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09.02.2013
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Kurioser Job in China

Für vier Euro bin ich dein Freund

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Tausenden Frauen graut es vor dem chinesischen Neujahrsfest. Wer da ohne Partner aufkreuzt, bringt Schande über die Familie. Findige Männer haben daraus ein Geschäft gemacht: Sie lassen sich als Schwiegersöhne mieten - Schnapsrunden mit den Eltern rechnen sie nach Millilitern ab.

Haoquan hat eine feste Preisliste: Eine Stunde mit der Oma Tee trinken kostet 30 Yuan, knapp vier Euro. Für 50 Yuan gibt es eine Stunde lang Küsschen und einen Arm um die Schulter. Einen Horrorfilm im Kino ansehen kostet 60 Yuan. Und Schnäpse, die eventuell mit Verwandten getrunken werden müssen, rechnet er nach Millilitern ab. Haoquan ist ein Freund zum Mieten. Und damit besonders vor dem chinesischen Neujahrsfest am 10. Februar ein gefragter Mann.

Seine Dienste bietet der junge Chinese bei dem beliebten Onlineauktionshaus Taobao an. Wer dort die Suchworte "Für Neujahr einen Freund mieten" eingibt, bekommt mehr als 370.000 Treffer. Dass Chinesinnen einen Begleiter für Familienfeste mieten, ist keineswegs neu, aber der Trend nimmt zu. Traditionell verlieren Eltern in China ihr Gesicht, wenn ihre Kinder im heiratsfähigen Alter keinen Partner finden. Der Druck wächst, je älter die Frauen werden: Hast du endlich einen Mann gefunden? Wann kriegen wir einen Enkel? An diesen Fragen kommen Single-Frauen in China kaum vorbei. Also nehmen sie einfach einen Mann wie Haoquan mit, stellen ihn als den Auserwählten vor - und haben ihre Ruhe.

17-mal wurde Haoquan in den vergangenen sechs Wochen gebucht - und 17-mal als zukünftiger Schwiegersohn vorgestellt. Eine Rolle, die ihm offenbar liegt. Seine Kundinnen loben ihn in ihren Kommentaren als "ehrlich" und "verlässlich". Er sei sogar auf den Friedhof mitgegangen, freut sich eine Frau. "Er hat meine Probleme gelöst", schreibt eine andere. "Jetzt habe ich erst mal Ruhe." Nur eines lehnt der perfekte Schwiegersohn ab: das Bett mit seiner Kundin teilen. Die meisten Frauen werten das als Pluspunkt.

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Karriere-Frauen: Chinas Amazonen
Wegen der großen Nachfrage gibt es im Internet ein Heer von chinesischen Mietfreunden, Hunderte Vermittlungsagenturen bieten ihre Hilfe an. Die Preise der Partner auf Zeit reichen von ein paar hundert Yuan bis hin zu 2000 Yuan am Tag, umgerechnet rund 240 Euro. Viele rechnen auch wie Haoquan einzeln ab.

Der Miettrend wird in China heiß diskutiert. Verboten ist die Dienstleistung nicht. "Sie ist aber auch nicht rechtlich geschützt", warnt Rechtsanwalt Liu Ancai in der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Sollte es Unstimmigkeiten zwischen der Frau und ihrem Mietfreund geben, seien diese schwer zu lösen. Soziologe Hou Xiaofeng sieht dagegen vor allem moralische Probleme: "Diese jungen Leute glauben vielleicht, dass es Respekt vor den Eltern zeigt, wenn ein falscher Verlobter mitgebracht wird, aber es ist einfach Betrug."

Viele von Hoaquans Kundinnen sind verzweifelt: "Mein Vater will mich nicht mehr sehen, weil er sich wegen mir so schämt", sagt eine 32 jahre alte Single-Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Dass sie eine Führungsposition in einer Informationstechnologie-Firma hat, interessiert ihre Familie nicht. Von Töchtern wird erwartet, den Familienstamm fortzusetzen - das zählt mehr als die Karriere.

"Mein Vater hat das Gefühl, wegen mir sein Gesicht zu verlieren", erzählt die Managerin. In ihrer großen Familie sei sie die einzige Tochter, die noch nicht geheiratet habe, auch viele Freunde ihres Vaters hätten bereits Enkel. "Ich war geschockt, wie mein Vater mich unter Druck setzt, aber ich verstehe, dass es seine Werte sind - oder besser die seiner Generation." Sie selbst habe jahrelang studiert und an ihrer Karriere gefeilt - wie man auf Männer zugeht oder mit ihnen flirtet, habe sie nicht gelernt. Trotzdem will sie sich jetzt einen Ruck geben: "Ich will meine Eltern nicht enttäuschen. Dieses Jahr muss ich jemanden finden, den ich heiraten kann."

