27.06.2012
IG-Metall-Vorstoß
Für immer Schluss mit Arbeitsstress
Den Schalter umlegen: Gewerkschafter wollen Mitarbeiter vor Chefs stärker schützen
Telefonanrufe vom Chef nach Feierabend, E-Mails, die schon vor Arbeitsbeginn beantwortet werden müssen und Projekte, die nur in Überschall oder mit Überstunden zu schaffen sind - das soll nach Willen der IG Metall in Zukunft als Ordnungswidrigkeit gelten, in besonders schweren Fällen sogar als Straftat. Die Gewerkschaft hat Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) einen Entwurf für eine Anti-Stress-Verordnung vorgelegt, die das Arbeitsschutz-Gesetz ergänzen soll.
"Anders als bei Gefahrstoffen, Lärm oder mangelnder Beleuchtung fehlen ausgerechnet bei psychischen Belastungen klare Anforderungen an die Arbeitgeber", sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban bei der Vorstellung des Papiers. "Gute Arbeit braucht klare Regeln" - das müsse auch beim Schutz vor Gefährdungen durch psychische Belastungen in der Arbeitswelt gelten, der "neuen Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts".
Nach Auffassung der IG Metall belasten ständige Erreichbarkeit, befristete Arbeitsverträge und wachsender Druck Arbeitnehmer stark. Dem Bundesarbeitsministerium zufolge gab es 2011 deutschlandweit rund 34 Millionen Fehltage wegen psychischer Störungen. 2010 waren es schon 54 Millionen - wobei die Zahlen nicht klar verraten, ob wirklich die Zahl solcher Erkrankungen so stark geklettert ist oder ob es sich teils auch um eine Diagnosewelle handelt.
Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) müssen 60 Prozent der Arbeitnehmer auch in ihrer Freizeit erreichbar sein, 33 Prozent sogar oft oder sehr oft. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte kürzlich gesagt, es müsse festgelegt werden, zu welchen Uhrzeiten ein Mitarbeiter erreichbar sein müsse und wann er dafür einen Ruheausgleich bekomme. Leyen setzt allerdings nicht auf neue gesetzliche Regelungen, sondern auf freiwillige Vereinbarungen in Betrieben. So boxte beispielsweise der VW-Betriebsrat Ende vergangenen Jahres eine "Blackberry-Pause" nach Feierabend durch.
Wollen Angestellte immer, was Gewerkschafter wollen?
Der DGB und die IG Metall sehen das anders. Gewerkschafter Urban warf der Ministerin vor, dem Appell keine Taten folgen zu lassen: Sie habe den Problemen Burnout und Belastung durch Stress am Arbeitsplatz "öffentlichkeitswirksam den Kampf angesagt", es aber bisher weitgehend bei Appellen und dem Verweis auf bestehende Gesetze belassen.
Der Entwurf der Gewerkschaft sieht unter anderem eine Überprüfung der Arbeitsplätze auf Stressfaktoren vor: Sind die Taktzeiten in Fabriken zu kurz, ist die Arbeit zu monoton? Wie ist die Schichtarbeit geregelt? Gibt es ausreichend freie Wochenenden? Ist das Projektziel ohne Überstunden zu schaffen? Nach den Plänen der IG Metall soll die neue Verordnung für alle Firmen gelten, die dem Arbeitsschutzgesetz unterliegen - und das trifft auf so gut wie alle Unternehmen in Deutschland zu.
Die Gewerkschaft verspricht sich von der "Anti-Stress-Verordnung" mehr Verbindlichkeit und Rechtssicherheit. Dass die erhofften neuen Regeln "auf einem relativ abstrakten Niveau beschrieben sind", räumen die Autoren in der Einleitung selbst ein. In der Tat: "Fähigkeiten und Fertigkeiten erhalten und erweitern", "Qualifikationen fordern und fördern", "den Wandel der Leistungsfähigkeit älterer Beschäftigter berücksichtigen" - was das konkret bedeutet, dürften Arbeitgeber ganz anders definieren und deuten als Arbeitnehmer.
"Ich sehe meine Kinder auch nur im Urlaub."
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Für "klare Regeln" würden sich solche Arbeitnehmer schön bedanken. Und ein generelles, gesetzliches Anruf- oder E-Mail-Verbot für alle Angestellten zu bestimmten Zeiten ist ohnehin ein absurder Gedanke: Dafür sind weder Ursula von der Leyen noch Angela Merkel oder der Deutsche Bundestag zuständig. Das müssten bei den Arbeitgebern schon die Arbeitnehmer selbst durchsetzen, sofern sie davon überzeugt sind.
vet/jol
