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KarriereSPIEGEL

Feuerwache im Brennpunktviertel

Ständig Alarm - aber keine Flammen

Einen Brand löschen - das ist für Feuerwehrleute in Berlin inzwischen die Ausnahme. Sie haben mit ganz anderen Notfällen zu tun.

Foto: SPIEGEL TV
Von Beate Schwarz
Dienstag, 05.02.2019   10:38 Uhr

Schon vor Dienstbeginn weiß Hauptbrandmeister Boris Strebel, dass es dieses Mal wieder eine besonders anstrengende Nachtschicht wird: Er ist für den Rettungswagen (RTW) eingeteilt und muss damit rechnen, jede Stunde zu einem Notruf in den Straßen von Berlin-Neukölln zu fahren. Immer dann, wenn sein "Pieper" einen Alarm anzeigt. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass jemand ernsthaft verletzt ist.

"Immer mehr Menschen sind anscheinend hilflos und rufen bei jeder Kleinigkeit die 112", sagt Strebel. "Gleichzeitig gibt es auch gerade hier im Viertel immer mehr gestrandete Menschen, Alkoholkranke, Wohnungslose, Drogenabhängige, bei denen wir Erste Hilfe leisten." Strebel, 41, ist Notfallsanitäter. Damit hat er die höchste nicht-ärztliche Qualifikation im Rettungsdienst. Auch deshalb wird er häufig auf dem RTW eingesetzt. Notfallsanitäter sind bei der Berliner Feuerwehr derzeit rar.

Strebels erster Einsatz nach einem Alarmruf an diesem Abend: Sturz aus Bodenhöhe, Verletzung am Kopf. Als er mit seinem Kollegen in der Anlage für Betreutes Wohnen ankommt, werden sie von der Nichte des 60-jährigen Patienten empfangen. Sie macht sich große Sorgen um ihren Onkel, ebenso wie dessen betagte Mutter.

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Hauptbrandmeister Boris Strebel und sein Kollege Kevin Pöggel im Einsatz

Der Mann ist an diesem Tag mehrfach aus dem Rollstuhl gekippt. Er hat Multiple Sklerose. Aber: Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten die Feuerwehrleute gar nicht anrücken müssen. Ihm ist nichts Schlimmes passiert. Die Stürze aus dem Rollstuhl hatten keine akuten Folgen. Der Mann will deshalb auch nicht ins Krankenhaus. "Da können sie mir doch nicht helfen. Ich habe eben eine chronische Krankheit. Basta".

So lange es geht, will der 60-Jährige selbstbestimmt leben und nicht bevormundet werden. Die Angehörigen dagegen möchten, dass er in eine Klinik gebracht wird. Dort soll er durchgecheckt werden und künftig vielleicht mehr Hilfe bekommen. Nichte und Mutter glauben, dass der 60-Jährige eben nicht mehr allein wohnen kann - und hoffen auf die Überzeugungskraft von Boris Strebel.

Der Feuerwehrmann soll den Patienten überzeugen mitzukommen. Am Ende gelingt ihm das auch. Mit einfühlsamen Worten. Es sei doch das Beste für alle, wenn er mit in die Klinik fahre, sagt Strebel, wohl wissend, dass es dem Mann danach wahrscheinlich auch nicht viel besser gehen wird als bisher.

Es ist eine traurige Geschichte gleich zu Dienstbeginn, aber für den Notfallsanitäter keine ungewöhnliche. "Nicht immer sind wir als Feuerwehrleute auch wirklich die Richtigen. Wir können zwar erst mal nach dem Zustand schauen, Vitalparameter abnehmen. Doch die sind in vielen Fällen gar nicht das Problem, und für die Menschen mit ihrem Leben ändert sich nicht wirklich etwas."

Unterwegs im Löschfahrzeug

Auch Strebels Kollegen auf dem Löschfahrzeug haben immer öfter mit fachfremden Aufgaben zu tun. Selbst wenn sie für dieses große Feuerwehrauto eingeteilt sind, bedeutet das für die Männer höchst selten, dass sie ausrücken, um einen Brand zu bekämpfen.

Dieses Mal ist es ein Verkehrsunfall mitten auf der Sonnenallee im Kiez, zu dem der Neuköllner Trupp gerufen wird. Während seine Feuerwehrleute Erste Hilfe bei dem Verletzten leisten, muss Einsatzleiter Mathias Bleeck andere Aufgaben übernehmen: Es gilt, eine Menge Schaulustiger in Schach zu halten.

