31.05.2012
Arbeiten in der Paketbranche
"Sklavenbedingungen wie im Mittelalter"
Täglich zwölf bis 14 Stunden lang Pakete schleppen, Hektik, Schlafmangel, keine Pausen - und am Monatsende doch nur 1200 Euro brutto. Mit seinem Undercover-Einsatz beim Paketzusteller GLS hat Enthüllungsjournalist Günter Wallraff bundesweit Empörung über die Arbeitsbedingungen in dem Konzern ausgelöst. Bei der Gewerkschaft Ver.di ist man wenig überrascht: Was Wallraff beschreibe, sei Alltag in der wachsenden Paketbranche. "Wir haben es mit der Prekarisierung einer Branche zu tun. Von 50.000 Beschäftigten arbeiten 35.000 zu Sklavenbedingungen wie im Mittelalter", sagt Ver.di-Experte Wolfgang Abel.
Wallraff hat die GLS mit falscher Identität von innen und in Hunderten Gesprächen mit Beschäftigten oder ehemaligen Mitarbeitern von außen durchleuchtet. Er beschreibt Dumpinglöhne unter fünf Euro, rechtswidrig lange und gesundheitsschädigende Arbeitszeiten, Drangsalierung - und ein cleveres System, das auch viele andere in der Branche gerne nutzen: Die Zusammenarbeit mit Subunternehmern, an die Risiko und Verantwortung ausgelagert werden. GLS wies den Bericht als "einseitig und verkürzt" zurück.
Fünf Prozent Umsatzwachstum
Der Paketmarkt boomt, vor allem wegen wachsender Einkäufe via Internet. 2011 hatte die Branche ein Volumen von 7,3 Milliarden Euro, ein Umsatzwachstum von je fünf Prozent für die nächsten Jahre wird prognostiziert. Die Post ist auf dem stark umkämpften Markt die Nummer eins mit einem geschätzten Anteil von 40 Prozent. "Von den 60.000 Zustellkräften, die bei uns Pakete ausliefern, sind weniger als zwei Prozent bei Subunternehmern beschäftigt", sagt Unternehmenssprecher Dirk Klasen. Die ganz große Mehrheit habe eine tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden und erhalte Tariflohn - mit einem Einstiegslohn von elf Euro. Er halte aber die von Wallraff geschilderten "krassen Fälle" für absolut zutreffend - bei der Konkurrenz.
Zu den fünf Großen gehören auch die Otto-Tochter Hermes, UPS, DPD und GLS. Ver.di-Experte Abel ist vor allem über die Zustände bei GLS entsetzt. "Die mit Abstand skandalmäßigsten Arbeitsbedingungen herrschen bei GLS." Auch die Verhältnisse bei Hermes und DPD seien nicht akzeptabel. "Dagegen hat UPS zu 70 Prozent eigene Zusteller, die tariflich bezahlt werden. Bei der Deutschen Post sind es zu über 90 Prozent eigene Leute." Seine Einschätzung: "Nur 15.000 Paketboten, nämlich die von der Post und von UPS - sind zu sauberen Arbeitsbedingungen beschäftigt und werden fair bezahlt. Für die anderen 35.000 müssen dringende Verbesserungen kommen."
Hermes kündigt Verbesserungen an
Die GLS-Deutschlandzentrale im hessischen Neuenstein sieht das anders: "Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird." Das ebenfalls ins Visier geratene Unternehmen Hermes kündigt dagegen Verbesserungen für die Paketfahrer an.
Den Gewerkschaften sind die Bedingungen für die Paketzusteller schon lange ein Dorn im Auge. Ver.di verlangt eine Selbstverpflichtung aller Branchenführer, die Flächentarifverträge in den jeweiligen Bundesländern einzuhalten. Öffentlicher Druck helfe, glaubt Abel. Zwei Berichte Ende 2011 beim NDR über die "Paketsklaven" im Hamburg hätten Erfolge gebracht: "Nach den geschilderten unzumutbaren Zuständen bei der Logistikfirma HFL hat die Deutsche Post die Zusammenarbeit mit HFL gekündigt und die 150 Beschäftigen in den eigenen Konzern übernommen."
Auch der Verbraucher ist gefragt, meint Wallraff: Wer dem europäischen GLS-Konzern Einhalt gebieten wolle, solle nicht unbedacht "online, schnell und billigst" bestellen, denn: "Den Preis zahlt der Paketbote." Gerd Billen, Chef der Verbraucherzentrale, fordert überprüfbare Infos darüber, wie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern umgehen. "Hierzu muss der Gesetzgeber eine Informationspflicht für Unternehmen festlegen." Und Ver.di-Mann Abel betont: "Die Macht der Konsumenten ist nicht zu unterschätzen."
Yuriko Wahl-Immel, dpa/vet


