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23.03.2012
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Katholische Moral

Kindergartenkampf in Königswinter

Von Lenz Jacobsen
privat

In Königswinter hat die katholische Kirche eine Kindergartenleiterin wegen Ehebruchs gefeuert. Die Eltern rebellierten, die Stadt kündigte der Kirche als Träger. Kann sich der Arbeitgeber-Gigant Kirche mit 1,3 Millionen Angestellten solchen Bibel-Dogmatismus noch leisten?

Der Mann Gottes, der um keinen Preis ein Auge zudrücken wollte, will jetzt um keinen Preis ein Wort sagen zu dem Aufruhr, den er ausgelöst hat. Udo Maria Schiffers, katholischer Pfarrer der Kleinstadt Königswinter bei Bonn, verkündet barsch am Telefon: "Ich sage dazu nichts, ich habe wirklich anderes zu tun."

Auch Bernadette Knecht meidet derzeit Medienkontakte. Die Hauptpersonen schweigen also - alle anderen reden umso mehr. Schiffers und Knecht liegen seit Oktober im Streit: Weil die Leiterin eines katholischen Kindergartens in Rauschendorf ihren Mann verließ und mit einem neuen Partner zusammenzogen ist, hält der Pfarrer sie für nicht mehr tragbar. "Wo katholisch drauf steht, muss auch katholisch drin sein", schreibt der von Schiffers geleitete Kirchengemeindeverband in einer Stellungnahme.

Mit dieser kompromisslosen Position hat die Provinzgemeinde eine Debatte über den Einfluss der Kirchen auf ihre rund 1,3 Millionen Angestellten und auf die Gesellschaft insgesamt ausgelöst. Denn "Dienst ist Dienst, privat ist privat" - das gilt nicht für Angestellte kirchlicher Arbeitgeber.

Ehebruch als Sündenfall

Dass ein Arbeitgeber einer Mitarbeiterin aus so persönlichen Gründen kündigt, ist nur möglich, weil die Kirche uralte Sonderrechte genießt. Anders als normale Unternehmen darf sie ihre Mitarbeiter darauf verpflichten, sich der christlichen Lehre gegenüber loyal zu verhalten. Was im Klartext heißt: sich an die Grundregeln der Bibel zu halten. Also auch ans sechste Gebot, "Du sollst nicht ehebrechen." Jeder, der einen Arbeitsvertrag bei der Kirche unterschreibt, weiß das. Auch die Kindergarten-Leiterin im kleinen Rauschendorf, Ortsteil von Königswinter.

Weil aber Bernadette Knecht, 47, offenbar eine außergewöhnlich gute Kindergärtnerin ist, gingen die Eltern von Anfang an auf die Barrikaden. "Frau Knecht hat den Kindergarten zu dem gemacht, was er heute ist", erklärt Elternvertreter Peer Jung, "das hätte die Kirche auch bedenken sollen." Geschlossen stellten alle 37 Eltern einen Antrag an den Stadtrat von Königswinter, der dogmatischen Kirche den Trägervertrag für den Kindergarten zu kündigen.

Und so beschloss es der Jugendhilfeausschuss tatsächlich, per Sondersitzung am vergangenen Montag: Kündigung zum 1. August 2013. Das geht in diesem Fall so einfach, weil die Kommune den Kindergarten komplett finanziert, zu 100 Prozent statt nur zu 88 Prozent, wie es die Gesetze in Nordrhein-Westfalen mindestens vorschreiben.

"Das Verhältnis ist nicht mehr zu reparieren"

Dabei ist der private Lebenswandel der Erzieherin längst nicht mehr das Hauptproblem. "Wir haben durchaus Verständnis für die besondere Position der Kirche", versichert Elternvertreter Jung, "wir hätten uns nur mehr Fingerspitzengefühl gewünscht." Und auch der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses Stephan Unkelbach versichert: "Wir haben den Vertrag nicht wegen der arbeitsrechtlichen Fragen um Frau Knecht gekündigt, sondern weil das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Träger komplett zerrüttet ist. Das ist nicht mehr zu reparieren."

Dazu beigetragen hat wohl auch das dreiseitige Papier, in dem der Kirchengemeindeverband nach langem Schweigen vor einigen Tagen seine Position klarmachte. Das Papier lag auch in den örtlichen Kirchen aus. Ihre "hohe Auffassung von der Ehe kann die Kirche keinesfalls einer mehr und mehr liberalen Einstellung in unserer Gesellschaft anpassen", heißt es darin. Und weiter: "Ist man wirklich bereit, einem ganzen Kindergarten die Erziehung im Sinne der katholischen Werteorientierung auf Dauer wegzunehmen und den nachwachsenden Kindern vorzuenthalten? Ist eine einzige Person diesen hohen Preis wert?" Die Verfasser stilisieren den Fall Bernadette Knecht zur Richtungsentscheidung: hier die vermeintlich unumstößlichen, christlichen Ideale, dort dieser anrüchige, moderne Pragmatismus.

