08.08.2012
Nach dem Burnout
"Es könnte jederzeit wieder passieren"
Protokolle: Nicola Abé
Raus in die Natur: Und wenn es nur für eine halbe Stunde ist
Stress gehört zum Leben. Aber in einer beschleunigten, vernetzten Welt verkraften viele Menschen die wachsende Belastung nicht mehr, fühlen sich vor allem im Job gehetzt. Ab wann macht Stress krank? Und wie kommt es zum Burnout? Das neue SPIEGEL-Buch "Diagnose Burnout" zeigt, wie man der Überforderung vorbeugen kann. SPIEGEL-Autoren stellen neue Erkenntnisse von Wissenschaftlern, Ärzten und Therapeuten vor. Nicola Abé hat aufgezeichnet, wie drei Betroffene ihr persönliches Tief überwunden haben.
Arne Reese, Chef eines Ingenieurbüros:
"Es waren verschiedene Ereignisse, die zu meinem Burnout führten: Meine Partnerin hatte mich verlassen. Ich stand mit zwei kleinen Kindern allein da; mein Lebensentwurf war gescheitert. Gleichzeitig gingen zwei meiner wichtigsten Kunden pleite. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Existenzängste und wusste nicht, wie ich die nächste Miete bezahlen sollte. Zuletzt hatte ich mich praktisch über alles aufgeregt, egal ob ein Arbeiter ein Rohr falsch verlegt hatte oder jemand auf der Autobahn vor mir zu langsam fuhr.
Der Wendepunkt kam, als mein Arzt mich krankschrieb. Davor hatte ich mich lange Zeit gedrückt. Als selbständiger Ingenieur bedeutete das für mich einen großen finanziellen Verlust. Aber ich war an einem Punkt in meinem Leben angelangt, wo ich keine Perspektive mehr sah. Ich war nur noch müde. Einmal hatte ich sogar in meinem Auto auf einem Parkplatz übernachtet. Die Müdigkeit hatte mich so plötzlich überfallen, dass ich nicht mehr weiterfahren konnte, obwohl es nur noch zehn Kilometer bis zu meiner Wohnung gewesen wären.
Nun hatte ich es also schriftlich: Ich war krank. Irgendwie war es fast eine Erleichterung. Mein Arzt hatte mich gefragt, worauf ich denn Lust hätte. Das solle ich machen. Also ging ich frisches Gemüse kaufen, stellte mich in die Küche und schnippelte Salat.
In den folgenden Wochen versuchte ich, mir darüber klarzuwerden, was mir in meinem Leben wichtig ist. Ich entwarf ein Modell mit drei Säulen: Familie, Beruf und Sport. Ich machte eine ambulante Gesprächstherapie, die mir geholfen hat, die Trennung von meiner Partnerin zu akzeptieren. Für meine Töchter organisierte ich mit Hilfe meiner Mutter Krippenplätze. Ich hatte erkannt: Nur wenn es mir gutgeht, geht es auch den Kindern gut.
Als ich nach zwei Monaten wieder ins Büro zurückkehrte, kam ich mit festen Vorsätzen, dreimal die Woche wollte ich zum Sport gehen. Seither nehme ich mir diese Zeit, wäge nicht mehr ab, ob es vielleicht doch besser wäre, früher nach Hause zu kommen. In dieser Hinsicht bin ich radikal geworden.
Als Chef bin ich heute entspannter. Wenn ich morgens ins Büro komme und merke, die Stimmung ist nicht gut, alle sitzen lustlos auf ihren Stühlen, dann lade ich meine Mitarbeiter einfach zum Frühstücken ein. Croissant und Orangensaft mit Blick aufs Wasser - das ist wie ein kleiner Urlaub. Das kostet dann vielleicht eineinhalb Stunden Zeit, bringt aber auch viel.
Es sind die kleinen Dinge, die mich glücklich machen
Ich versuche, mich über Kleinigkeiten nicht mehr so aufzuregen. Wenn jemand ein Rohr falsch verlegt hat, bleibe ich freundlich und frage: Wie können wir das verhindern, was können wir verbessern? So erreiche ich mein Ziel viel leichter. Mit meiner Ex-Partnerin habe ich inzwischen eine Lösung für die Kinderbetreuung gefunden: Ich habe die beiden Mädchen von Montag bis Mittwoch, sie von Mittwoch bis Freitag, an den Wochenenden wechseln wir uns ab.
Manchmal überkommt mich wieder die Müdigkeit. Ich kämpfe dann nicht dagegen an, sondern versuche, mir eine kleine Ruhepause einzurichten, zehn Minuten in meinem Büro zu schlafen.
Es geht mir finanziell wieder gut. Aber ich habe damals gelernt, mit wenig auszukommen. Das war eine gute Erfahrung für mich. Ich weiß, dass ich nicht ständig neue Kleidung brauche oder essen gehen muss. Es sind die kleinen Dinge, die mich glücklich machen. Begegnungen mit Menschen, die ich interessant finde, ein Lächeln, ein Blick im Vorbeigehen.
Mein Burnout ist acht Jahre her. Seitdem geht es mir gut, und ich fühle mich stabil. Aber mir ist auch klar: Es könnte jederzeit wieder passieren. Nur habe ich keine Angst davor. Ich weiß, dass ich da auch wieder rauskommen würde. Eigentlich hat mich die Krankheit stärker gemacht."
