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21.02.2012
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Arbeitszeiten

Jeder Zweite hat ein Arbeitszeitkonto

DPA

Arbeitszeit: Die Flexibilität wächst, im günstigsten Fall hilft's allen

There ain't no life from nine to five: Starre Präsenzzeiten werden seltener in Deutschland, flexible Modelle setzen sich durch. Eine neue Studie zeigt, dass die Hälfte der Beschäftigten über ein Arbeitszeitkonto verfügt - und dass sie selbst davon ebenso profitieren wie die Betriebe.

Mehr arbeiten während des Booms, Überstunden abfeiern bei Auftragsflauten - dieses Prinzip wird zum Normalfall in den Unternehmen. Inzwischen hat jeder zweite Beschäftigte ein sogenanntes Arbeitszeitkonto, so das Ergebnis einer neuen Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Vor 20 Jahren habe das erst für jeden vierten der westdeutschen Arbeiter und Angestellten gegolten. Auch die die Ost-West-Unterschiede seien inzwischen verschwunden.

Nach Einschätzung von IAB-Arbeitsmarktforscherin Ines Zapf profitieren von Arbeitszeitkonten sowohl die Beschäftigten als auch die Betriebe. Die Arbeitnehmer gewännen so an Flexibilität, sie könnten leichter Familie und Beruf vereinbaren. Und Unternehmen falle die Reaktion auf die Auftragslage leichter: Sie können Auftragsspitzen ohne bezahlte Überstunden abfeiern - eine Praxis, die in vielen Firmen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise abgefedert hatte.

Meist Freizeitausgleich für Überstunden

Deutlich gesunken ist daher die Zahl der bezahlten Überstunden. 1991 waren es laut IAB im Durchschnitt 1,2 pro Woche, mittlerweile weniger als eine Stunde pro Woche. In der Wirtschaftskrise sei der Wert im Jahr 2009 sogar auf 0,7 Überstunden pro Arbeitnehmer und Woche abgerutscht.

Der IAB-Studie zufolge ist der Anteil der Überstunden, die regelmäßig durch Freizeitausgleich "abgefeiert" werden, im letzten Jahrzehnt leicht gestiegen (auf 49 Prozent im Jahr 2009). Zehn Prozent werden stets bezahlt, bei 22 Prozent ist es mal Freizeitausgleich, mal Bezahlung. Hinzu kommen indes rund 18 Prozent Überstunden, die gar nicht abgegolten werden. Über den Umfang der unbezahlten Mehrarbeit insgesamt lagen keine zuverlässigen Angaben vor. In der Regel setzen Experten die Zahl der bezahlten und unbezahlten Überstunden etwa gleich hoch an.

Neben den Arbeitszeitkonten, auf denen Überstunden angesammelt und abgebaut werden, gibt es eine Reihe weiterer Modelle, die sich am Bedarf der Unternehmen orientieren - oder die den persönlichen Wünschen der Angestellten weit entgegenkommen. Dazu zählen zum Beispiel Gleitzeitregelungen und die "Vertrauensarbeitszeit".

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Für flexible Arbeitszeiten gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Modellen. Manche werden in vielen Unternehmen, andere nur ausnahmsweise praktiziert. Insgesamt arbeiten gut 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit einem solchen Stundenplan. Ein kleines Glossar der modernen Welt der Arbeitszeiten.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
Gleitzeit
Auch "gleitende Arbeitszeit" genannt, bedeutet, dass Beginn, Ende und Dauer der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit nicht festgelegt sind, sondern zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verabredet werden. Man unterscheidet "einfache" und "qualifizierte" Gleitzeit. Bei der "einfachen" Gleitzeit wird eine feste "Kernarbeitszeit" und ein "Gleitzeitrahmen" festgelegt, z.B. 7-20 Uhr Gleitzeitrahmen / 10-17 Uhr Kernarbeitszeit. Bei der "qualifizierten" Gleitzeit wird die "Kernarbeitszeit" noch einmal reduziert oder ganz abgeschafft. Vereinbart wird meist eine bestimmte Stundenzahl in der Woche, im Monat oder im Jahr. Die weitere Planung der Arbeitszeit übernimmt der Arbeitnehmer in eigener Verantwortung.
Arbeitszeitkonten
Viele Unternehmen haben mittlerweile Konten eingeführt, auf welchen die Arbeitszeit laut Vertrag, Tarif oder Vereinbarung mit der tatsächlich geleisteten Arbeit verrechnet wird. Besonders bei Modellen wie Gleitzeit oder bei Schichtarbeit werden sie eingesetzt; zudem gibt es meist Vereinbarungen, wie viel "Guthaben" oder "Schulden" auf einem solchen Konto angesammelt werden dürfen.
Sabbatical
Im Sabbatjahr ließen die Bauern Israels, so erzählt das Alte Testament, die Felder ruhen und alle Schulden wurden erlassen. In der Arbeitswelt können Beschäftigte in regelmäßigen Zeiträumen ein bezahltes Sabbatjahr nehmen, wenn sie zum Beispiel Arbeitszeit angespart oder eine Zeitlang Vollzeit für das halbe Gehalt gearbeitet haben.
Jahresarbeitszeit
Streng genommen eine Variante der Gleizeit: Arbeitgeber und Angestellte verteilen in Absprache das Arbeitszeitvolumen eines Betriebs nicht gleichmäßig, sondern flexibel über ein Jahr. Dieses Modell bietet sich dann an, wenn es vorhersehbare saisonale Schwankungen im Arbeitsaufkommen gibt.
Job-Sharing
Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich. Eine weitere Variante ist das "Job-Pairing", bei dem mehrere Kollegen ein Team bilden, das die Verantwortung, meist für ein weit gestecktes Arbeitsziel oder Projekt, gemeinsam trägt.
Vertrauensarbeitszeit
Dieses Arbeitszeitmodell hat kaum noch mit dem genauen Zeitraum zu tun, der für Arbeit aufgewandt werden muss. Es orientiert sich eher an einem bestimmten Arbeitsziel, einem Produkt zum Beispiel, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein soll. Bei der Vertrauensarbeitszeit liegt es weitgehend in der Verantwortung des Arbeitnehmers, seine Zeit und seine Arbeit zu organisieren. Überstunden gibt es bei diesem Modell nicht, dafür auch kein Zuspätkommen. Eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit aber sehr wohl, sie wird jedoch meist nicht kontrolliert.