Andreas Landwehr/dpa/vet

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insgesamt 13 Beiträge
1. optional
missp 09.02.2013
"Dieses Jahr muss ich jemanden finden, denn ich heiraten kann." Nichts von wollen. Sondern von Können. In anderen Worten: Der sozial die richitge Stellugn hat, erfolgreich ist und Geld hat. Leider traurige Realität [...]
"Dieses Jahr muss ich jemanden finden, denn ich heiraten kann." Nichts von wollen. Sondern von Können. In anderen Worten: Der sozial die richitge Stellugn hat, erfolgreich ist und Geld hat. Leider traurige Realität bei vielen dort. Glücklicherweise sind nicht alle Eltern so "engstirnig" in den Werten der alten Zeit gefangen. Einige merken, dass sich China ändert, ihre Kinder andere Vorstellungen vom Leben haben. Anderer leider nicht. Und "Familie" wird nicht nur groß geschrieben, die Band sind so stark, dass sich viele junge Chinesinnen und Chinesen zu Dingen hinzreißen lassen, die sie eigentlich nciht wollen. Nur mal nebenbei: Dieser Heiratsdruck lastet auch auf den Männern! Das ist kein reines Frauenproblem! Ein Mann, der keine Frau hat, leidet genauso!
2. Eines der chinesischen Probleme
klaus64 09.02.2013
Das Land übernimmt rasend schnell westliche Technik und Lebensweisen, aber die Köpfe wachsen nicht so schnell mit, d.h. alte Traditionen kollidieren mit den Vorstellungen der jüngeren Generation. Es zerreißt manchmal [...]
Das Land übernimmt rasend schnell westliche Technik und Lebensweisen, aber die Köpfe wachsen nicht so schnell mit, d.h. alte Traditionen kollidieren mit den Vorstellungen der jüngeren Generation. Es zerreißt manchmal regelrecht Familien, wenn z.B. der weit entfernt lebenden Tochter gesagt wird, dass sie die Eltern nicht mehr besuchen soll, wenn sie keinen Ehemann mitbringt.
3. Auch wenn
mescal1 09.02.2013
sich die Lebensweisen und die Einstellung zur Technik schnell wandelt, die althergebrachten Traditionen und Moralvorstellungen wandeln sich nicht so schnell. Auch in der westlichen Hemisphäre spielen kulturelle Unterschiede noch [...]
sich die Lebensweisen und die Einstellung zur Technik schnell wandelt, die althergebrachten Traditionen und Moralvorstellungen wandeln sich nicht so schnell. Auch in der westlichen Hemisphäre spielen kulturelle Unterschiede noch eine große Rolle, auch gegen unsere bewussten Überzeugungen. Wir haben in unserer Firma oft Schulungen und es ist erstaunlich, wie genau man aus Interviews (nur schriftlich in Englisch) die Herkunft aus einem Kulturkreis ermitteln kann. Deshalb sollte man die Chinesen nicht kritisieren, das braucht Jahrzehnte die Einstellungen zu ändern. Ich wünsche den Chinesinnen viel Erfolg in dem kulturell bedingten Mietservice. Möge er ihrer Stellung in der Gesellschaft dienen.
4. Aufgeschoben
meinmein 09.02.2013
Und nächstes Jahr muss ein Enkelkind gemietet werden. Dann sparen die Großeltern und in 2 Jahren haben sie genug Geld zusammen, um die glückliche Familie zu besuchen.
Zitat von sysopGetty ImagesTausenden Frauen graut es vor dem chinesischen Neujahrsfest. Wer da ohne Partner aufkreuzt, bringt Schande über die Familie. Findige Männer haben daraus ein Geschäft gemacht: Sie lassen sich als Schwiegersöhne mieten - Schnapsrunden mit den Eltern rechnen sie nach Millilitern ab. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/kurioser-job-chinesen-lassen-sich-von-frauen-als-freund-mieten-a-881989.html
Und nächstes Jahr muss ein Enkelkind gemietet werden. Dann sparen die Großeltern und in 2 Jahren haben sie genug Geld zusammen, um die glückliche Familie zu besuchen.
5. Laut Medienberichten
richsorge 09.02.2013
gibt es doch einen gewaltigen Männerüberschuss, die kurz davor sind aus Frust zu revoltieren. Da sollte es nicht schwer sein, einen herauszuangeln. Aber was soll die Bildstrecke über erfolreiche Unternehmerinnen, soll da [...]
gibt es doch einen gewaltigen Männerüberschuss, die kurz davor sind aus Frust zu revoltieren. Da sollte es nicht schwer sein, einen herauszuangeln. Aber was soll die Bildstrecke über erfolreiche Unternehmerinnen, soll da etwas suggeriert werden. Wer assoziiert hart arbeitende Frauen mit "ohne Mann bleiben"? Und diese Frauen haben bestimmt kein Problem damit, wenn sie ohne Mann bleiben, bzw. legen dem eine bewußte Entscheidung zugrunde. Also geht's noch? Wie kann man so etwas enpfehlen?

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