07.06.2012
Ostsee-Pipeline-Taucher
Schweißen in 100 Meter Wassertiefe
Heavy Metal dröhnt durch die 15 Meter hohe Werkshalle im Hafen des Städtchens Haugesund an der norwegischen Atlantikküste. Davor liegt die "Skandi Arctic" vertäut, Männer mit weißen Schutzhelmen treffen die letzten Vorbereitungen für die Fahrt in die Ostsee. Diesmal geht es vor die Küste Finnlands, wo eine Gas-Pipeline verschweißt wird. Die erste Leitung ist bereits seit einem halben Jahr in Betrieb, auch durch die zweite Röhre soll ab Ende 2012 in Sibirien gefördertes Gas von Russland nach Deutschland fließen.
Inzwischen ist das Spezialschiff ausgelaufen. Sobald es den Kilometerpunkt 297 der 1224 Kilometer langen Pipeline erreicht hat, werden zwei Teilstücke der Pipeline miteinander verschweißt. Ein Unterwasser-Job für Einar Flaa, 44, und seine Kollegen, Experten für die gefährliche und anstrengende Arbeit in 100 Meter Tiefe.
Flaa ist seit 15 Jahren Profitaucher und hat schon letztes Jahr mitgeschweißt an den ersten Teilstücken der Ostsee-Pipeline. "Meist ist es so dunkel da unten, dass man seinen Weg praktisch mit den Händen suchen muss", sagt der Norweger. "Bei der Orientierung auf dem Meeresboden helfen die Lichter unserer Taucherglocke, indem sie auf die Stelle blinken, wo wir hintauchen sollen."
Das Taucherquartier ähnelt einer Raumstation
Ohne Heizung würden die Taucher schnell auskühlen. Darum wird warmes Wasser durch kleine Schläuche in den Taucheranzug gepumpt, Flaa nennt es eine "Ein-Mann-Sauna". Die Temperatur können die Kollegen auf dem Schiff auf ein halbes Grad genau steuern. Denn von ihnen ist Flaa getrennt: Zwölf Taucher leben für zwei Wochen im Taucherquartier, bei ständigem Überdruck. Am Meeresboden, in der Taucherglocke, in den Kabinen der Taucherstation im Bauch der "Skandi Arctic" - überall ist der Druck gleich hoch.
"Der Überdruck hier hält uns am Leben", sagt Flaa. Nur so könne er mit seinen Kollegen 14 Tage am Stück in solchen Tiefen arbeiten, ohne dass ihnen die Taucherkrankheit gefährlich werde. "Deshalb müssen wir nach dem Einsatz auch noch mal vier Tage in die Dekompressionskammer." Gegen die Langeweile gibt es dort einen Computer, die Taucher "gucken Filme, lesen, schlafen".
Beim Ostsee-Einsatz leben sie auf sehr engem Raum, die Kammern mit einem Durchmesser von zweieinhalb Metern sind mit Luken verbunden und ähneln einer Raumstation, aufrecht stehen kann man darin kaum. Privatsphäre gebe es keine, erzählt Flaa: "Alle sehen dir zu, selbst auf der Toilette hängen Kameras. Man kann seine Kollegen die ganze Zeit atmen hören."
Insgesamt sind rund 150 Mann an Bord der "Skandi Arctic". Seit dem Stapellauf vor drei Jahren kam das 157 Meter lange Schiff auch schon an Pipelines und Bohrlöchern im Golf von Mexiko und vor der Küste Brasiliens zum Einsatz. "Unsere Fahrt jetzt wird 47 Tage dauern", sagt Kapitän Nils Baadnes auf der vor blinkenden Lichtern und Hightech strotzenden Brücke.
Komplizierte Arbeiten in der Tiefe
Die Unterwasser-Schweißstation wurde schon per Kran auf das Deck gehievt. Auf dem Kai wartet nun ein sieben Meter hohes und 85 Tonnen schweres Stahlgerüst auf die Verladung. Es sieht aus wie ein riesiges "H" und dient auf dem Meeresboden als hydraulische Hebevorrichtung. In die Tiefe hinabgelassen werden dann drei der "H-Frames" mit Greifvorrichtungen, die vom Schiff aus gesteuert werden.
Damit lässt sich das auf dem Meeresgrund liegende Rohr anheben und einige Meter nach links oder rechts bewegen, mit Hilfe von Hebesäcke, die wie große Luftballons an der Leitung befestigt werden und bis zu 20 Tonnen Gewicht tragen können. Sobald sich die Enden exakt treffen, kommt die Schweißvorrichtung zum Einsatz. Taucher überwachen rund um die Uhr die vom Schiff gesteuerten Aktivitäten. Nach getaner Arbeit steht später die gleiche Aufgabe vor der Küste der schwedischen Insel Gotland in 80 Metern Tiefe an.
7,4 Milliarden Euro kostet das Projekt der Erdgas-Pipeline insgesamt. "In Russland wird das Gas mit einem Druck von 220 Bar hineingepresst und kommt in Deutschland mit rund 177 Bar an", sagt Nicolas Rivet, Ingenieur von Nord Stream, wie die Ostsee-Pipeline heißt. Der Druckverlust sei auf der langen Strecke unvermeidbar. Aber das mache es möglich, die Pipeline in drei Teilstücken mit unterschiedlicher Rohrstärke zu bauen - mit geringeren Kosten. "Die Dicke der Rohre verringert sich von 35 Millimetern im ersten Abschnitt auf 31 Millimeter im zweiten Teilstück und auf 27 Millimeter im letzten Teil. Pro Pipeline sparen wir so fast 200 Millionen Euro Stahlkosten", rechnet Rivet vor.
"Der Job hat mein Hobby zerstört"
Die Unterwasser-Crew um Einar Flaa erledigt einen besonders anspruchsvollen Teil des schwierigen Einsatzes. Flaa verdiente schon als 17-Jähriger ein bisschen Geld mit dem Tauchen: "Damals habe ich bei kleinen Schiffen von unten den Bug gereinigt. Vor gut 15 Jahren entdeckte ich, dass man vom Tauchen leben kann." Seitdem ist er Profi - "der Job hat mein Hobby zerstört. Und ich werde ihn so lange machen, bis mich der Doktor stoppt".
An Bord der "Skandi Arctic" tun einige Crew-Mitglieder nichts anderes, als mit Kameras das Wohlergehen der Taucher zu überwachen. Das Essen kommt dreimal täglich durch eine Druckschleuse. Damit die Taucher den Überdruck aushalten, wird der Atemluft Helium beigegeben. Seine Familie habe sich daran gewöhnt, dass es kein Telefonstreich sei, wenn er ab und zu aus der Überdruckkabine zu Hause anrufe - "unsere Stimmen klingen dann wie die von Donald Duck", so Flaa.
Es ist ein Einsatz unter höchst ungewöhnlichen Bedingungen. Flaa: "Jedes Mal, wenn ich da rauskomme, fühle ich mich beschissen. Bis alles wieder normal ist, fühlt sich das an wie ein dreitägiger Kater."
Von Alexander Kohn, dapd/jol


