Lade Daten...
21.11.2012
Schrift:
-
+

Kulturschock in Peru

Neustart in Hemdsärmeln

Kai Zaunick

Zwei Wochen wollte Kai Zaunick in Lima bleiben. Dann verliebte sich der Informatiker - in die Stadt, in eine Frau und in eine Geschäftsidee: Er gründete eine Manufaktur für Manschettenknöpfe. Seit acht Jahren lebt er nun in Peru und verkauft silberne Haie, Löwen und Totenköpfe.

"Den klassischen Vorsatz 'Ich wandere aus', den hatte ich nie - das hat sich einfach so ergeben. Erst wollte ich nur zwei Wochen in Lima bleiben, dann zwölf Monate. Jetzt sind es acht Jahre geworden.

2004 habe ich in Lima einen Freund besucht, der dort gerade ein Praktikum machte. Die Stadt gefiel mir gut, die Lebenshaltungskosten waren günstig, ich wollte mich sowieso mit einem Softwareunternehmen selbständig machen - und dafür braucht man am Anfang ja nur einen Computer und eine Internetverbindung. Also habe ich meinen Job als Software-Entwickler in München gekündigt und bin nach Lima gezogen. Ein Jahr lang Spanisch üben, die Kultur kennenlernen und ein Tool für Onlineverkäufer entwickeln, das war mein Plan.

Nun habe ich eine eigene Firma mit zehn Angestellten, aber in einer ganz anderen Branche: Wir stellen von Hand Manschettenknöpfe und Krawattenklammern aus 925er Sterlingsilber her. 150 Motive haben wir im Angebot, besonders beliebt sind zum Beispiel der weiße Hai, der Löwe und der Totenkopf. Wir verkaufen direkt über unsere Webseite, Amazon und einige Läden in der Schweiz und Taiwan. Das Geschäft läuft gut, vor allem in den USA haben wir viele Kunden. Dort ist es üblich, dass der Bräutigam seinem Trauzeugen Manschettenknöpfe schenkt.

Fotostrecke

Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Auf die Idee mit der eigenen Schmuckwerkstatt bin ich über Umwege gekommen. Von der Silberschmiedekunst in Peru war ich sofort begeistert und dachte, dass man daraus eine Geschäftsidee entwickeln könnte. Zunächst habe ich es mit Replikas von spanisch-kolonialen Silberobjekten wie Bechern und Kelchen versucht. Wie in Peru vorgeschrieben, habe ich meine Firma beim Notar registrieren lassen. Aus Deutschland kennt man ja die Hürden der Bürokratie, aber in Peru ist es noch schlimmer. Nach ein paar Monaten hatte ich dann aber alles zusammen, habe einen Silberschmied angeheuert und Silber eingekauft.

Leider war der Verkauf schwieriger als gedacht. Für den deutschen Geschmack waren die Sachen vielleicht zu kitschig. Im Rückblick war die Wahl der Produktpalette ein Fehler, aber auf die Erfahrung würde ich nicht verzichten wollen. Bei den Manschettenknöpfen habe ich den Markt erst einmal getestet und die ersten Exemplare auf Onlineplattformen zum Kauf angeboten. Der große Vorteil: Sie sind einfacher herzustellen und zu verschicken als Kelche. Man braucht weniger Material, kann mehr experimentieren. Mein Lager in Deutschland war anfangs einfach eine Schublade im Haus meines Vaters.

Meerschweinchen auf dem Teller

Inzwischen kommen so viele Bestellungen, dass sich meine Arbeitsaufteilung zwischen Büro und Schmuckwerkstatt verschoben hat. In den ersten Jahren in Lima habe ich einen Großteil meiner Zeit mit der Software-Entwicklung für deutsche Kunden verbracht. Die Kontakte hatte ich aus meinen früheren Jobs, als Software-Entwickler habe ich zum Beispiel für SAP, Europe Online in Luxemburg und für den Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Weil das Geschäft mit den Manschettenknöpfen so gutläuft, bleibt heute weniger Zeit für die Programmierung. Für die Software-Entwicklung habe ich in Lima sogar eine zweite Firma gegründet.

Ich spreche mittlerweile fließend Spanisch, bin mit einer Peruanerin verheiratet und habe einen kleinen Sohn, der zweisprachig aufwächst. Die Familie meiner Frau kommt aus Lima und hat mich sehr herzlich aufgenommen. Nur einmal habe ich mich ein bisschen unwohl gefühlt: Es gab gebratenes Meerschweinchen zum Essen. Das kann man hier in jedem Supermarkt kaufen, gehäutet - und noch mit Kopf. Beim Essen war der Kopf zum Glück ab, aber geschmeckt hat es mir nicht so gut.

Sehr stolz sind die Peruaner auch auf Ceviche, ein Gericht, bei dem roher Fisch mit Limettensaft und Chili mariniert wird. Das schmeckt nicht schlecht, ist aber auch nicht gerade mein Lieblingsessen, da ich rohen Fisch generell nicht mag. Lomo saltado, ein peruanisches Rindfleischgericht ist mein Favorit, traditionell gibt es Reis und Pommes dazu. Eigentlich vermisse ich nur deutsches Brot, alles andere bekommt man hier.

