09.07.2012
Mobile Landjobs
Klingelingeling, hier kommt der Büchermann
Von Anja TiedgeEs ist windig, die Luft riecht nach Meer. Dazu der lieblich-trötige Klang von "La Cucaracha" aus der Entfernung: Wenn Claus Kreiser, 56, mit seinem Bus anrollt, ist Mexiko ganz nah. Nur das norddeutsche Schietwetter und das platte Land ringsum erinnern daran, dass Kreiser nicht nach Acapulco fährt, sondern ins Dörfchen Dagebüll an der Nordseeküste.
Er ist Leiter der Fahrbücherei Nordfriesland und gemeinsam mit Busfahrer Frank Peters in Deutschlands nördlichstem Landkreis unterwegs. Wenn die beiden auf eine Haltestelle zusteuern, erklingt eine gehupte Version der mexikanischen Melodie. "Viele Leute stehen nicht an der Straße und warten auf uns. Sie verlassen sich auf das Signal", sagt Kreiser. Erst wenn sie das hören, kommen sie zur Haltestelle. Die Leihbücher bringen sie schon mal in der Schubkarre mit.
Kreiser gehört zu den Menschen, die die Landbevölkerung versorgen. Er bringt Bücher, Hörspiele und DVDs dahin, wo es keine stationäre Leihbücherei gibt und wo vor allem Kinder und Ältere nicht ohne Weiteres günstig an frischen Lesestoff kommen. Überlebensnotwendig sind die Schmöker nicht, darum kämpfen Bücherbusse in Zeiten klammer Kommunen um ihre Existenz. Trotzdem kann sich Kreiser keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen: "Ich mag es, unterwegs zu sein. In einer Standbücherei wäre mir schnell langweilig."
Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet Kreiser in der fahrenden Bibliothek. Er hat Bibliothekswesen studiert, kam in den Achtzigern durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur Landeszentralbibliothek in Flensburg und ein Jahr später zur Fahrbücherei. Als Kind hatte er selbst den Flensburger Bücherbus genutzt und war neugierig auf den Job.
Mammobil: Auf so engem Raum arbeiten? Schwer vorstellbar
Unermüdlich klappert er seitdem von Husum aus die Dörfer der nordfriesischen Einöde ab. Vier Tage die Woche, bis zu 100 Kilometer am Tag. Der Zeitplan ist straff: 25 Minuten am Stedesander Kindergarten, danach eine Viertelstunde vor Paulsens Gasthof in Sprakebüll, dann 25 Minuten am Lütjenholmer Feuerwehrhaus. "Wir müssen überall pünktlich loskommen, um den Plan einzuhalten. Viel Zeit zum Schnacken bleibt da nicht."
Auch Ruth Schilgens, 52, fährt durch abgelegene Dörfer, Hunderte Kilometer weiter südlich. Sie ist medizinisch-technische Radiologieassistentin, kurz MTRA, und untersucht Frauen auf Brustkrebs - in einem Mammobil. Halt macht der Sattelauflieger mit eingebautem Mammographiegerät vor allem in kleinen Dörfern im nördlichen Rheinland-Pfalz.
Alle zwei Jahre können Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren kostenlos zu einer Röntgenuntersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs gehen. Mammobile in ganz Deutschland sollen dafür sorgen, dass sich auch Landfrauen untersuchen lassen. Und je länger die Anfahrt, desto weniger Frauen nehmen die Vorsorgeuntersuchung in Anspruch.
Als Schilgens vor zwei Jahren gefragt wurde, ob sie im Mammobil arbeiten will, war sie nicht begeistert: "Ich konnte mir nicht vorstellen, jeden Tag zu dritt auf so engem Raum zu arbeiten." Im Bus sind auf 30 Quadratmetern Anmeldung, Wartezimmer, Umkleidekabinen und Röntgenraum untergebracht; für Schilgen und ihre zwei Kolleginnen gibt es einen winzigen Aufenthaltsraum. "Da muss man sich schon gut verstehen. Man kann sich nicht einfach aus dem Weg gehen, wenn's mal kracht." Auch dass es im Bus kein WC gibt, fand sie gewöhnungsbedürftig. "Wir sind immer darauf angewiesen, dass es in der Nähe eine Toilette gibt, die wir nutzen dürfen, zum Beispiel in Einkaufsmärkten."
Trotzdem machte ihr die Arbeit im Screening-Mobil bald Spaß: "Die Klientinnen hier sind lockerer als in der Stadt, mit denen kann man auch mal ein Späßchen machen." Und oft bedanken sie sich für die Vorsorgeuntersuchung. Nun möchte Schilgen den Job unbedingt weitermachen. "Das Mammobil ist inzwischen mein zweites Zuhause. Wenn meine Chefs mich lassen, bleib' ich bis zur Rente."
Laster der Nacht: Im Winter in der Stadt, im Sommer übers Land
Tobias Rank, 44, kann selbst entscheiden, wie lange er noch durch die Provinz touren will. Als Betreiber eines Wanderkinos ist er sein eigener Chef. Der "Laster der Nacht" zeigt Stummfilme, die Rank und Mitgründer Gunthard Stephan live mit Piano und Violine begleiten. Seit 13 Jahren fahren die beiden jeden Sommer mit ihrem umgebauten Feuerwehrlaster, Baujahr '69, durch Deutschland und einige Nachbarländer. Ob Waldlichtungen, Strände, Parkplätze oder Friedhöfe - es gibt kaum Orte, die sie noch nicht in Open-Air-Kinos verwandelt haben.
Auf dem Land arbeitet Rank oft und gern: "Wir wollen die Filme in kulturschwache Regionen bringen." Wenn in der Stadt Mopeds durchs Bild fahren, habe das zwar auch seinen Reiz; die Filme auf dem Land vorzuführen sei aber entspannter. "Die Leute hängen sich meist mehr rein, backen Kuchen und verkaufen Wein."
Wenn Rank nicht mit dem Kino-Laster unterwegs ist, wohnt er selbst auf dem Dorf und arbeitet als Dozent für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Das hat auch finanzielle Gründe: "Von 70 Auftritten im Jahr können wir nicht leben." Rank will aber auch noch Raum für andere Projekte haben. Er brauche das kulturelle Leben in der Stadt genauso wie die Beständigkeit auf dem Land.
Auch Bücherbus-Leiter Claus Kreiser mag das Unaufgeregte am Landleben. Im Großen und Ganzen habe sich auf den Dörfern, die er anfährt, über die Jahre nicht so viel verändert. Nur hin und wieder muss er den Fahrplan anpassen: "Vorm Schlecker in Süderlügum halten wir jetzt bestimmt nicht mehr."


