23.05.2012
Erste Hilfe Karriere
Zeugnis des eigenen Versagens
"Ich bin als Branchenneuling bei einem Personaldienstleister nach wenigen Monaten gescheitert. Nach Einschätzung meiner Vorgesetzten war der Hauptgrund für die Kündigung in erster Linie meine schwache Leistung, also zu wenig Rekrutierung und Vermittlung. Offenbar bestand auch nicht die Aussicht, dass ich die Wunschleistung zukünftig erreiche. Das Arbeitsklima wurde immer schlechter, so dass ich zunehmend unter meiner beruflichen Situation litt. Zuletzt wurde ich freigestellt. Das empfand ich als Befreiungsschlag. Nun soll ich mir mein Arbeitszeugnis selbst erstellen.
Ich hatte mit meinem Vorgesetzten besprochen, dass ich in Vorstellungsgesprächen sage, die Personalarbeit in Form eines Profitcenters liege mir nicht. Dies werde ich wohl auch so im Zeugnis formulieren. Doch wie schreibt man ein neutrales, wohlwollend ausgerichtetes Arbeitszeugnis für ein Beschäftigungsverhältnis, das innerhalb der Probezeit beendet wurde, bei dem also jedem Personaler klar ist, dass da einiges nicht funktioniert hat?" (F. K.)
Sie sitzen in der Bredouille. Denn Sie haben sich auf etwas eingelassen, womit Sie sich eigentlich von vorneherein nicht die Finger schmutzig machen wollten. Sie wollten keine Personaldienstleistungen vertreiben. Vielleicht haben Sie nicht an Ihr Talent für die Kontaktaufnahme, Präsentation und Bedarfsermittlung oder an den Sinn von HR-Services geglaubt.
Goldige Tricks der Verkäufer
Doch ein Abstecher ins Profitcenter ist immer eine gute Erfahrung, um das Handeln zu lernen, das Verhandeln zu üben, sich für die Zumutungen unserer Zivilisation abzuhärten und sich die geldwerten oder zumindest goldigen Tricks der Verkäufer anzueignen. Verkaufen ist bereits eine Wissenschaft und immer noch eine Kunst - also wie geschaffen für den neugierigen akademischen Geist. Man kann sich auch als Berufseinsteiger im Personalwesen darauf einlassen.
Karrierebewusste Einsteiger befürchten natürlich, dass sie an einer schlechten Stelle kleben bleiben, dort abgestempelt werden und im Lebenslauf für alle Zeiten das Etikett "JUMW" tragen (Job unter meiner Würde). Diese Sorge ist unbegründet, denn jede Beschäftigung ist eine vorübergehende. Vor zu wenig Veränderung im Arbeitsleben braucht man sich als Jobanfänger heute gewiss nicht zu fürchten. Und wenn der Karriereweg einen in etwas steileres Gelände führt, dort wo die Leitwölfe heulen, dann schmückt einen die eigene Akquisitionserfahrung stets als Ehrenmedaille.
Zwölf oder achtzehn Monate sollte man das Geschäft dann aber schon betreiben. Halten Sie beim nächsten Job durch! Verbuchen Sie Ihre Zähigkeit als Gewinn! Ein Sieg schmeckt schließlich am besten, wenn man auch die Niederlagen kennt.
Sie haben den Dampf in der Vertriebstruppe als übergroßen Druck empfunden und waren froh, dass man Sie nach ein paar Knüffen und Rüffeln fallengelassen hat. Damit haben Sie als williges Opfer den Corpsgeist gestärkt. Dass Verkäufer bissig werden, wenn einer nicht verkaufen will, dient der Arterhaltung. Wer bei Verkäufern im Boot sitzt, der paddelt eben mit oder er springt heraus und sucht das rettende Ufer. Freifahrten sind nicht drin.
Wer zu viel preisgibt, macht sich zum Clown
Man hat Ihnen nach einiger Quälerei endlich den Befreiungsschlag versetzt. Dies ist kein Grund zur Traurigkeit. Sie haben etwas versucht. Sie konnten sich nicht verbiegen. Sie haben Ihren Arbeitgeber daraus die Konsequenz ziehen lassen. Jetzt richten Sie sich nach Ihrem inneren Kompass aus. Bevor Sie nach vorn schauen und den Flop schnell vergessen, texten Sie entweder einen kurzen Arbeitsnachweis oder ein reguläres Arbeitszeugnis.
Eine einfache Bescheinigung führt nur auf, in welcher Funktion Sie bei wem innerhalb welchen Zeitraums tätig waren. Sie endet mit einer Dankesformel. Falls Sie in den Wochen Ihres Engagements wenig bewirkt und noch weniger erreicht haben, vermeiden Sie mit dem einfachen Arbeitsnachweis eine ungute Beurteilung Ihres Jobverhaltens und Ihrer Arbeitsergebnisse.
Das qualifizierte Zeugnis ist bekanntlich wahr, vollständig und wohlwollend. Deshalb hat es auch die Konsistenz von rosa gefärbtem Fertigschaum aus der Satzsprühdose. Es besteht aus einer formalisierten Einleitung, einem Kurzprofil des Arbeitgebers, einer Zuordnung der Stelle, einem Abriss der beruflichen Entwicklung, einer Aufgabenbeschreibung sowie aus einer Bewertung von Arbeitsbereitschaft, Arbeitsbefähigung, Arbeits- oder Managementstil, Führungsverhalten, fachlichem Know-how, Bildungsbereitschaft und Sozialverhalten.
Das reguläre Zeugnis ist in der gerechten Sprache gehalten und hat den Appeal eines Latexanzugs aus der Bahnhofspassage: eine Größe für alle. Erfolge und besondere Leistungen werden meist unterschlagen - noch ein Grund, das Arbeitszeugnis selbst zu texten oder es gleich einem Profizeugnisveredler zu überlassen. Ein kostenloses Formular, das alle Ihre Zeugnisdaten in der richtigen Reihenfolge abfragt und daraus eine Rohfassung generiert, finden Sie beispielsweise in meinem Blog.
Auf keinen Fall wollen Sie in Ihrem Zeugnis die "Aussage bringen, dass mir die Personalarbeit in Form eines Profitcenters nicht liegt". Das mag aufrichtig und wahr sein, macht Sie aber zum Clown.
Wer sich von wem weshalb verabschiedet, ist eine der Schlüsselinformationen im Arbeitszeugnis. Bei einer Kündigung innerhalb der Probezeit geben Sie einen Grund für die Auflösung nur dann an, wenn er nicht an Ihrer beruflichen Reputation kratzt. Ein akzeptabler, jedoch seltener Kündigungsgrund: Sie steigen innerhalb der Probezeit aus, weil Ihre Partnerin zur Bundespräsidentin gekürt wurde.
Dass Sie etwas anderes vom Job erwartet haben, dass Sie keine Freude an der In- und Outbound-Akquisition gezeigt haben, dass die Aufgaben nicht wie besprochen ausfielen, dass das Team nicht halb so lieb war wie angekündigt, dass die Kunden missmutig und die Kandidaten unauffindbar waren, das alles steht natürlich nicht im Zeugnis. Gesprächsweise vorbringen werden Sie all das auch nur dann, wenn Ihnen partout nichts Klügeres einfällt.