Wissen, was man geschafft hat

Das Gefühl, von der Heimat abgeschnitten zu sein, gibt es ja dank Internet nicht mehr. Über Radio- und Videostreams ist man immer gut informiert und über Videochats wie Skype oder FaceTime kann ich auch mit meinen deutschen Geschäftspartnern günstig kommunizieren. Aber natürlich ersetzt das Skypen nicht den Kontakt zur Familie.

Ich könnte mir auch vorstellen, wieder nach Deutschland zu ziehen. Meine Frau hätte nichts dagegen, sie hat sogar Deutsch gelernt. Im Moment bin ich mit meinem Leben hier aber sehr glücklich: Die Manschettenknöpfe sind für mich eine ideale Ergänzung zur Arbeit am Computer. Programmieren ist ja sehr abstrakt, wenn der Rechner aus ist, hat man nichts, was man in der Hand halten kann. So kann ich mich kreativ ausleben und weiß, was ich geschaffen habe.

Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue und nicht in Deutschland einen Job habe, bei dem ich um 19 Uhr Feierabend machen kann. Aber eigentlich kann ich mich nicht beschweren. Meine peruanischen Mitarbeiter sind sehr motiviert, mit einigen arbeite ich jetzt schon seit sechs Jahren zusammen.

Für Silberschmiede ist es in Peru nicht leicht, einen guten Job zu bekommen. Sie müssen oft mit uralten Werkzeugen arbeiten, in Räumen ohne Belüftung. Meine Werkstatt ist moderner, die Leute sind festangestellt, bekommen bezahlten Urlaub und sind krankenversichert. Und im Notfall gibt es auch mal einen Vorschuss. Nur für die Manschettenknöpfe selbst kann ich die Peruaner nicht begeistern. So etwas trägt man hier einfach nicht."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
1. Ein herrliches Land
dschiseskreist 21.11.2012
ich selbst war beruflich schon mehrfach auch länger in Peru. Ein unglaubliches Land, muss man gesehen haben. Lima allerdings habe ich immer fluchtartig verlassen. Es gibt wesentlich schönere Städte (Arequipa, Tarapoto, [...]
ich selbst war beruflich schon mehrfach auch länger in Peru. Ein unglaubliches Land, muss man gesehen haben. Lima allerdings habe ich immer fluchtartig verlassen. Es gibt wesentlich schönere Städte (Arequipa, Tarapoto, Iquitos). Aber die Städte waren ohnehin nie ein Hauptgrund für meine Reisen. die Landschaft und Kultur dieser Region sind unfassbar und man sollte sich das nicht entgehen lassen solange davon noch etwas übrig ist. Viel Glück dem Auswanderer.
2. Nachtrag
dschiseskreist 21.11.2012
...ich fand Meerschwein im übrigen echt lecker...konnte keinen Unterschied zu einem gut gemachten Kaninchen feststellen. Mein absoluter Favorit allerdings ist Rocoto Relleno und Papa ala Huancaina. Der Rest der peruanischen [...]
...ich fand Meerschwein im übrigen echt lecker...konnte keinen Unterschied zu einem gut gemachten Kaninchen feststellen. Mein absoluter Favorit allerdings ist Rocoto Relleno und Papa ala Huancaina. Der Rest der peruanischen Küche ist ehrlich gesagt etwas trist.
3. :-)))
alettoria 21.11.2012
Da crasht grade ein Server... coole Geschäftsidee!
Da crasht grade ein Server... coole Geschäftsidee!
4. optional
mayazi 21.11.2012
Bin in Chiclayo aufgewachsen, und bei meinen Eltern gibt es heute noch auf jedem Gartenfest Anticuchos (mariniertes, gegrilltes Herz) und Papas a la Huancaina. Die peruanische Küche ist kräftiger gewürzt, als es die [...]
Bin in Chiclayo aufgewachsen, und bei meinen Eltern gibt es heute noch auf jedem Gartenfest Anticuchos (mariniertes, gegrilltes Herz) und Papas a la Huancaina. Die peruanische Küche ist kräftiger gewürzt, als es die europäische Zunge gewohnt ist, und ist durch die abwechslungsreiche Geografie des Landes ziemlich vielfältig. Ich fand seinerzeit, dass Meerschwein wie Hühnchen schmeckt :-)
5. verdammt..
boern 21.11.2012
..der is immer noch am Crashen :))
Zitat von alettoriaDa crasht grade ein Server... coole Geschäftsidee!
..der is immer noch am Crashen :))

Zur Person

  • Roberto Rossi B.
    Kai Zaunick arbeitete lange als Software-Entwickler in München. Vor acht Jahren zog er nach Peru und hat dort inzwischen eine Firma mit zehn Angestellten. Und eine Familie.

Fotostrecke

Verwandte Themen

Fotostrecke

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles zum Thema Kulturschock
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten