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25.02.2013
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Mittagspause in Kiew

Mal eben die Seele veredeln

Von Jonathan Widder
Anton Hrushetskyj

Wer in der Ukraine Essen kaufen möchte, kommt an pummeligen, alten Männern nicht vorbei. Sie zieren die Verpackungen von Milch, Speck oder Erdnüssen und winken als Pappfiguren von Kneipendächern. Entsprechend reichhaltig, herzhaft und beschwingt sind die Mittagspausen in Kiew.

Um die Bedeutung des Essens in der Ukraine zu verstehen, wirft man am besten einen Blick auf die Verpackungen ukrainischer Nahrungsmittel. Da gibt es etwa "kosakischen Senf" oder Erdnüsse der Marke "kosakisches Vergnügen". Auf beiden Logos lacht einem ein kräftiger Mann entgegen und hebt zustimmend den Daumen.

Von Restaurantdächern winken Pappfiguren mit Knollennasen, und das Logo der Marke "Der fröhliche Milchbauer" schmückt ein pausbäckiger, alter Mann mit großem, weißen Schnurrbart und dickem Bauch, der mit zwei Milchkrügen in der Hand beschwingt auf einer grünen Wiese umherhüpft. Hergestellt wird die Milch zwar in Sibirien. Aber eines ist klar: Wenn es ums Essen in der Ukraine geht, sind Energiezufuhr und Fröhlichkeit die zentralen Werte.

Das bestätigt Anton Hrushetskyj. Der 24-Jährige lebt in Kiew und arbeitet an einem soziologischen Forschungsinstitut. Er plant Projekte, entwirft Fragebögen und wertet Datensätze aus. Mit dem Kosaken und dem Milchbauern verbindet ihn auf den ersten Blick wenig. Er ist groß, glatt rasiert, trägt meistens Schlabber-T-Shirts mit amerikanischem Aufdruck und hört während der Arbeit Punkrock vom MP3-Player. Am Arbeiten hindert ihn das nicht, sogar ältere Kollegen suchen immer wieder bei ihm Rat.

Eine Gemeinsamkeit mit der Werbefigur gibt es aber doch: Wie fast alle Ukrainer zelebriert Anton das Essen. Und wenn er abends mit Freunden in einer Kiewer Bar sitzt, kann er Unmengen von Bier und Essen in sich hineinschaufeln.

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Currywurst, Yoga, Gottesdienst: Mittagspausen in aller Welt
Beim Mittagessen geht es gemäßigter zu. Hier trinken die Ukrainer entgegen aller Klischees kaum Alkohol, sondern Tee, Kaffee, Wasser oder Kompott - ein süßer Saft, den viele Ukrainer aus gekochten Früchten selbst herstellen. Das Essen ist herzhaft und gesund. Oft beginnt es mit einer Suppe wie Borschtsch oder Soljanka, danach essen die meisten Hühnchen oder Schweinefleisch mit Reis, Kartoffeln oder Buchweizen. Dazu gibt es einen der typischen Salate wie Kraut- oder Oliviensalat.

Da in der Ukraine fast alle Frauen arbeiten, selbst die Großmütter, findet das Mittagessen selten zu Hause statt. Die meisten essen in einer Kantine, nicht wenige auch in Fast-Food-Restaurants wie denen der Kette Pusata Chata (Gefüllte Hütte). Deren Selbstbedienungs-Filialen bieten traditionelles Essen zu günstigen Preisen und wirken gleichzeitig mit ihrem rustikalen Holzmobiliar und den Trachtenoutfits der Mitarbeiter wie ein Gutshaus aus dem 18. Jahrhundert.

Zu jedem Wodka eine Rede

Bevor er so aussieht wie die pauswangigen Restaurantmaskottchen, hat sich Hrushetskyj nun eine Mini-Diät auferlegt. So kann er sich noch mehr auf das konzentrieren, was ihm in der Mittagspause am wichtigsten ist: "Der zwischenmenschliche Austausch, die Unterhaltung mit Freunden und Kollegen." Das ist der zweite Aspekt, der beim Essen in der Ukraine besonders ausgeprägt ist. Wie der junge Wissenschaftler betont, geht es dort nämlich nicht allein um die maximale Energiezufuhr, sondern auch "um die Veredelung der Seele".

Dass sich die Ukrainer auf die Veredelung der Seele außergewöhnlich gut verstehen, merkt man, wenn man Anton mit seinen Freunden und Kollegen beim Mittagessen beobachtet, wo sie sich laut und angeregt unterhalten und immer wieder Späße machen. Das ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was man in der Ukraine am Wochenende, an Feiertagen und bei Festen erlebt. Auch dann gibt es natürlich Borschtsch, Fleisch, Kartoffeln und Salate. Allerdings kommen dazu noch süßer Wein, Bier und vor allem: Wodka.

