14.05.2012
Unternehmensberatungen
Einmal Tretmühle und zurück
Von Maria HuberUnternehmensberatungen sind berüchtigt für ihren irren Arbeitstakt - und viele Berater absolvieren die Überstunden mit Stolz, sind sie doch Leistungsausweis und die Bedingung, um satte Gehälter einzustreichen.
Doch dem Arbeitsrausch folgt nicht selten der Kater. Die Verweildauer in Unternehmensberatungen ist extrem niedrig. Nur drei bis fünf Jahre bleiben die meisten im Job. Danach wollen viele neu anfangen, wechseln zu Kunden, gründen eigene Firmen. Viele steigen aus, weil das Privatleben zu kurz kommt, andere, weil sie den Job von Anfang an als Karriereturbo verstanden haben. Ein Jahr Beratung soll so viel wert sein wie vier Jahre in der Wirtschaft, bei der Erfahrung, beim Netzwerken. Der Altersdurchschnitt bei den meisten Beratungen liegt bei 37 Jahren.
KarriereSPIEGEL fragte zwei Berater nach ihren Erlebnissen: Wolfgang Hackenberg, 45, der ungewöhnlich lange im Geschäft blieb, aber dann die Flucht ergriff. Und einen Berufseinsteiger, der knapp ein Jahr im Job ist; er möchte anonym bleiben.
Aussteiger Hackenberg: "Irgendwann war der Hunger weg"
"Zwischen 30 und 40 habe ich mein Privatleben komplett verpasst. Ich habe viele andere Sachen bekommen, aber irgendwann hat es nicht mehr gereicht. Mit kurz über 40 bin ich ausgestiegen. Da hatte ich rund zehn Jahre Unternehmensberatung hinter mir.
Nach einer Ausbildung bei Bertelsmann hatte ich Wirtschaft studiert und danach mit 30 bei Roland Berger in Düsseldorf angefangen. Das war die Highflyer-Zeit der Beratungen, ich stieg mit 70.000 Euro als Consultant ein und bald zum Senior Consultant auf. Wir haben unheimlich viele Papiere produziert, die nie umgesetzt wurden.
Dann lief mir ein Headhunter über den Weg, im Jahr 2000 fing ich bei Accenture in München an und bekam zum Einstieg 100.000 Euro Jahresgehalt. Nach zwei Monaten wurde ich Manager, dann Senior Manager und 2006 Partner. 160.000 waren das Fixgehalt, aber ab dieser Stufe läuft sehr viel über Boni. Das war auch die Zeit, in der Accenture an die Börse ging. Die Beratung bezahlte teils mit Anteilen, auch um die Leute langfristig zu binden.
Was viele nicht wissen: Wenn man erst mal Partner ist, sich also schon bis zur eigentlich höchsten Ebene hochgerackert hat, gibt es noch einmal zwölf Level. Also weiter aufwärts: Die Freunde waren das Team und die Freizeit unter der Woche gleich null. Entweder hast du deine zwölf Stunden gearbeitet bis in den späten Abend, oder du hattest ein Essen mit Kunden. Samstags wurde gearbeitet, ein Tag war frei - ein echtes Erlebnis, mal zu Hause zu sein.
Wenn es gut lief, habe ich es geschafft, morgens joggen zu gehen. Ich bin viel geflogen, nur unterwegs gewesen, nur im Hotel, habe nur aus dem Koffer gelebt. Am Anfang findest du das ja toll, klar. Aber irgendwann wird es anstrengend, die Faszination lässt brutal nach.
Fluchtimpuls: Jetzt den Schnitt, sonst bleibst du noch mal zehn Jahre
Viele Lebensgefährten machen das auf Dauer nicht mit. Über die Hälfte meiner Kollegen hatte da schon eine Scheidung hinter sich. Auch meine Beziehung ging in die Brüche. 2008 war ich dann knapp über 40 und habe mich gefragt: Willst du so weitermachen? Der Akku war alle, der Hunger weg. Wenn, dann musst du jetzt den Schnitt machen, war mein Gedanke. Sonst bleibst du noch mal zehn Jahre, bist 50. Und dann sind die meisten eben mit ihren Kräften am Ende.
Ich stieg aus, nach eineinhalb Jahren als Partner. Das hatte es bei Accenture vorher so noch nicht gegeben. Viele haben es nicht verstanden: Man hatte mich doch so toll belohnt. Viele andere fanden es mutig. Getrennt haben wir uns im Guten.
Dann war ich also raus und wollte ein Unternehmen gründen, das fand ich schon immer toll: Eine gute Idee und der richtige Partner, ein Kindergartenfreund, kamen zusammen. Wir gründeten die Firma Steercom, ein Beratungsportal im Internet. Wir bieten Workshops für Unternehmer und eine Software zur Verbesserung von Power-Point-Präsentationen an.
Ich kann mir ein Leben in der Tretmühle nicht mehr vorstellen. Man ist doch ganz schnell ersetzbar, obwohl man immer dachte: Ohne mich geht's nicht. Ich arbeite jetzt nicht unbedingt weniger, aber anders, und ich kann es mir selbst einteilen. Ich gehe jetzt auch einfach Donnerstagnachmittag mal zum Tennis oder zum Golf. Und ich muss mich am Flughafen beim Einchecken wieder ganz normal in die Schlange stellen. Das empfinde ich als enormen Fortschritt."


