24.06.2012
Burnout
"Die Mitarbeiter wollen selbst zu viel"
Von Cornelia Knust
Geht nicht um sechs Uhr früh joggen: Siemens-Vorstand Brigitte Ederer
"Ich kann nicht alles haben, beruflichen Erfolg, eine Familie mit Kindern und dann noch Marathon laufen in der Freizeit. Einerseits einen Weltkonzern, der mir in 190 Ländern alle Türen öffnet, und gleichzeitig mittelständische Strukturen." Brigitte Ederer begegnet der Debatte um allzu erschöpfte Mitarbeiter mit gewohnter Bodenständigkeit. Die Österreicherin ist seit Sommer 2010 im Siemens-Vorstand für Personal zuständig, nachdem sie zuvor schon als Politikerin und Chefin von Siemens Austria Karriere gemacht hatte.
"Die Mitarbeiter wollen auch selbst zu viel", sagt sie im Club Wirtschaftspresse München. Niemand verlange eine Präsenz rund um die Uhr von ihnen, doch scheine es ihr oft, dass die Menschen Angst hätten, etwas zu versäumen und deshalb ständig auf ihr Telefon starrten. Es gelte, mehr selbst auf sich aufzupassen. Und es sei ja normal, dass man sich im Beruf durchsetzen müsse und auch mal Niederlagen erlebe: "Aus denen habe ich immer am meisten gelernt."
Da spricht die ehemalige Staatssekretärin der österreichischen Sozialdemokraten, die für ihr Land die Kampagne zum EU-Beitritt in den neunziger Jahren geleitet hat, und für die Kompromisse zum Tagesgeschäft gehören, ebenso die Erkenntnis, dass alles seinen Preis hat.
Das bezieht sie auch auf sich persönlich. In Interviews sagt sie stets, sie habe ihren Aufstieg damit bezahlt, keine Kinder zu haben. Heute in München kokettiert sie mit ihrer nicht ganz schlanken Figur: "Natürlich wäre es da gut, wenn ich um sechs Uhr aufstünde, um Marathon zu laufen. Aber ich möchte nicht um sechs Uhr aufstehen, weil es mich erschöpft."
Betreuungsgeld? "Siemens macht das Gegenteil"
Die Karriere von Frauen bei Siemens zu fördern, sei ihr nicht nur deshalb ein Anliegen, weil es einen Kampf um Talente gebe. Sie glaubt auch, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Die weibliche Sicht auf die Dinge werde gebraucht: "Es sind nun mal die Hälfte der Menschen auf der Welt weibliche Kunden." Die Quotendiskussion habe dabei "einen positiven Druck erzeugt".
Siemens setzt nicht nur auf flexible Arbeitszeitmodelle und organisiert Kinderbetreuungsplätze, der Konzern zahlt den Müttern auch monatlich 100 Euro Zuschuss für die Fremdbetreuung ihrer Kinder bis zum sechsten Lebensjahr. Müttern, die schon innerhalb der ersten 14 Monate nach der Geburt des Kindes in eine Teilzeittätigkeit zurückkehren, zahlt das Unternehmen sogar 500 Euro monatlich.
Auf die Frage, wie das denn mit dem Betreuungsgeld für Mütter am heimischen Herd zusammenpasse, das die CSU in Deutschland unbedingt einführen will, enthält sich Ederer einer Wertung und sagt nur leise lächelnd: "Siemens macht genau das Gegenteil."
Diplomatisch kommentiert sie auch das Verhältnis zur IG Metall, die sich in den letzten Monaten einen regelrechten Machtkampf mit Siemens geliefert und viele neue Mitglieder mobilisiert hat, vor allem wegen der geplanten Schließung der Münchner Hauptverwaltung von Nokia Siemens Networks (NSN), die am Ende verhindert wurde. Ederer will bei der IG Metall "in den vergangenen beiden Jahren keine Veränderung" festgestellt haben.
Sie behauptet auch, Siemens habe die Tragweite der Schließungsentscheidung bei NSN nicht unterschätzt, habe aber eben nicht in der operativen Führung der gemeinsamen Tochtergesellschaft mit Nokia gestanden. "Ich komme aus der Politik", sagt Ederer, um deutlich zu machen, dass ihr gleich klar war, dass es Ärger gibt: "Es war dann eine politische Situation, und Nokia hat erkannt, was das bedeutet."
Cornelia Knust ist Autorin für manager magazin online in München