Besser noch am Wochenende

Der wird ausschließlich in Shots getrunken, auf jeden Kurzen gibt es einen Toast. Dabei kann es vorkommen, dass die Gäste auch bei kleineren Anlässen zu jedem Schluck lange, euphorische Reden halten. Bei größeren Anlässen lieben es die Ukrainer außerdem, am Tisch zu singen, die Frauen genauso wie die Männer, wobei sie aus einem großen Arsenal temperamentvoller traditioneller Lieder schöpfen.

Wahrscheinlich sind es diese Feste, bei denen der ausgelassene Geist der Kosaken heute noch am besten erhalten ist. Anton Hrushetskyj fasst es so zusammen: "Das ukrainische Mittagessen auszuprobieren, lohnt sich auf jeden Fall. Wer aber auch noch ein paar Feste am Wochenende erlebt, der wird unser Land nicht mehr vergessen."

Mittagspause

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Willkommen im Land der ... ach ist doch egal.
kopfschütteler 25.02.2013
Schade, dass die Lektüre diesem Bild (siehe oben) so gar nicht entsprechen mag: Ein Artikel, der sich liest, wie ein nach der Klassenfahrt angefertigter Aufsatz und dazu ein paar mit dem Handy (vermutlich Marke [...]
Zitat von sysopAnton HrushetskyjWer in der Ukraine Essen kaufen möchte, kommt an pummeligen, alten Männern nicht vorbei. Sie zieren die Verpackungen von Milch, Speck oder Erdnüssen und winken als Pappfiguren von Kneipendächern. Entsprechend reichhaltig, herzhaft und beschwingt sind die Mittagspausen in Kiew. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/mittagspausen-rituale-in-der-ukraine-um-13-uhr-in-kiew-a-884865.html
Schade, dass die Lektüre diesem Bild (siehe oben) so gar nicht entsprechen mag: Ein Artikel, der sich liest, wie ein nach der Klassenfahrt angefertigter Aufsatz und dazu ein paar mit dem Handy (vermutlich Marke "Kosmonautenstolz") geschossene, mehr als mittelmäßige Fotos. Keine Ahnung, wie ihr das seht, liebes SPON Team ... aber ich brauche sowas nicht.
2. Nach 5 Jahren
theodorheuss 25.02.2013
Kiew kann ich dies nur bestätigen: "Wer aber auch noch ein paar Feste am Wochenende erlebt, der wird unser Land nicht mehr vergessen." Allein die Fahrt zum Mittagessen oder vor die Tore Kiews zum Schaschlicki [...]
Zitat von sysopAnton HrushetskyjWer in der Ukraine Essen kaufen möchte, kommt an pummeligen, alten Männern nicht vorbei. Sie zieren die Verpackungen von Milch, Speck oder Erdnüssen und winken als Pappfiguren von Kneipendächern. Entsprechend reichhaltig, herzhaft und beschwingt sind die Mittagspausen in Kiew. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/mittagspausen-rituale-in-der-ukraine-um-13-uhr-in-kiew-a-884865.html
Kiew kann ich dies nur bestätigen: "Wer aber auch noch ein paar Feste am Wochenende erlebt, der wird unser Land nicht mehr vergessen." Allein die Fahrt zum Mittagessen oder vor die Tore Kiews zum Schaschlicki sind unvergesslich. Schwarze, schwere Mercedesfahrzeuge die einen ausbremsen, schneiden, bedrohen, laßen das Adrenalin in die Höhe schnellen. Später dann ein, nicht anders zu nennen als Saufgelage, mit derben Sprüchen und fettem Fleisch. Der Müll wird einfach in den Wald geschmißen zu den anderen Müllhaufen. Frauen die auch in der Wildnis High Heels und Minirock tragen und seperat von den Männern speisen. Was soll solch ein Artikel, der einem eine schöne, heile Welt vorgaukeln möchte? Die Realität ist bei weitem eine andere in diesem Land, besonders in der Metropole, wo man für Geld Recht und Schutz erkaufen kann. Bei Soziologen wie dem Autor mag es anders zugehen, die Regel ist es aber nicht.
3.
qvoice 25.02.2013
Verkehrsrowdies gibt es überall. Schon mal in Paris oder Rom gewesen? Dort ist der Strassenverkehr auch anders als in der deutschen Provinz. Die Frauen sind in der Tat sehr hübsch und sehr weiblich angezogen, da können [...]
Zitat von theodorheussKiew kann ich dies nur bestätigen: "Wer aber auch noch ein paar Feste am Wochenende erlebt, der wird unser Land nicht mehr vergessen." Allein die Fahrt zum Mittagessen oder vor die Tore Kiews zum Schaschlicki sind unvergesslich. Schwarze, schwere Mercedesfahrzeuge die einen ausbremsen, schneiden, bedrohen, laßen das Adrenalin in die Höhe schnellen. Später dann ein, nicht anders zu nennen als Saufgelage, mit derben Sprüchen und fettem Fleisch. Der Müll wird einfach in den Wald geschmißen zu den anderen Müllhaufen. Frauen die auch in der Wildnis High Heels und Minirock tragen und seperat von den Männern speisen. Was soll solch ein Artikel, der einem eine schöne, heile Welt vorgaukeln möchte? Die Realität ist bei weitem eine andere in diesem Land, besonders in der Metropole, wo man für Geld Recht und Schutz erkaufen kann. Bei Soziologen wie dem Autor mag es anders zugehen, die Regel ist es aber nicht.
