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16.04.2012
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Bürosprech

111 Sätze für das Phrasenschwein

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Gibt es intelligentes Leben im Büro? Der Buchautor Matthias Nöllke hat danach gesucht. Was er fand: Gusseiserne Phrasen, die sich tief in Angestelltenhirne gefräst haben. Hier kommt eine kleine Floskelparade. Könnte sein, dass Sie sich ertappt fühlen.

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Büroleben: Elf Sätze für das Phrasenschwein
Gut, da sind diese Bürokasper, die beinah jeden Satz anreichern mit Floskeln von "Zum Bleistift" bis "Alles in Dortmund", von "Schankedön" über "Wirsing" bis zu "Dagegen bin ich algerisch". Aus solchen Nervsprech-Klassikern hat SPIEGEL ONLINE vor einigen Jahren ein kleines Lexikon gezimmert. Aber das wäre eine zu leichte Beute für Matthias Nöllke. Er suchte eine andere Art von Sprache: Redewendungen, ganz ernsthafte wie auch ironiegetränkte, die sich fest im Hirn von Büromenschen eingenistet haben und ihnen jeden Tag wie selbstverständlich über die Lippen gehen.

Gefunden hat Nöllke eine Menge schrecklich schöner Phrasen und ein Buch daraus gemacht: "Vielen Dank an das gesamte Team - 111 unvermeidliche Sätze für das Berufsleben". Mit diesen Textbausteinen kommt man locker durch den Bürotag und wird sie immer wieder hören. Oder selbst benutzen. "Nennen Sie mal eine Hausnummer", sagt etwa der Personaler zum Bewerber, wenn es ums Geld geht. "Das ist aber nicht der Brüller", meckert ein Kollege oder flötet: "Alles im grünen Bereich". Typische Meeting-Formulierungen sind zum Beispiel "Da bin ich ganz bei Ihnen, aber..." oder auch "Da muss ich mich erst mal aufschlauen".

Die Eigenheiten der Chef-Sprache hat Nöllke sich ebenso vorgeknöpft - und zu jedem der 111 Sätze sarkastisch-amüsante Erklärungen geschrieben. Bei der Sammlung half ihm die Schwarmintelligenz aus dem Web: Wer Leser freundlich fragt, wird oft verwöhnt mit hübschen Einsendungen. So ist es beim Bürogezeter und bei den Chef-Sprüchen auf SPIEGEL ONLINE; so war es auch bei den unvermeidlichen Sätzen fürs Berufsleben, die Xing-Mitglieder und Karrierebibel-Leser ihm von überall schickten. Nöllkes Erkenntnis: Ob auf den Malediven oder in Hongkong - "offenbar kursieren überall die gleichen grausamen Phrasen wie zwischen Nord- und Ostsee".

Ein Faible für Abseitiges

Zwecks Broterwerb ist Matthias Nöllke unter anderem als "Keynote Speaker" tätig, auch so eine Floskel aus dem Unternehmens-Denglisch. Mit "Vortragsredner" übersetzt er das und hat gleich mal nachgeschaut, was der Jobtitel-Bandit ihm als alternative Berufsbezeichnung ausspuckt: nämlich Corporate Manager of Next Generation Conspiracy - "das trifft es natürlich auch", so Nöllke.

Hauptsächlich aber schreibt er Bücher, gut drei Dutzend in den letzten Jahren, und das mit einem bemerkenswerten Themenmix. So erschien eine ganze Reihe trockener Sachtitel wie "Immobilien erwerben" oder "Nebenkostenabrechnung für Vermieter", daneben seine Bücher über Management und Kommunikation, etwa zu Kreativitätstechniken oder zur Frage, was sich die Geschäftswelt von der Natur abgucken kann ("Von Bienen und Leitwölfen").

Die dritte Richtung ist sozusagen Freestyle. Schon seine Promotion finanzierte Nöllke einst damit, dass er die deutschen Dialogbücher für die ersten drei TV-Staffeln der "Simpsons" schrieb. Zusammen mit seinem Studienkollegen Christian Sprang hat er inzwischen auch zwei Bände mit ungewöhnlichen Todesanzeigen veröffentlicht, "Aus die Maus" und "Wir sind unfassbar" - Nöllke hat ein Faible für das Kuriose und Abseitige.

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Kuriose Todesanzeigen: "Und am Anfang war er so beliebt..."