An die hundert Menschen drängen, zum Teil mit gezückten Smartphones, dicht an das zu Schrott gefahrene Motorrad und das Unfallauto - und auch an den auf der Straße sitzenden Verletzten. Bleeck versucht deshalb zu einer Art menschlichen Absperrleine rund um die Unfallstelle zu werden: "Würden Sie bitte auf den Bürgersteig gehen! Bitte rauchen Sie nicht an der Unfallstelle! Gehen Sie doch mit den Kindern aus dem Gefahrenbereich!" Auffordern, ermahnen, zurechtweisen anstatt retten, bergen, löschen.

"Wir fahren nur noch selten zum Feuer"

3253 Mal ist ein Löschfahrzeug der Neuköllner Wache im Jahr 2017 ausgerückt. Dabei ging es statistisch betrachtet nur in 60 Fällen um Alarm, weil es irgendwo brannte. Und davon wiederum handelte es sich in rund einem Viertel der Fälle um falschen Alarm. "Wir fahren nur noch selten zum Feuer. Aber wenn es dann mal brennt, dann meistens auch ziemlich heftig", sagt Bleeck.

Der normale Alltag sieht anders aus: Meist tönt aus dem Alarm-Pieper der Kollegen "Notfall". Dann steht nichts in Flammen, sondern selbst die Feuerwehrleute auf dem Löschfahrzeug müssen verschiedenste, andere Probleme bekämpfen. Der Grund: Alle RTWs, die dafür eigentlich zuständig wären, sind schon im Einsatz.

Deshalb fährt dann das große Löschfahrzeug mit voller Besetzung ersatzweise zu einem Patienten, damit die vertraglich mit der Stadt geregelte Hilfsfrist von acht Minuten ab Alarmierung eingehalten wird. Als "First Responder", wie es im Fachjargon heißt. Da kommen dann schon mal vier Feuerwehrleute in voller Montur zu einem kleinen Jungen, der vom Stuhl gefallen ist und sich eine kleine Platzwunde am Kopf zugezogen hat.

In dieser Nacht erweist sich noch eine "Alkoholintoxikation" als harmloser Suff eines jungen Mannes. Und der "verletzte Wildvogel" um ein Uhr stellt sich als ein Spatz heraus, um den sich aber zwei junge Leute große Sorgen machten und deswegen die 112 wählten. "Wir werden immer öfter zu Einsätzen gerufen, die eigentlich gar nicht Aufgabe der Feuerwehr wären", resümiert Mathias Bleeck. Zufrieden ist er damit nicht: "Das hebt nur unnötig die Einsatzzahlen an".

Manche Kommunen setzen neuerdings eigene Notfallsanitäter ein, um Bagatellfälle abzudecken. Der Fachmann kann dann vor Ort immer noch entscheiden, ob der Patient in ein Krankenhaus muss oder auch zum Hausarzt gehen kann - oder ob ihm schlicht ein Taxi bestellt wird. So sollen Rettungsdienste entlastet und Kosten gespart werden.

"Es geht darum, Menschen zu helfen"

Hauptbrandmeister Boris Strebel hat in dieser Nachtschicht einen älteren Herren ins Krankenhaus gefahren, der nach einem feuchtfröhlichen Abend auf der Straße gestolpert war. Er hat einem Iraker geholfen, der vor einem Klub zusammengeschlagen wurde. Einem jungen Mann aus Ghana, der Passanten aufgefallen war, weil er sagte, er wolle sich umbringen. Einem anderen jungen Mann, offenkundig voller Drogen, der sich verfolgt fühlte - er half einigen anderen Menschen mehr.

Am Morgen um sieben Uhr endet Strebels Schicht, und er übergibt seinen Pieper an den Tagdienst. Es war mal wieder eine typisch untypische Nacht für einen Großstadt-Feuerwehrmann. Boris Strebel hat sich daran gewöhnt: "Es geht darum, Menschen zu helfen, das ist der ureigenste Instinkt des Feuerwehrmannes."

Foto: SPIEGEL TV

Mehr dazu in der Spiegel TV-Reportage-Reihe dienstags, 5.2., 12.2. und 19.2.2019, 23:10 Uhr auf Sat.1: "Feuerwache Neukölln - Einsatz im Brennpunkt"

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