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20.02.2012
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Frust im Job

"Hauptsache, ihr werdet billiger"

Von Eva Buchhorn und Klaus Werle
Brainpool / Willi Weber

Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Anstatt für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen, verschärfen sie oft den Frust.

Mimosen sind sie eigentlich nicht, die Mitarbeiter der Baumarktkette Praktiker. Zwischen Toilettendeckeln und Kettensägen gedeihen keine Sentimentalitäten, der langjährige Vorstandschef Wolfgang Werner galt als rauer Gesell.

Und doch geht derzeit die Angst um in der Praktiker-Zentrale im saarländischen Kirkel. Jahrelanges Missmanagement hat das Heimwerker-Dorado an den Abgrund geführt. Jetzt ist Werner weg, Nachfolger und Extremsanierer Thomas Fox, 54, karstadterfahren, hat für das marode Handelshaus genau zwei Alternativen im Gepäck: brutales Aufräumen oder Untergang.

In stürmischen Zeiten schauen die Mitarbeiter gewöhnlich nach oben, zum Vorstand, und dort speziell zum Mann fürs Personal. Pech für die Praktiker-Leute: Einen eigenen Personalvorstand gibt es in Kirkel nicht mehr, die Funktion wurde dem Inhaber des Auslandsressorts angehängt. Der letzte Personalvorstand, Karl-Heinz Stroh, 56, ist vor rund einem Jahr gegangen - dann sparte man das Ressort ein.

Wehmütig erkennen die Beschäftigten nun, dass sie einst nahezu auf einer Insel der Seligen wohnten. Während der Rezession 2009 setzte Stroh bei Praktiker Kurzarbeit durch, ein Novum im Handel. Und er warb für größere Anstrengungen in der Personalentwicklung.

Aus, vorbei. Was bei Praktiker derzeit vor sich geht, gehört hierzulande fast zu den Automatismen der Unternehmensführung: In der Krise geht es um Umsatz, um Strategieanpassungen und Kostensparen - für schönen Schnickschnack fehlt der Führung ab sofort die Zeit. Und aufwendige Personalarbeit gehört leider zum schönen Schnickschnack.
Test: Wie hoch ist Ihr Scheiter-Risiko?

In Krisenzeiten hat sich das Personalressort in den Hintergrund zu trollen: "Unternehmensführungen geben den Druck aus der Entwicklung des operativen Geschäfts ungefiltert an die Personalmanager weiter", sagt der Berater Martin Claßen, der den Stellenwert der Human-Resources-Abteilungen in deutschen Firmen untersucht hat: "Die Kernbotschaft lautet dann immer: Hauptsache, ihr werdet billiger."

Fatalerweise stellt Krisenmanagement in den meisten deutschen Unternehmen längst den Normalfall dar. Der permanente Kampf um Wettbewerbsfähigkeit, Restrukturierungsrunden, die Konzentration auf das Wohl von Kunden und Aktionären und zuletzt der Widerstand gegen die Finanzmarktturbulenzen - all das hat in vielen Unternehmensleitungen längst Vorrang vor der Frage: Wie geht es eigentlich unseren Leuten?

Wie geht es eigentlich unseren Leuten?

Es geht ihnen eher schlecht. Der Arbeitsdruck ist massiv gewachsen, immer mehr Arbeit wird auf immer weniger Köpfe verteilt, zunehmende Komplexität der Aufgaben bei immer weniger echter Entscheidungsfreiheit ("flache Hierarchien!") zehrt an den Kräften. Und der Ausgleich über kräftige Gehaltssteigerungen steht nur noch Topkräften offen.

All das hat massiven Frust bei den Mitarbeitern erzeugt. Das amerikanische Gallup-Institut sieht neun von zehn Angestellten in Deutschland kurz vor der inneren Kündigung. Die Deutsche Bahn hat durch interne Umfragen herausgefunden, dass immerhin 70 Prozent der Bahner am Arbeitsplatz unglücklich sind.

Auch das Duisburger Institut für Arbeit und Qualifikation verortet die Laune der deutschen Arbeitnehmer in einer Studie im unteren europäischen Mittelfeld. Nur Osteuropäer sind im Job noch schlechter drauf. Kein Unternehmen kann es sich leisten, solche Erkenntnisse zu ignorieren. Schlechte Laune senkt die Produktivität und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit. Muffelköpfe verdienen kein Geld. Helfen könnten die Personalmanager.

