schon so viele Jahre mit der griechischen Kultur verbunden bin, muss ich immer aufpassen: Wo ecke ich an mit meinem deutschen Humor, und wo können die anderen noch mitlachen? Manchmal kommt es auch zu Missverständnissen, weil mir in der griechischen Sprache Wörter fehlen, die es nur in der deutschen Sprache gibt, und anders herum."

insgesamt 40 Beiträge
Ezechiel 14.05.2018
1. Die Unterschiede.
In diesem Artikel werden zwei unterschiedliche Lebensweisen beschrieben. Hier die Deutsche Hektik und Genauigkeit, und dort das südländische "komm ich heute nicht, komm ich morgen (oder übermorgen). Die Deutschen sollten [...]
In diesem Artikel werden zwei unterschiedliche Lebensweisen beschrieben. Hier die Deutsche Hektik und Genauigkeit, und dort das südländische "komm ich heute nicht, komm ich morgen (oder übermorgen). Die Deutschen sollten sich letzteres wieder mehr zu eigen machen.
jujo 14.05.2018
2. ....
Im Prinzip gilt überall. Wie ich in den Wald rufe, schallt es zurück. Ich wohne im schwedischen Småland auf dem Lande. die Bevölkerung dort ist oftmals stur und eigenbrötlerisch, kommt selten aus sich heraus. Nach etwa 2 [...]
Im Prinzip gilt überall. Wie ich in den Wald rufe, schallt es zurück. Ich wohne im schwedischen Småland auf dem Lande. die Bevölkerung dort ist oftmals stur und eigenbrötlerisch, kommt selten aus sich heraus. Nach etwa 2 Jahren kam der ein schwedischer Nachbar und fragte mich ob ich im helfen könne, das war keine Frage. Ich erzählte das einem guten Freund aus Stockholm. Er meinte nur. wenn das so sei, dann bist du jetzt angenommen und dort zuhause.
exekias 14.05.2018
3. Spezielle Insel
Ikaria ist auch eine etwas speziellere Insel, die Menschen dort sehr stolz. Irgendwie zwischen Kykladen und Dodekanes, etwas vergessen und fernab vom Massentourismus, dabei verhältnismäßig groß. Verbannungsinsel für [...]
Ikaria ist auch eine etwas speziellere Insel, die Menschen dort sehr stolz. Irgendwie zwischen Kykladen und Dodekanes, etwas vergessen und fernab vom Massentourismus, dabei verhältnismäßig groß. Verbannungsinsel für Kommunisten. Da nicht so einfach erreichbar, sehr ursprünglich geblieben, wobei ich zuletzt vor vielen Jahren da war, für Individualtouristen mit normalen Ansprüchen ideal
tempus fugit 14.05.2018
4. Humor, ist,..
...wenn man trotzdem lacht. Italiener sagen, 'perso durante la traduzione' - der Kick ist während der Übersetzung verloren gegangen... (;>))) und lächeln trotzdem... Wird bei den Griechen nicht viel anders sein.... [...]
...wenn man trotzdem lacht. Italiener sagen, 'perso durante la traduzione' - der Kick ist während der Übersetzung verloren gegangen... (;>))) und lächeln trotzdem... Wird bei den Griechen nicht viel anders sein.... Viel Spass auf der Insel und 'ewiges', erfülltes Leben. Wo man sich wohl fühlt und 'dabei' ist, dort ist die Heimat, wenn ich mal so auf deutsches Heimatverständnis - gerade in Bayern aktuell... - hinweisen darf!
onig 14.05.2018
5. Toll...
Eine tolle Geschichte. Das ist es, was unsere Welt braucht - Mehr von diesen Geschichten des gegenseitigen Respekts und der Toleranz. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und glückliche Zeiten.
Eine tolle Geschichte. Das ist es, was unsere Welt braucht - Mehr von diesen Geschichten des gegenseitigen Respekts und der Toleranz. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und glückliche Zeiten.

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