dpa/jol

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insgesamt 10 Beiträge
1. Profit
wkdw 21.02.2012
Zum Glück. So kann ich schon um 6.00 Uhr mit der Arbeit anfangen und habe nicht zu viel Kontakt mit meinem Chef.....
Zitat von sysopThere ain't no life from nine to five: Starre Präsenzzeiten werden seltener in Deutschland, flexible Modelle setzen sich durch. Eine neue Studie zeigt, dass die Hälfte der Beschäftigten über ein Arbeitszeitkonto verfügt - und dass sie selbst davon ebenso profitieren wie die Betriebe. Arbeitszeiten: Jeder Zweite hat ein Arbeitszeitkonto - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,816749,00.html)
Zum Glück. So kann ich schon um 6.00 Uhr mit der Arbeit anfangen und habe nicht zu viel Kontakt mit meinem Chef.....
2.
semipermeabel 21.02.2012
Das hat was... Ich habe so ein Arbeitszeitkonto und es ist eher ein Fluch, als ein Segen. Die Personaldecke ist so dünn, da gibt es kaum Möglichkeiten zum Ausgleichen des Stundenkontos.
Zitat von wkdwZum Glück. So kann ich schon um 6.00 Uhr mit der Arbeit anfangen und habe nicht zu viel Kontakt mit meinem Chef.....
Das hat was... Ich habe so ein Arbeitszeitkonto und es ist eher ein Fluch, als ein Segen. Die Personaldecke ist so dünn, da gibt es kaum Möglichkeiten zum Ausgleichen des Stundenkontos.
3. Die sind Zeichen des Steinzeitkapitalismus!
atipic 22.02.2012
Ja, ja die Arbeitszeitkonten sind solche Zeichen. Früher wurden alle Überstunden bezahlt und alle haben davon profitiert: AN, Sozialkassen und auch der Staat. Heutzutage gibt es meistens nur Arbeitszeitkonten die nicht einmal [...]
Ja, ja die Arbeitszeitkonten sind solche Zeichen. Früher wurden alle Überstunden bezahlt und alle haben davon profitiert: AN, Sozialkassen und auch der Staat. Heutzutage gibt es meistens nur Arbeitszeitkonten die nicht einmal gesetzlich geschützt sind!!! Geht eine Firma Pleite, gucken alle Arbeitnehmer in die Röhre. Die gesammelten Überstunden sind futsch. Schlimmer ist, dass die christliche Arbeitsministerin gar nichts daran ändern will. Es ist gut so wie es ist. Pfui christliche Politik.
4. Seltsame Experten
Leser161 22.02.2012
Kann man zwar machen, für gewisse Sachen. Daraus jedoch die Aussage herleiten zu wollen, dass es weniger unbezahlte Überstunden gibt, was der text implizit tut, ist doch etwas gewagt...
Zitat von wkdwIn der Regel setzen Experten die Zahl der bezahlten und unbezahlten Überstunden etwa gleich hoch an.
Kann man zwar machen, für gewisse Sachen. Daraus jedoch die Aussage herleiten zu wollen, dass es weniger unbezahlte Überstunden gibt, was der text implizit tut, ist doch etwas gewagt...
5. ...........
Schweijk 22.02.2012
Arbeitszeitkonten sind vorenthaltener Lohn, nichts anderes. Betrug am Arbeitnehmer. Das Geld könnte man Gewinnbringend anlegen, stattdessen gammelt es auf einem unverzinsten Konto rum.
Zitat von sysopThere ain't no life from nine to five: Starre Präsenzzeiten werden seltener in Deutschland, flexible Modelle setzen sich durch. Eine neue Studie zeigt, dass die Hälfte der Beschäftigten über ein Arbeitszeitkonto verfügt - und dass sie selbst davon ebenso profitieren wie die Betriebe. Arbeitszeiten: Jeder Zweite hat ein Arbeitszeitkonto - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,816749,00.html)
Arbeitszeitkonten sind vorenthaltener Lohn, nichts anderes. Betrug am Arbeitnehmer. Das Geld könnte man Gewinnbringend anlegen, stattdessen gammelt es auf einem unverzinsten Konto rum.

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