Eine Kultur zu schaffen, in der gute Mitarbeiter gut geführt werden, um gute Ergebnisse zu liefern, sollte zu den Kernaufgaben des Ressorts Human Resources (HR) gehören. Ganz zu schweigen von Demografie und Fachkräftemangel, die den Personalexperten noch einmal ein Bündel weiterer Aufgaben bescheren.

So gesehen, müssten diese turbulenten Zeiten für Personaler auch goldene Zeiten sein. Sie könnten, ja müssten ins Zentrum der Unternehmensführung vorrücken.

Tun sie aber nicht. Und daran sind sie zu einem nicht geringen Teil selbst schuld. Weil es ihnen an Kompetenz und Selbstbewusstsein mangelt. Weil etliche sich in larmoyanter Nabelschau aufreiben, statt klare Gestaltungsideen zu entwickeln und Macht zu beanspruchen. So ist die Motivationskrise auch eine Krise der Personalarbeit.

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Hm
der_rookie 20.02.2012
Wann hören Journalisten endlich auf Trends zu behaupten ohne auch nur ein Indiz zu liefern. Im Einleittext steht prominent platziert "immer weniger Menschen sind im Job glücklich". Wo im Text finde ich den [...]
Zitat von sysopBrainpool / Willi WeberDie Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Ein Blick auf die verborgenen Problemzonen der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,806993,00.html
Wann hören Journalisten endlich auf Trends zu behaupten ohne auch nur ein Indiz zu liefern. Im Einleittext steht prominent platziert "immer weniger Menschen sind im Job glücklich". Wo im Text finde ich den Vergleich zu früher? Merke: "Immer mehr" ist nicht gleichbedeutend mit "Viele". Manchmal wirkt es auf mich als ob sich ein Journalist zum ersten Mal ernsthaft mit einem Thema auseinandergesetzt hat (musste ja den Artikel schreiben), damit ihm zum ersten Mal die Zustände aufgefallen sind. Da diese ihm früher nicht bewusst waren denkt er früher war es wohl nicht so schlimm, also wird alles immer schlimmer.
2.
spügel 20.02.2012
Das kommt nun mal davon, das man früher mit weniger Arbeitseinsatz das doppelte verdient hat. Und wenn es einem auf seinem Arbeitsplatz nicht mehr gefallen hat, konnte man mit dem Wissen kündigen, das man in zwei Wochen etwas [...]
Zitat von der_rookieWann hören Journalisten endlich auf Trends zu behaupten ohne auch nur ein Indiz zu liefern. Im Einleittext steht prominent platziert "immer weniger Menschen sind im Job glücklich". Wo im Text finde ich den Vergleich zu früher? Merke: "Immer mehr" ist nicht gleichbedeutend mit "Viele". Manchmal wirkt es auf mich als ob sich ein Journalist zum ersten Mal ernsthaft mit einem Thema auseinandergesetzt hat (musste ja den Artikel schreiben), damit ihm zum ersten Mal die Zustände aufgefallen sind. Da diese ihm früher nicht bewusst waren denkt er früher war es wohl nicht so schlimm, also wird alles immer schlimmer.
Das kommt nun mal davon, das man früher mit weniger Arbeitseinsatz das doppelte verdient hat. Und wenn es einem auf seinem Arbeitsplatz nicht mehr gefallen hat, konnte man mit dem Wissen kündigen, das man in zwei Wochen etwas besseres gefunden hat. Mit Verlaub, Ihnen geht es wohl zu gut, wenn Ihnen das bisher nicht in brüllender Lautstäke aufgefallen ist.
3. Kein Inflationsausgleich?
gsm1800 20.02.2012
Danke Chef, dafür mache ich doch gerne unbezahlte Überstunden.
Zitat von sysopBrainpool / Willi WeberDie Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Ein Blick auf die verborgenen Problemzonen der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,806993,00.html
Danke Chef, dafür mache ich doch gerne unbezahlte Überstunden.
4. Dienstleistungstrend
