21.05.2012
Familienunternehmen
Chefposten? Nein danke
Papa hat den Chefsessel geräumt, jetzt darf der Junior ran - wenn er denn will
Die Zusage ist garantiert, ohne Bewerbung, Vorstellungsgespräch oder Assessment Center. Papa hat den Chefsessel geräumt, Junior muss sich nur noch reinsetzen. Hört sich traumhaft an, ist für viele Unternehmerkinder aber offenbar ein Albtraum: Nur jeder vierte deutsche Student, dessen Eltern eine Firma führen, kann sich vorstellen, einmal in das Familienunternehmen einzusteigen. Das geht aus einer Studie der Universität St. Gallen in Kooperation mit der Beratungsfirma Ernst & Young hervor, für die mehr als 28.000 Studenten in 26 Ländern befragt wurden.
Direkt nach dem Studium planen noch weniger Gründersprösslinge den Einstieg in die Firma der Eltern. Nur vier von 100 Studenten gaben dies als Option an. Im internationalen Vergleich landet Deutschland damit auf einem der letzten Plätze: Nur in der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich (jeweils drei Prozent) sowie in Pakistan (ein Prozent) wollen noch weniger Studenten direkt nach ihrem Abschluss in der Firma der Eltern anfangen. Der internationale Durchschnittswert liegt bei knapp sieben Prozent.
Die meisten deutschen Unternehmerkinder (76 Prozent) streben erstmal eine Karriere als Angestellte an. In die Familienfirma einzusteigen, nachdem sie sich in einem anderen Unternehmen bewiesen haben, das können sich schon mehr Studenten vorstellen: 13 Prozent gaben an, eine Karriere im elterlichen Betrieb innerhalb der ersten fünf Jahre nach Studienabschluss sei für sie denkbar.
Die Bereitschaft, direkt nach dem Studium zu Mama und Papa zurückzukehren, ist in Griechenland, Russland und Rumänien am höchsten. "Die Unterschiede im internationalen Vergleich sind groß, das liegt vor allem daran, dass die Chancen vor Ort für Studenten stark variieren", sagt Studienleiter Thomas Zellweger von der Universität St. Gallen. "In Ländern, in denen die breite Bevölkerung noch keinen größeren Wohlstand erreicht hat, ist es häufig der Mangel an beruflichen Alternativen, der junge Menschen an das Familienunternehmen bindet. Wenn sich später bessere Chancen bieten, verlassen sie dann oft das familieneigene Unternehmen."
Die Firma der Eltern als Karrieresprungbrett ist etwa in Argentinien und China beliebt. Dort gaben mehr als zehn Prozent der Unternehmerkinder an, direkt nach dem Studium bei den Eltern anfangen zu wollen. Fünf Jahre nach Studienabschluss im Familienunternehmen zu arbeiten, konnten sich dagegen dort deutlich weniger Studenten vorstellen. "In Deutschland ist die Lage genau umgekehrt: Hier haben Universitätsabsolventen sehr viele berufliche Möglichkeiten. Das Unternehmen der Eltern kann eventuell zu einem späteren Zeitpunkt wieder attraktiv werden", sagt Zellweger. Insgesamt sei das Interesse an einer Nachfolge im Familienunternehmen in Deutschland jedoch sehr gering.
Ich als Chef? Nie drüber nachgedacht
Auf einer Skala von 0 ("Ich habe mich nie mit einer Nachfolge beschäftigt") bis 7 ("Ich habe bereits die Unternehmensführung übernommen") liegt Deutschland bei einem Wert von 0,96. Der niedrigste Wert ergibt sich für die Niederlande (0,57), der höchste für Liechtenstein (2,01), Argentinien (1,54) und Russland (1,53).
In Japan können sich fast doppelt so viele Unternehmerkinder wie in Deutschland vorstellen, den Familienbetrieb in den ersten fünf Jahren nach Studienabschluss zu übernehmen. 22 Prozent der japanischen Studenten gaben dies an. Nur in Liechtenstein ist die Quote mit 30 Prozent noch höher. Daran zeige sich, dass auch das gesellschaftliche Umfeld eine große Rolle spiele, sagt Zellweger.
Für die Studie wurden mehr als 1,3 Millionen Studenten von mehr als 500 Universitäten angeschrieben. Den Fragebogen bekamen nur diejenigen, die angaben, dass ihre Eltern ein eigenes Unternehmen besitzen, das traf auf 28.105 Studenten zu. Die Befragten sind im Schnitt 24 Jahre alt.
vet