Nach außen loben sich beide Seiten für ihre vermeintliche Gesprächsbereitschaft - die nie viel mehr war als die Einwilligung, sich ein paar Mal an einen Tisch zu setzen. Denn so dogmatisch, wie die Kirche an der Kündigung von Bernadette Knecht festhielt, so kompromisslos hielten die Eltern an der hochgeschätzten Erzieherin fest. Claudia Keller, die in der Verbandsvertretung der Gemeinde sitzt und die scharfe Drei-Seiten-Stellungnahme verfasst hat, lässt durchblicken, wie verhärtet die Fronten schon seit langem sind, wenn sie betont, Pfarrer Schiffers habe "sogar" einen persönlichen Besuch bei den Eltern im Kindergarten "durchgestanden".

Selbst die Kirche kann Angestellte nicht einfach feuern

Schaut man über Rauschendorf hinaus, geht es um Grundsätzliches: Auf wie viel Bibeltreue darf die Kirche ihre Mitarbeiter verpflichten? Von ihnen wird Übereinstimmung mit den kirchlichen Glaubens- und Moralvorstellungen erwartet. Bisher galt eine Art juristischer "Kündigungs-Automatismus", wie es Norbert H. Müller, Anwalt der Rauschendorfer Kindergartenleiterin, nennt: Wann immer der Arbeitgeber die Loyalität verletzt sah, durfte er seine Angestellten feuern. Neuerdings aber, auch durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs, gerät diese Praxis ins Wanken. Müller hat im letzten Jahr bereits den Chefarzt einer katholischen Klinik in Düsseldorf erfolgreich vertreten und dessen Entlassung wegen Scheidung und erneuter Heirat gekippt.

Eine "Abstufung" unter den Kirchenbediensteten setzt sich durch: Je enger man mit der Verkündigung des Glaubens betraut ist, desto strikter muss man sich an die Regeln halten. Für den Kirchen-Dekan gelten strengere Maßstäbe als für die Putzfrau eines katholischen Krankenhauses. Wo die Kindergarten-Leiterin Bernadette Knecht in diesem Spektrum steht, müssen jetzt die Gerichte klären, sie klagt gegen ihre Entlassung und spricht daher nicht mehr selbst über den Fall, aus arbeitsrechtlichen Gründen. Kirchenvertreterin Claudia Keller gibt sich siegesgewiss: "Wir leben schließlich noch in einem Rechtsstaat und nicht in einer Bananenrepublik."

Deutschlandweit werden kirchliche Arbeitgeber den Rauschendorfer Fall aufmerksam verfolgen. Viele von ihnen stehen ständig vor ähnlichen Problemen. Die beiden großen christlichen Kirchen sind nach dem öffentlichen Dienst der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Rund 1,3 Millionen Menschen arbeiten bei kirchlichen Trägern wie Caritas, Diakonien, kirchlichen Kliniken. Und dass niemand von ihnen im biblischen Sinne seine Ehe gebrochen haben soll, glaubt wohl nicht einmal die Kirche selbst.

Zukunft des Kindergartens noch offen

"Da wird allenthalben weggeguckt", erklärt Stefan Muckel, Kölner Professor für Kirchenrecht. In der Kirche sei längst eine Diskussion entbrannt, ob sie sich als Arbeitgeber diesen Dogmatismus noch leisten könne. Muckel sieht nur zwei Auswege: "Entweder schrumpft sich die Kirche sozusagen gesund und entlässt wirklich alle, die sich nicht an ihre Regeln zur Lebensführung halten. Oder sie wird nachsichtiger und setzt darauf, ihre christliche Botschaft so weiterhin möglichst breit zu streuen."

Die Rauschendorfer Eltern haben trotz ihres Etappensieges noch nicht genug: Sie wollen, dass die katholische Kirche schon dieses Jahr den Kindergarten aufgibt. Dann nämlich könnte Bernadette Knecht unter einem anderen Träger einfach weiterarbeiten. Ob die Gemeinde dazu bereit ist, ist noch unklar. Kirchenvertreterin Claudia Keller sagt:" Wir werden den Kindergarten nicht einfach so aufgeben, das hat Jahrzehnte gut funktioniert."

Was es Keller, Pfarrer Schiffers und ihren Mitstreitern zusätzlich schwer macht: An diesem Mittwochabend hat sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE der Pfarrgemeinderat getroffen, eine Art Beratungsgremium der Kirche, in der vor allem Laien sitzen. Sie haben sich dafür ausgesprochen, den Kindergarten bereits in diesem Sommer abzugeben. Am 4. April will die Verbandsvertretung der Kirchengemeinde darüber beraten. Was sie beschließt, könnte Signalwirkung für den tatsächlichen Einfluss der Kirche in der Öffentlichkeit haben - nicht nur in Rauschendorf.

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