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22.06.2012
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Unser Mann in Cannes

Hereinspaziert, junges Gemüse

Cannes-Blog: Junglöwen auf der Pirsch
Fotos
Sascha Hanke

Bill Clinton kommt. Werbe-Juror Sascha Hanke ist schon da. Und viele Nachwuchswerber ebenso. Das Cannes-Festival ist auch ein weltweites Branchentreffen für Talente aus kleinen oder großen Agenturen. Und irgendwer spendiert ihnen bestimmt Drinks für 30 Euro.

Über mir kreisen Hubschrauber. Hinter mir geht es hektisch zu, Sicherheitskräfte räumen den Festivalpalast. Überall Men-in-Black. Alle müssen raus - weil einer rein muss: Bill Clinton. Er wird am Abend im Grand Auditorium des Festivals eine Keynote-Ansprache mit dem Titel "How Advertising Can Help Build a Better World" halten. Nur einer von vielen großartigen Programmpunkten des Festivals.

Ohne Zweifel: Cannes ist ein Höhepunkt des werblichen Lusterlebens, manchmal auch ganz unmittelbar (auf der Herrentoilette eines Hotels kam mir gestern Abend ein fröhlich-verschwitztes Werberpärchen entgegen). Ein Erlebnis des Rausches und der Überwältigung. Vor allem für die Junioren, die Berufsanfänger.

Noch nie sind so viele deutsche Nachwuchswerber nach Cannes geschickt worden wie in diesem Jahr. Ich war zur Auswahl der besten Talente, der "Young Lions Germany", eingeladen - und bin beeindruckt vom hohen Niveau der Junioren. Berti Vogts würde sagen: "Die Breite an der Spitze ist dichter geworden!"

Und das kommt nicht von ungefähr. Für die Junioren wird immer mehr getan, gerade in Deutschland. Einige Beispiele:

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Miami Ad School: Mit Worten und Bildern verführen
Wer sein berufliches Schicksal lieber nicht in die Hände einer Jury legen möchte, kann den klassischen soliden Weg einschlagen. Vor allem zwei:

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Kampagne der Texterschmiede: "Wer Bescheid weiß, will es ändern"
Richtig viel tun die Deutschen für ihre Junioren aber in Cannes selbst, zum Beispiel auf der Terrasse des Ritz Carlton Hotels. Hier finden die wichtigen Gespräche statt. Network-Bosse, Regisseure, Filmproduktionen, Stars und Sternchen der Werbewelt - alle sitzen sie hier, hinter großen Sonnenbrillen an winzig kleinen Tischen und bezahlen wie selbstverständlich 30 Euro für einen Drink.

Die Junioren natürlich nicht. Die werden eingeladen. Man muss doch in sie investieren. Ganz in der Nähe sitzen zwei deutsche Agenturbosse konspirativ mit Junior-Kreativen von anderen Agenturen zusammen und lassen die Kuh fliegen: Aperitif, Champagner, Steak-Frites. 450 Euro. 500 - stimmt so.

"Mit Ideen Trophäen jagen"

Während ich mich an diesem Nachmittag auf der brüllend heißen Terrasse mit einer Crème brûlée begnüge, frage ich mich: Was sagen eigentlich die Junioren selbst zu dem Zirkus hier? Welchen Stellenwert hat Cannes für sie? Ich schicke eine SMS mit zwei Wörtern an vier Junioren: "Why Cannes?"

Marwin Lafogler (Grafiker) und Matti Lietsch (Junior-Texter) antworten:

"Der größte Trieb eines Löwen ist es, zu jagen und sich zu behaupten. Für mich schönes Symbol. Einmal im Jahr geht es in Cannes genau darum: mit Ideen Trophäen jagen. Gleichzeitig ist die Zeit in Cannes sehr inspirierend. Zu der Zeit sind in Cannes fast alle Agenturen weltweit vertreten. Eine Art Olympiadorf voller Werber. Für mich geht es jetzt erst los, ich bin noch jung. Umso großer ist mein Trieb, im nächsten Jahr selbst einen zu gewinnen."

Vera Karpova, Juniortexterin aus Russland:

"It is quite impossible to find a person in the industry convinced that Cannes Lions is something not worth participating. It definitely is, whether your aim is to get inspired or to get drunk with the best professionals out there."

Amy Werblin, Juniortexterin aus Kalifornien, hat eine etwas kritischere Sicht auf das Festival:

"The impression I get from people is, they want to play it cool, pretend like it's no big deal... That they chatted with some creatives from some agency who won some award... oh but they were very normal, it was nothing special. Except it was. Play it cool, Cannes is no big deal, until it is. I mean, the whole festival is arranged, it seems to me as a strange clash of exhibitionism and voyeurism, where people say, 'I don't have a big cock, but just in case you were curious, I want to swing it around a bit and make sure you've all had a good look. And then everyone would look.' Also, the work is great. But nobody's gonna re-tweet that."

Abends spät, es ist immer noch 26 Grad warm, stehe ich am Strand im Sand, auf einer der vielen Megapartys zwischen Skrillex-Beats, Stroboskop-Gewittern und schwitzenden Körpern.

"Hey, du warst doch in der Jury, oder?" Neben mir steht ein Mann, Anfang 20. Er wirkt traurig. Ich frage ihn, was denn los sei. Er sei enttäuscht, weil seine Kampagne nur auf der Shortlist gelandet ist. Als er über seine Arbeit spricht, die tatsächlich mehr verdient hätte als eine Shortlist-Platzierung, beginnen seine Augen vor Begeisterung zu leuchten, heller als die Discokugel über uns.

Und genau darum geht es in Cannes. Um Leidenschaft. Um Ideen. Die besten der Welt. Ich gebe ihm meine Telefonnummer. Und schenke ihm für den Rest des Abends meinen All-Access-Festivalpass. Man muss ja was für die Junioren tun.

Zum Autor

Sascha Hanke, 37, ist Executive Creative Director bei Kolle Rebbe und verantwortet gemeinsam mit Stefan Kolle und Stefan Wübbe die Arbeit der fast 300 Mitarbeiter starken Werbeagentur. Zuvor arbeitete er zehn Jahre lang bei Jung von Matt. Hanke hat schon säckeweise Medaillen bei deutschen und internationalen Wettbewerben abgeräumt, auch zehn Cannes-Löwen und 2011 den einzigen für Deutschland in der "Integrated"-Königsdisziplin für Kampagnen in neuen und alten Medien (mit einem Spot für das Konzerthaus Dortmund).

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