Verkehrsrowdies gibt es überall. Schon mal in Paris oder Rom gewesen? Dort ist der Strassenverkehr auch anders als in der deutschen Provinz. Die Frauen sind in der Tat sehr hübsch und sehr weiblich angezogen, da können die deutschen Frauen noch viel lernen. Offensichtlich sind Sie etwas in die falschen Kreise geraten. Inzwischen gibt es auch in der Ukrainischen Provinz gute Reastaurants, in denen man ukrainisch, russisch, italienisch oder chinesisch essen kann.
4. in welcher ukraine war der autor?
cotigoergosum 25.02.2013
habe ich mich spontan gefragt, als ich den artikel las ... mag sein (das will ich ihm nicht abstreiten), daß er sich für kiev begeistert hat, denn das verursacht diese stadt am dnepr sicher bei jedem, der einmal dort war. bei [...]
habe ich mich spontan gefragt, als ich den artikel las ... mag sein (das will ich ihm nicht abstreiten), daß er sich für kiev begeistert hat, denn das verursacht diese stadt am dnepr sicher bei jedem, der einmal dort war. bei mir genauso. mit jedem aufenthalt wieder. gewiss, die menschen sind vorwiegend offen, gastfreundlich, fröhlich und wissen zu leben - vorausgesetzt, sie haben die nötigen mittel dazu ... denn genau hier geht das klischeehafte dieses artikels los. es kann sich halt nicht jeder leisten. auf der anderen seite merkt man doch, wie befremdlich und unwirklich dies auf uns westeuropäer wirkt, die wir ein ganz anderes verhältnis zum essen haben. eines kommt noch hinzu: kiev steht nicht für "den rest" der ukraine. deswegen kann ich nur empfehlen, wer offen für neue eindrücke und erfahrungen ist, der sollte sich kiev unbedingt einmal "antun" ... nicht nur des essens wegen.
5.
Tostan 25.02.2013
Kann ich absolut nicht bestätigen. Meiner Meinung nach fahren die Ukrainer(auch die in den großen schwarzen Mercedesen bzw. oft auch Lexus-SUVs) ruhig und gesittet und das bei moderatem Verkehrsaufkommen selbst in der Rush [...]
Zitat von theodorheussKiew kann ich dies nur bestätigen: "Wer aber auch noch ein paar Feste am Wochenende erlebt, der wird unser Land nicht mehr vergessen." Allein die Fahrt zum Mittagessen oder vor die Tore Kiews zum Schaschlicki sind unvergesslich. Schwarze, schwere Mercedesfahrzeuge die einen ausbremsen, schneiden, bedrohen, laßen das Adrenalin in die Höhe schnellen. Später dann ein, nicht anders zu nennen als Saufgelage, mit derben Sprüchen und fettem Fleisch. Der Müll wird einfach in den Wald geschmißen zu den anderen Müllhaufen. Frauen die auch in der Wildnis High Heels und Minirock tragen und seperat von den Männern speisen. Was soll solch ein Artikel, der einem eine schöne, heile Welt vorgaukeln möchte? Die Realität ist bei weitem eine andere in diesem Land, besonders in der Metropole, wo man für Geld Recht und Schutz erkaufen kann. Bei Soziologen wie dem Autor mag es anders zugehen, die Regel ist es aber nicht.
Kann ich absolut nicht bestätigen. Meiner Meinung nach fahren die Ukrainer(auch die in den großen schwarzen Mercedesen bzw. oft auch Lexus-SUVs) ruhig und gesittet und das bei moderatem Verkehrsaufkommen selbst in der Rush Hour. Der Einruck kann natürlich auch dadurch entstehen, dass ich den direkten Vergleich zwischen Provinzkaff und Weltstadt habe ... Freitagabend in Kiew(wo die Masse aus der Stadt auf die Datscha strömt), Sonntagabend in Moskau(wo die Masse wieder zurück in die Stadt will). die Regel ist aber auch ihre Schilderung nicht. Gerade die jüngeren, gebildeteren Ukrainer sind mittlerweile auch Umweltbewusst(Müll wird nicht wild entsorgt) und kleinen sich auch der situation angemessen(keine High Heels in der Wildnis) und haben oft auch einen moderaten Akloholverbrauch - Was das fettige Fleisch angeht - gutesch Schaschlik ist auch nicht fettiger als ein "deutsch gegrilltes" Schweinenackensteak.

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