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30.04.2012
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Beruf im Buch

Der Schachboxer und Bohemien

Von Anne Haeming
Berliner Medienprekariat: Wie sexy ist Armut?
Fotos
DPA

Man schlägt sich so durch, wenn man "was mit Medien" macht. Wie dieser freie Journalist in Helmut Kuhns Berlin-Roman "Gehwegschäden": Die Hauptfigur streunt durch die Metropole, schreibt am klapprigen Klapprechner, tobt sich beim Schachboxen aus. Ein Beruf, wie er im Buche steht.

Ein Besuch am Rosenthaler Platz genügt. An dieser dröhnenden Kreuzung in Berlin-Mitte, wo es nach Döner und Chinaessen, nach Currywurst und Pizza riecht, eröffnete vor fast sieben Jahren das St. Oberholz. Eigentlich nur ein Café mit Sandwiches, Kuchen, W-Lan. Aber der eklektisch designte Laden mit der geschwungenen Treppe ins erste Geschoss wurde flugs von der "Digitalen Boheme" geflutet. Also vom kreativen Prekariat.

Fast jeder sitzt vor einem Laptop, das Smartphone neben der Tastatur. Anfangs hatte seine Büro hier auch Sascha Lobo, der 2006 zusammen mit Holm Friebe das Buch "Wir nennen es Arbeit" veröffentlichte, über "intelligentes Leben jenseits der Festanstellung". Sogar die "Tagesthemen" zeigen Bilder aus dem St. Oberholz, wenn mal wieder das Internet erklärt werden muss oder die Kreativbranche.

Wo, wenn nicht hier, sollte sich der freie Journalist Thomas Frantz herumtreiben? Er ist der Protagonist des zweiten Romans von Helmut Kuhn - auch er freier Journalist, auch er in Berlin. In "Gehwegschäden" porträtiert Kuhn mittels Frantz eine ganze Kaste: jene Krumm- und Kreativberufler, die sich in der Metropole irgendwie durchschlagen. Lange berichtete Kuhn als freier Autor aus New York, reiste als Reporter durch die Welt, seit zehn Jahren schreibt er Sachbücher und Fiktionales. Seinen ausgedachten Journalisten lässt er recherchierend durch Berlin flanieren, meist entlang der Armutsgrenzen von Akademikern.

Und weil diese Medienjobs gerade für Freie eine dermaßen brotlose Kunst sind, geht es um nicht weniger als das Überleben. Also gilt es, sich eine Survivalstrategie zuzulegen. Frantz macht, was einige andere Kreative in Mitte auch machen: Er ist Schachboxer. Gibt's ja gar nicht? Klar gibt's das: Ausgedacht hat sich diesen Sport der niederländische Künstler Iepe Rubingh (dessen Farbaktion auf dem Rosenthaler Platz das Buchcover schmückt). Boxen und Schachspielen im fliegenden Wechsel, das trainiert Beherrschung und Voraussicht. Nicht zu unterschätzen in dieser Branche.

Wer in Berlin "was mit Medien" machen möchte: Dies ist der Arbeitsalltag von freien Journalisten, wie er im Buche steht…

Freie Journalisten in Berlin finden flanierend ihre Themen, suggeriert zumindest die Hauptfigur. Thomas Frantz ist quasi nonstop auf den Straßen in Mitte unterwegs, steckt Stunden um Stunden in Recherche und Interviewtermine, auf den Baustellen künftiger Luxus-Clubhäuser oder im Kabbala-Kurs: "Ich bin schon mein ganzes Leben in der Krise. Jetzt kommt die Krise eben auch mal zu den anderen."

Ein klappriger Laptop, der kein "L" mehr tippen mag. Nach einem Rotweinbad bockt die Tastatur, Internetzugang klappt auch nur noch über USB. Damit ist er auch bei Online-Communitys wie Xing oder Facebook zugange, vielleicht taugt's ja fürs Eigenmarketing.

Die meisten leben am Existenzminimum, manche sind Dumpsterdiver, ernähren sich also von dem, was Supermärkte in Mülltonnen kippen. Und sie finden sich im St. Oberholz, dem "Bethaus der stolzen Prekarianer", der Café-Zentrale der digitalen Berlin-Boheme. An ihren Klapprechnern klöppeln sie irgendwelche sogenannten Projekte. Unausweichlich: ein Sascha-Lobo-Double mit weisen Ratschlägen zur Erfolgsstrategie, um aus dem Medienprekariat rauszukommen - "Kreativität, Interaktivität, Prosumer. Die Zauberworte".

Wie immer bei freien Printjournalisten: kaum. Honorarinfos werden gleich mitgeliefert: Für eine Seite Drei zahlt die "Jüdische Allgemeine" 350 Euro. "Das absolute Maximum für eine Seite drei, und Frantz ärgert sich grün, weil er dafür jetzt schon so viele Stunden hier rumsitzt, mit An- und Abfahrradfahrt noch mal Zeit investiert hat, und schreiben muss er's ja auch noch." Darum muss er sich in Asia-Supermärkten stundenlang durch Gefriertruhen wühlen, um günstige Tiefkühlfische zu angeln. 70 Euro hat er auf dem Konto, keine Kreditkarte mehr. Und dann kommt auch noch der Gerichtsvollzieher.

Thomas Frantz ist Schachboxer. Eine junge Sportart, bei der man in kurzen Einheiten abwechselnd boxt und Schach spielt. Die Kunst ist, den Adrenalinspiegel so unter Kontrolle zu bringen, dass physische Hau-drauf-Wucht und kühle Konzentration einander nicht in die Quere kommen. Da man so lernt, robust und vorausdenkend zu sein, wird Schachboxen für Frantz zur Überlebensstrategie im unsicheren Freiendasein.

"Wir beobachten, sammeln und stellen das Gesammelte und Kommentierte ins Internet. Zu jeder Zeit. Und jeder kann uns einfach herunterladen und weiterverwenden. Darüber freuen wir uns."

Arbeit, Freizeit, ist doch alles eins. Den Feierabend verbringt Frantz mit anderen Bildungsbürger-Prekarianern, etwa mit ewig auf eine Professur hoffenden Dozenten, an irgendeinem Tresen zwischen Tucholskystraße und Teutoburger Platz in Mitte.

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