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Geologe in der Denkmalpflege

Warum lecken Sie an Steinen, Herr Professor?

Manche Berufe halten Routinen bereit, die auf Außenstehende bizarr wirken. Der Geologe Andreas Rohatsch etwa leckt seit fast 30 Jahren an altem Gestein. Ein Anruf in Wien.

ORF

Andreas Rohatsch beim Schlecktest am Wiener Rathaus

Ein Interview von
Dienstag, 10.04.2018   10:27 Uhr

Zur Person

Andreas Rohatsch, 56, ist Professor am Forschungsbereich für Ingenieurgeologie der TU Wien. Seit 1989 beschäftigt er sich mit angewandter Gesteinskunde und Denkmalpflege. Er ist auch Mitglied des Denkmalbeirates der Republik Österreich.

SPIEGEL ONLINE: Österreichische Medien haben über Sie berichtet, weil Sie kürzlich im Innenhof des Wiener Rathauses an einer Säule geleckt haben. Hat es geschmeckt?

Rohatsch: Es geht doch nicht um den Geschmack! Das ist eine kostengünstige und einfache Methode, um den Verwitterungszustand eines Gesteins zu ermitteln, bevor man Proben im Labor analysiert. Wenn das Gestein den Speichel aufsaugt und dann auch noch die Zunge daran kleben bleibt wie an der Kreide in der Schule, ist das ein Warnsignal dafür, dass es sich um Gestein mit kapillaraktiven Feinporen handelt.

SPIEGEL ONLINE: Entschuldigung, mit was?

Rohatsch: Kapillaraktive Feinporen saugen Feuchtigkeit auf und geben sie über Wochen und Monate nicht wieder her. Das Gestein ist also dauerhaft feucht. Das macht es frostempfindlich und Minerale wie Calcit werden schneller aus dem Stein herausgelöst. Die Porosität eines Gesteins ist auch für die Konservierungsmaßnahmen sehr bedeutend: Wenn ein Restaurator verwitternden Stein mit Steinfestiger behandelt, wird er noch feinporiger. Das kann im schlimmsten Fall den Zerstörungsprozess sogar beschleunigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert der Schlecktest genau?

Rohatsch: Das ist ein Standardtest, der läuft in der Regel nebenbei: abschlecken, erledigt, weitergehen. Das mag eigenartig wirken, ist aber durchaus gängig. Denn die Gesteinsbestimmung erfolgt mit allen Sinnen, die uns zur Verfügung stehen.

SPIEGEL ONLINE: Zuerst mit der Zunge?

Rohatsch: Nein, natürlich verschaffe ich mir zuerst einen Überblick mit dem Auge. Welche Bereiche sind schwarz verfärbt? Welche sind rau, welche glatt? Dann schaue ich mir mit einer Lupe einzelne Stellen an. Gibt es feine Risse? Wie tief gehen Schmutzablagerungen? Danach kommt meine Hand zum Einsatz: Ich streife über das Gestein und fühle, ob es stark oder schwach sandend ist, wie leicht sich also einzelne Körner lösen. All diese Schnellmethoden erfordern langjährige Erfahrung und ersetzen keine normgemäßen Labortests. In Verbindung mit mikroskopischen und gesteinsphysikalischen Untersuchungen im Labor sind sie aber wichtig, um zum Beispiel zu kalkulieren, wie teuer eine Restaurierung wird.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ungesund, über uralte Bauwerke zu lecken?

Rohatsch: Ich beobachte sehr genau, wo ich meine Zunge einsetze. Ich mache den Schlecktest nur an blanken Stellen, die der Regen regelmäßig reinigt. Über die schwarzen Stellen, an denen Ruß, Staub oder Gummiabrieb die Poren des Gesteins verstopfen, würde ich niemals lecken. Ich schlecke auch keine barocken Statuen in Parks ab. Die wurden früher mit einer bleihaltigen weißen Farbe bestrichen, um Sandstein als Marmor zu verkaufen. Dort riskiert man eine anständige Bleivergiftung.

SPIEGEL ONLINE: Und wie schmeckt Gestein nun?

Rohatsch: Das hängt von den Stoffen ab, die sich im Speichel lösen - und Stein ist allgemein schwer löslich. Eine Gesteinsbestimmung anhand des Geschmacks ist deshalb nicht möglich.

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