14.07.2012
Ghostwriterin für Liebesbriefe
"Diana, Du bist mir aufgefallen"
Von Marie-Charlotte MaasLaura Nunziante, 25, schreibt jede Woche fünf bis zehn Liebesbriefe. An Oskar, an Diana, R. oder Michael. Sie hat diese Menschen noch nie gesehen. Alles, was sie über sie weiß, haben ihr andere am Telefon erzählt. Das gehört zu ihrem Job: Laura Nunziante ist Ghostwriterin für Liebesbriefe. Rund tausend hat sie in den vergangenen drei Jahren verfasst.
"Diana, Du bist mir aufgefallen", tippt Nunziante in ihren Computer. Das sei besser als "Liebe Diana". Der Name reiche vollkommen aus und gebe dem Brief Ernsthaftigkeit. Sie fachsimpelt: "Meine liebe Diana" gehe auch, tabu sei dagegen, mit Kitsch wie "Für immer Dein" zu enden. Auch "Ich liebe Dich" findet man in Nunziantes Werken nicht: "Im Idealfall hat der Brief genau das bereits ausgedrückt."
Eine Seite Liebesbrief kostet 50 Euro. Mit der Hand schreibt Nunziante die Auftragsbriefe nie, es gilt, professionelle Distanz zu wahren. Das klappt besser, wenn sie vor dem flimmernden Bildschirm sitzt. Der Auftraggeber erhält den fertigen Brief dann per E-Mail - und kann ihn mit der Hand abschreiben, wenn er will.
Authentisch statt poetisch
Vor jedem Brief telefoniert Laura mit dem Kunden: "Bei Männern dauern die Gespräche in der Regel zehn Minuten, das ist ein reiner Informationsaustausch. Frauen wollen meistens mehr über den Auftrag sprechen und darüber, was dahintersteckt." Eine Stunde kann das Telefonat schon mal dauern, danach macht Laura Nunziante aber rigoros Schluss: "Alles, was danach kommt, hat nichts mehr mit dem Brief zu tun, sondern ist ein allgemeines Klagen über die Situation, aber da kann ich nicht helfen."
Natürlich gehen ihr manche Geschichten nahe, auch wenn sie die Personen nicht persönlich kennt: "Es ist, als würde ich einen Film sehen oder Nachrichten gucken, ich bin irgendwie berührt, obwohl ich direkt mit dem Geschehen nichts zu tun habe."
Der Großteil der Liebesbriefkäufer ist zwischen 35 und 55 Jahre alt, männlich - und Single. Nur selten bittet jemand, der in einer Beziehung steckt, um Lauras Hilfe. "Liebesbriefe entstehen oft aus Verzweiflung oder aus totalem Glücksgefühl", sagt Nunziante und fügt hinzu: "Verzweiflung ist weit verbreitet." Dass so viele Menschen ihren Liebesbrief-Dienst in Anspruch nehmen, wundert sie nicht: "Ich bin kein Mechaniker, also frage ich auch einen Profi, ob er mein Auto repariert, wenn es kaputt ist."
Nunziante hat Kreatives Schreiben in London studiert, hauptberuflich arbeitet sie als Texterin in einer Werbeagentur. Die Liebesbriefe schreibt sie nach Feierabend für eine andere Kreativagentur, "Feine Reime". Als Werbetexterin wirbt sie für Produkte, beim Liebesbriefschreiben für Personen. Beides ist ein Handwerk. Mit einem großen Unterschied, wie Nunziante betont: Das Wichtigste beim Ghostwriting sei nicht, dass es sich besonders gut anhöre, sondern dass es sich so anhöre, als hätten die Kunden den Brief selbst verfasst.
Gereimt wird nur im Ausnahmefall
"Ich will nicht schreiben wie Hermann Hesse, sondern so, dass es authentisch wirkt", sagt Nunziante. Deshalb achtet sie bei den Telefonaten genau auf den Satzbau und darauf, welche Füllwörter die Auftraggeber benutzen: "So merkt man schnell, wie der Mensch tickt und im Alltag spricht."
In ihren Briefen brodelt dann schon mal "Abenteuerlust unter blassen Sommersprossen", zittern Herzen, neigen sich Blumen den Sonnenstrahlen zu. Zu schätzen weiß das nicht jeder. Die meisten Auftraggeber seien positiv überrascht über die Texte, aber es gebe auch kritische Stimmen: "Das sind oft Akademiker. Einmal sollte ich ein Gedicht schreiben, der Kunde wollte unbedingt, dass es sich reimt, da habe ich den Auftrag abgelehnt."
Manchmal reimt aber auch Nunziante drauflos: "Drum steh ich hier vor Dir ganz klein, ich frag mich, willst Du immer bei mir sein?" Kriterium für ihre Werke ist ihr eigener Geschmack: "Nur wegen des Geldes riskiere ich nicht, dass ich mit dem Ergebnis unzufrieden bin."
Den Auftrag abzulehnen, mit diesem Gedanken hat Laura Nunziante auch in einem anderen Fall gespielt: Eine verheiratete Frau hatte sich in ihren Schwager verliebt und wollte ihm mit dem Brief ihre Liebe gestehen. "Moralisch nicht ganz einwandfrei", gibt Nunziante zu. Am Ende schrieb sie den Brief trotzdem: "Es ist mein Job."
Dass sie hinter den Briefen steckt und nicht der angebliche Absender, ist ihres Wissens bisher noch nie aufgeflogen. Was den Erfolg ihrer Briefe angeht, macht Laura Nunziante sich aber keine Illusionen: "Im ersten Moment kann der Brief sicher etwas auslösen, aber der Mensch ist leider nicht der Brief, also kommen danach die alten Probleme wieder."
Den perfekten Liebesbrief hat Laura bisher noch nicht geschrieben, auch wenn sie sich alle Mühe gibt: "Den kann ich nur schreiben, wenn ich selber involviert bin." Den würde sie dann auch mit der Hand schreiben und nicht mit dem Computer.