wurmfortsatz 20.02.2012
Deutschland entwickelt sich zur Dienstleistungsgesellschaft. Ein alter Hut. Damit sind nicht mehr die teuren Maschinen (die regelmäßig durch TÜV und Firmen selbst) gepflegt und gehegt wurden das Kapital der Firma, sondern [...]
Zitat von sysopBrainpool / Willi WeberDie Zahl der Beschäftigten in Deutschland ist hoch wie nie - doch immer weniger Menschen sind im Job glücklich. Das liegt auch daran, dass viele Personalmanager ihre Aufgabe falsch begreifen. Ein Blick auf die verborgenen Problemzonen der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,806993,00.html
Deutschland entwickelt sich zur Dienstleistungsgesellschaft. Ein alter Hut. Damit sind nicht mehr die teuren Maschinen (die regelmäßig durch TÜV und Firmen selbst) gepflegt und gehegt wurden das Kapital der Firma, sondern die Mitarbeiter. Nur leiten solche Firmen immernoch die Managertypen, die Stahlfirmen geleitet haben. Oder Banken. Bei ersteren ist die Maschine und icht der Mensch wichtig, bei letzteren ist der Mensch das ja auch nicht. Erst wenn in der Firmenleitung klar wird, dass ein Dienstleister nur so gut ist, wie seine Mitarbeiter und nicht wie sein Sortiment, kann das klappen! Eine Klobrille gibt es überall. Aber wenn sie für vielleicht 50 Cent mehr von einem Verkäufer mit Lust und Wissen verkauft wird ist das allemale einen 2. Besuch wert statt in einer leeren großen Halle mit 100 Klobrillen verschiedenster Formen und Größen völlig hilflos zu stehen.
5. Gute Arbeit, schlechte Arbeit
The Captain 20.02.2012
So sieht's aus. Heute mutiert der eigene Arbeitsplatz immer öfter und immer schneller zu etwas, was wie eine "unglückliche Ehe" wirkt. Man ist zwar absolut unglücklich damit, aber mal eben Scheiden ist nicht, denn [...]
Zitat von spügelDas kommt nun mal davon, das man früher mit weniger Arbeitseinsatz das doppelte verdient hat. Und wenn es einem auf seinem Arbeitsplatz nicht mehr gefallen hat, konnte man mit dem Wissen kündigen, das man in zwei Wochen etwas besseres gefunden hat. Mit Verlaub, Ihnen geht es wohl zu gut, wenn Ihnen das bisher nicht in brüllender Lautstäke aufgefallen ist.
So sieht's aus. Heute mutiert der eigene Arbeitsplatz immer öfter und immer schneller zu etwas, was wie eine "unglückliche Ehe" wirkt. Man ist zwar absolut unglücklich damit, aber mal eben Scheiden ist nicht, denn die Konsequenzen, meist finanzieller Natur, sind kaum zu bewältigen. Sich vom ungeliebten Arbeitsplatz zu trennen, weil man: [_] überlastet ist (60+ Stundenwoche über Monate hinweg) [_] an Burnout leidet [_] mit den Kollegen nicht auskommt [_] andauernd unterfordert ist [_] eigentlich nur wegen des Arbeitsamtes die Stelle angenommen hat [_] die Bezahlung unterirdisch ist [_] man nicht ewig und drei Tage pendeln mag [_] usw. usf. ... ist meistens nicht möglich, weil nix anderes in Aussicht steht. Dazu die Sperre von 3 Monaten vom Arbeitsamt, da heutzutage prinzipiell alles zumutbar ist und das Verursacherprinzip gilt: wird man gekündigt, gibt's keine Sperre. Ich hab gegenwärtig das fast schon unfassbare Glück, Arbeitsbeginn und -ende selbst festlegen zu können, aber die allermeisten Leute, die ich kenne, kennen feste Arbeitszeiten und Schichtbetrieb. Dazu ist die Arbeit angemessen bezahlt und kein körperlich belastender Knochenjob - durchaus ein Sechser im Lotto. Aber ich kenn das auch anders, inkl. Nachtschicht (Praktikum Industriereiniger) und knallharte verordnete Überstunden (Maschinenbau/Servicetechniker) ... und da möchte ich nicht wieder hin.

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