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Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
1. "Wir sind gut aufgestellt"
hartholz365 16.04.2012
Dieser Satz taucht überall auf, selbst schon im Hausfrauentöpferverein ist diese Floskel angekommen wenn über die Chefin ein Artikel in der Dorfzeitung steht. Fragt der Lehrer einen seiner Fünftklässler vor der Klassenarbeit: [...]
Dieser Satz taucht überall auf, selbst schon im Hausfrauentöpferverein ist diese Floskel angekommen wenn über die Chefin ein Artikel in der Dorfzeitung steht. Fragt der Lehrer einen seiner Fünftklässler vor der Klassenarbeit: "Hast du auch gut gelernt?" Schüler: "Ich denke ich bin gut aufgestellt". Würde mich nicht wundern wenn das schon Realität ist.
2. Neues Buch!
gl1945 16.04.2012
Matthias Nöllke sollte doch mal die "Phrasen-Dresch-Maschine" unserer ach so tollen POLITIKER ( alle Couleur!) "unter seine LUPE" nehmen!
Matthias Nöllke sollte doch mal die "Phrasen-Dresch-Maschine" unserer ach so tollen POLITIKER ( alle Couleur!) "unter seine LUPE" nehmen!
3. Diese Fertigbausteine gibt es in allen Lebensbereichen
Stuhlbeinsäger 16.04.2012
Es scheint so zu sein, dass es eine Simplifizierung der Kommunikation gibt. Selber denken, wozu? Ich bediene mich einfach bei fertigen Bausteinen, und die kann ich nach Belieben in die Gegend plärren. Interessant finde ich, wie [...]
Es scheint so zu sein, dass es eine Simplifizierung der Kommunikation gibt. Selber denken, wozu? Ich bediene mich einfach bei fertigen Bausteinen, und die kann ich nach Belieben in die Gegend plärren. Interessant finde ich, wie vorhersehbar man diese Plappersprüche "abrufen" kann. Dozieren Sie doch mal über das Ende des Öl-Zeitalters und sagen Sie: "Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch". Dann kommt wie aus der Pistole geschossen: "Aber der Strom muss auch irgendwoher kommen." Gähn. Auf Informationen über das Ende des Öl-Zeitalters wird auch gern mit einem fundierten "Mit neuen Technologien werden wir noch viele Ölquellen finden." reagiert. Ganzdollgähn. Oder erzählen Sie, dass Sie aufgrund dieser vielen Lebensmittelskandale und der Fälschung von Lebensmitteln, Stichwörter Analogkäse, Klebeschinken etc. künftig nur noch Biolebensmittel kaufen. Dann kommt garantiert: "Nicht überall wo bio draufsteht ist auch bio drin." Doppelgähn. Oder: sie sitzen mit einer sehr sehr sehr übergewichtigen Person zusammen, die vielleicht auch mit ihrem Gewicht unzufrieden ist und besprechen Möglichkeiten zur Gewichtsabnahme. Schlagen Sie vor, künftig mit weniger Öl und Fett im Essen auszukommen. Dann kommt: "Fett ist ein Geschmacksträger." Megagähn. Meine Standardantwort: so viel Geschmack wie du Fett in Dein Essen kippst kann eine Speise gar nicht haben. Wenn man in einem Forum, am besten einem internen Firmenportal, wo sich alle ständig über die Gemeinheiten des Arbeitgebers austauschen, einmal nicht den Mainstream des Nörgelns unterstützt, dann lautet das Schlagwort: "in den Rücken fallen." Und alles, aber auch alles, was der Böse Arbeitgeber seinen Sklaven zumutet, ist stets "ein Schlag ins Gesicht." Es ist so megalangweilig, mit wie wenigen eigenen Gedanken Menschen ihre Meinung kundtun, oder eine Meinung vortäuschen.
4. Win-Win-Situation
Feindbild_Mensch 16.04.2012
das ist etwas kurz gedacht. Ein Win-Win-Situation ist immer erstrebenswert, da die typische "Ich gewinne, er muss verlieren"-Haltung die Ursache der Eskalation aller Konflikte ist. Natürlich kann man sie die Orange nicht [...]
das ist etwas kurz gedacht. Ein Win-Win-Situation ist immer erstrebenswert, da die typische "Ich gewinne, er muss verlieren"-Haltung die Ursache der Eskalation aller Konflikte ist. Natürlich kann man sie die Orange nicht teilen, aber evtl. könnte man darüber reden und eine Einigung finden, dass die Orange beim nächsten Mal dem anderen gehört oder man sich nicht auch noch um den Apfel streitet. Das bedeutet, dass man einen Kompromiss eingeht, und nicht aufs bloße Gewinnen abzielt. Letztendlich schaut immer jemand in die Röhre, das stimmt natürlich, aber wie man das verkauft, ist entscheidend. Die bloße Phrase ohne Interesse dahinter ist natürlich nichts wert.
5. Wie wär's denn mit einem Phrasenschwein
polyphemos 16.04.2012
für Politiker, Männätscher und BWLer allgemein?! Erste Vorschläge: "Wir sind gut aufgestellt." (vgl. Vorredner) "Das ist alternativlos." "ein Paket schnüren" (so ein Schwachsinn!) "das [...]
Zitat von sysopGibt es intelligentes Leben im Büro? Der Buchautor Matthias Nöllke hat danach gesucht. Was er fand: 111 gusseiserne Phrasen, die sich tief in Angestelltenhirne gefräst haben. Hier kommt eine kleine Floskelparade. Könnte sein, dass Sie sich ertappt fühlen. Bürosprech: 111 Sätze für das Phrasenschwein - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,827417,00.html)
für Politiker, Männätscher und BWLer allgemein?! Erste Vorschläge: "Wir sind gut aufgestellt." (vgl. Vorredner) "Das ist alternativlos." "ein Paket schnüren" (so ein Schwachsinn!) "das Paket aufschnüren" "in einem mittleren Zeitkorridor" "in einem Zeitfenster" "zeitgleich" Das heißt "gleichzeitig"! "Rückbau" anstatt "Abriss" "Park": "Industriepark", "Gewerbepark", "Atompark" ... "Verschlankung der Produktion" "Arbeitskräfte freisetzen" "Verantwortung tragen" - hahahahahaharrrrgggg "Lobby" statt "Verein zur Förderung der Korruption" "etwas besser kommunizieren" statt "die Leute anlügen" "unsere Politik besser vermitteln" statt "die Leute anlügen" Dieser Wortmüll ist mir innerhalb von fünf Minuten eingefallen. Es gibt noch viel mehr davon. Bitte fortsetzen!

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