13.04.2011
Tücken der Nachtarbeit
Irgendwann macht der Körper schlapp
Von Brigitte ZanderSchon in ihrer Krankenschwester-Ausbildung wurde Adelina Colicelli in Schichten eingesetzt, so ging es immer weiter. Oft stand sie um 4 Uhr auf. Der Klinikbetrieb: Frühschicht bis 14 Uhr, Tagschicht von 12.30 bis 21 Uhr, Nachtschicht von 20.30 bis 6.30 Uhr. Bis zu sieben Nächte wurde am Stück gearbeitet, folgen sollte ein mehrtätiger Freizeitblock. Aber weil die Personaldecke - damals wie heute - meist zu kurz ist, gelten Zusatzschichten und Rufbereitschaften als normal.
Anfangs absolvierte die blonde Schwester den Wechsel rund um die Uhr locker. "Manchmal habe ich bis in den Abend Partys gefeiert, dann die Nachtschicht angehängt. Zwar fällt man frühmorgens fast um, erholt sich aber schnell wieder, wenn man jung ist." Ab Mitte 20 feierte sie nicht mehr. Der Dienst schlauchte zunehmend, tagsüber im hellhörigen Schwesternwohnheim bekam sie kaum ein Auge zu. "Nie schaffte ich die acht Stunden, die ich eigentlich zum Wohlfühlen brauche."
Die Kollegen stöhnten genauso. "Jeder litt unter dem aufgezwungenen Fremdrhythmus. Am schlimmsten nachts zwischen 2 und 3 Uhr. Man versackt plötzlich in Sekundenschlaf, selbst bei Tätigkeiten direkt am Krankenbett", so Colicelli. Viele bekämpfen die toten Punkte im Schichtdienst mit Kaffee, manche mit Aufputschmitteln. Und greifen zu Schlaftabletten, um einschlafen zu können.
Sie selbst bemühte sich um gesündere Einschlafrituale: Fernsehen, dünner Tee, Bücher. Dennoch war die früher so fröhliche junge Frau zunehmend gereizt. "Man ist laufend erkältet, leidet unter Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Verstopfung." Was auch an der Ernährung liegt: "Brote, Schokolade - was so zwischendrin geht, daheim schnelle Nudeln." Ein Hauptgrund für die 30 Kilo, die Adelina Colicelli seit Berufsbeginn zugelegt hat.
Jeder Körper reagiert anders - aber chronische Leiden sind häufig
Um sich im strapaziösen Pflegedienst nicht völlig zu verschleißen, wechselte Angelina Colicelli mit 30 Jahren in die Leitung eines ambulanten Pflegedienstes und später in die eines großen Altersheims. Heute, 46 Jahre alt, arbeitet sie Teilzeit im Münchner Büro des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe und im ambulanten Dienst - "nur tagsüber".
Schichtarbeit mit regelmäßigem Nachteinsatz "ist grundsätzlich für jeden Menschen schädlich", stellte das Bundesverfassungsgericht schon 1992 fest. Wissenschaftler und Mediziner bestätigen das besondere gesundheitliche Risiko. "Viele Schichtarbeiter klagen über Schlafstörungen, Magenbeschwerden, innere Unruhe, psychische Beeinträchtigungen. Zu den langfristigen Folgen können Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen", so Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Auch Rückenschmerzen, Diabetes und Bluthochdruck führen manche Ärzte auf ungesunden Rund-um-die-Uhr-Dienst zurück.
Ein konkretes Schichtarbeiter-Leiden gibt es nicht. Auf die willkürlichen Verschiebungen der normalen Schlafphase reagiert jeder Körper unterschiedlich. Zunächst mit psycho-vegetativen Wehwehchen wie Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Händezittern, chronischer Müdigkeit. Der Schlafentzug schwächt das Immunsystem. Handfeste chronische Leiden können langfristig folgen.
Erhöhtes Krebsrisiko durch Nachtarbeit
"Wechselschichten führen nicht unbedingt zu einer Krankheit, erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit zu erkranken statistisch erheblich", sagt Andrea Fergen, im Vorstand der IG Metall zuständig für Arbeitsgestaltung und Gesundheitsschutz. "Arbeitswissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Schichtarbeiter früher altern. Sie leiden unter höherem gesundheitlichen Verschleiß als Tagesarbeiter."
2007 stufte das Internationale Krebsforschungszentrum der WHO nächtlichen Schichtdienst sogar als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Einzelstudien an Krankenschwestern und Stewardessen hatten Tierexperimente bestätigt, denen zufolge ständige Verschiebungen der biologischen Schlaf-Wach-Abfolge sowie nächtliches Kunstlicht langfristig das Auftreten von Tumoren begünstigen.
Licht stört die nächtliche Produktion des Hormons Melatonin, auch Prozesse der Zellteilung und -reparatur. "Das könnte das Risiko einer Tumorbildung erhöhen", vermuten Wissenschaftler wie Volker Harth vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin an der Bochumer Uni. Es bestehe aber noch viel Forschungsbedarf.
Das Problem mit der gestörten inneren Uhr erklärt Beate Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin so: "Der Mensch ist ein tagaktives Lebewesen, dessen Körperfunktionen am Tag auf Aktivität und in der Nacht auf Erholung eingestellt sind. Der willkürliche Schlaf-Wach-Wechsel bringt den Körper aus dem Takt." Permanente Störungen der natürlichen Zeitabläufe bedeuten Stress - etwa wie ein Dauer-Jetlag.


