03.07.2012
Beton-Designer
Möbel aus einem Guss
Von Sarah J. TschernigowWer Möbel von Daniel Ehlscheid, 33, kaufen möchte, sollte sich sicher sein, dass er die nächsten Jahre nicht wieder umzieht. Denn einen 300 Kilogramm schweren Esstisch möchte niemand gerne bewegen. Geschweige denn durch das Treppenhaus hieven.
Daniel Ehlscheid designt Möbel aus Beton und erklärt gleich zu Beginn: "Wir bringen die Möbel überall hin!" Wir, das ist sein Team rund um "Betont", ein kleines Unternehmen aus Bielefeld. Waschtische, Küchenzeilen, Bänke für den Garten - für fast alle Wohnbereiche designt der gelernte Stahlbeton- und Maurermeister Möbel aus einem Guss.
Das Gewicht findet er gar nicht so gravierend: "Granit und Marmor sind viel schwerer." Die Anlieferung ist trotzdem spektakulär. "Wir hatten schon den Autokran über dem Balkon." Um einen sechs Quadratmeter großen Küchenblock in eine Wohnung zu bringen, musste damals ein großformatiges Fenster ausgebaut werden. "Wir haben das Ding mit Hebegerät und zehn Mann positioniert. Das hat einen Tag gedauert."
Möbel aus Beton sind trotzdem gefragt. In fast in jeder Region Deutschlands finden sich Beton-Designer. Ausstattungen für Küche und Bad sind besonders begehrt, aber auch handlichere Klein- und Einzelmöbel sind zu haben. "Viele Kunden sind Architekten, oder Menschen aus dem kreativen Bereich", sagt Daniel Ehlscheid. "Die mögen das puristische, stylische Design." Für ihr Betonunikat lassen sie einiges springen. Eine Duschtasse ist bei Betont für rund 2000 Euro zu haben, eine Kochinsel ab 3800 Euro.
Die französische Architektin Carine Stelte aus Meerbusch bei Düsseldorf hat einen designpreisgekrönten Sessel aus Beton im Angebot. Knapp 2500 Euro kostet das gute Stück, das aus einem Gemisch aus Zement, Sand, Fasern und Wasser hergestellt wird, einem Leichtbeton, der es erlaubt, besonders feingliedrig zu arbeiten.
Im Gegensatz zu vielen typischen Betonmöbeln ist der Sessel cs1 leicht, glatt und zierlich. Seine dünnste Stelle misst nur 25 Millimeter. Um halbwegs bequem darauf zu sitzen, wäre allerdings ein Kissen von Vorteil. Das Material ist und bleibt starr und hart.
Mit dem Kontrast aus schwerem, steifen Material einerseits und optischer Leichtigkeit und Feingliedrigkeit andererseits spielt auch der britische Designer Benjamin Hubert. 2008 entwarf er für das Londoner Label Decode die Hängeleuchte Heavy Light. Eine einfache, birnenförmige Lampe aus Gussbeton, erhältlich in weiß, grau und braun. Je nach Größe wiegt sie zwischen 3,5 und 7,5 Kilogramm. Auf Designmessen ist sie der Renner. Hubert hat dazu passend sogar eine Schreibtischlampe entwickelt, das Heavy Desk Light.
Ob Sessel, Lampe, oder Kochinsel - alle Betonmöbel haben eines gemeinsam: Sie werden nahtlos in einem Guss hergestellt. Dafür fertigen die Designer eine Form als Negativ an. Sie müssen immer spiegelverkehrt denken, das macht für viele den Reiz aus. So auch für Daniel Harr aus Hamburg. Dass er das Endprodukt nicht mehr korrigieren kann, sieht er als große Herausforderung: "Wenn man einen Fehler macht, muss man wieder von vorne anfangen."
Beton kann nicht gemeißelt oder in Form gehämmert werden, Fehler in der Gussform werden für die Ewigkeit festgehalten. "Das Auspacken hinterher, das sogenannte Ausschalen, ist wie Weihnachten", sagt Harr, der als Handwerker anfing, dann Architektur studierte und immer schon ein besonderes Verhältnis zu Beton hatte. "Wenn ich das Material rieche, erinnert es mich an meine Kindheit, als ich im Betonwerk meines Vaters rumgerannt bin."
Vor fünf Jahren gründete er Harr Beton Design. Seine Freunde konnten sich nicht vorstellen, dass mit unpraktischen, großen und schweren Möbelstücken Geld zu machen ist. Der Erfolg gibt ihm recht.
Wie eine Lederjacke
Harr fing mit einfachen Balkonen aus Sichtbeton an, schnell wurden die Anfertigungen ausgefallener. Für eine Zahnarztpraxis in Hamburg entwarf er einen Tresen mit eingelassenem Logo; für das Schloss Herrenchiemsee, wo einst König Ludwig residierte, Waschtische, Bänke, Treppenwinkelstufen - insgesamt 200 Elemente. Sein bisher spektakulärstes Projekt: Das trichterförmige Eingangsportal des Bundestags-Cafés in Berlin. Mehrere Tonnen Beton wurden vergossen, die Arbeiten dauerten Monate. "Und das war wenig", sagt Harr.
Ein einfacher Betonklotz ist leicht gemacht: einmal gießen, ausschälen, fertig. "Aufwendig wird das Arbeiten mit Beton, wenn Ausbuchtungen vorgesehen sind, oder Anschlüsse", so Harr. Sein Hauptgeschäft sind Möbel für Privatleute. Gerne gekauft wird das Modell bench01, eine rechteckige Bank mit vier Füßen und dünnen Holzstreifen im Beton - eine Mischung aus Beistelltisch und Sitzmöbel. Künstliches und Natürliches sollen hier miteinander verschmelzen.
Was gefällt den Kunden eigentlich so sehr an dem Material? Für Daniel Harr liegen die Vorteile auf der Hand: "Beton ist robust." Nahezu unkaputtbar, ähnlich wie ein Stein. "Klar, wenn ich mit dem Hammer draufhaue, bricht eine Ecke ab. Aber wer haut schon mit einem Hammer auf seine Möbel?" Ohne ihn großartig pflegen zu müssen, hält Beton ein Leben lang. Und nutzt sich im Laufe der Jahre doch auf eine gewisse Art ab: "Das ist wie bei einer Lederjacke. Die lebt weiter. Nach ein paar Jahren ist sie etwas speckig, wird dunkler." Außerdem seien Betonstücke einzigartig, jedes Stück ein handgefertigtes Unikat.
Und wer nicht gleich eine ganze Küchenzeile kaufen will, kann sich für rund hundert Euro eine 30 Zentimeter hohe Vase anschaffen. Oder ein Betonbild, mit Fotoaufdruck. 60 mal 60 Zentimeter hat Daniel Harr im Angebot. Schraube und Wand müssen allerdings locker 15 Kilogramm halten.


