23.07.2012
Absurde Schimpfhotline
Bei Anruf Wutausbruch
Freundliche Gründer der Schimpfhotline: Alexander Brandenburger (l.) und Ralf Schulte
Tuuut.
Frauenstimme vom Band: "Dieser Anruf kostet 1,49 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz."
Tuuut.
Tuuut.
Freundliche Männerstimme, ca. 30 Jahre alt: "Schimpf-los. Hallo?"
Wütender Redakteur: "So ein Scheiß! Muss ich hier auch noch fürs Warten bezahlen?"
Freundliche Männerstimme: "Nein, erst ab jetzt."
Das ist eigentlich gut. Der wütende Redakteur motzt trotzdem weiter, wo kämen wir denn da hin?
Gekicher am anderen Ende der Leitung.
Wütender Redakteur: "Sie dürfen doch nicht lachen, verdammt. Sie sollten mich mal lieber animieren, meine Wut rauszulassen."
Freundliche Männerstimme: "Das war doch schon ganz gut. Versuchen Sie es weiter. Sagen Sie doch mal Arschloch oder Schleimbeutel zu mir."
Wütender Redakteur: "Mit Schleimbeuteln habe ich so schon genug zu tun, Mann!"
Stille. Neuer Anlauf. Doch alle weiteren Ausrastversuche verpuffen ähnlich kläglich.
Freundliche Männerstimme: "Sie können sich auch Notizen machen und noch einmal anrufen."
Das hätte er wohl gerne. Im Ernst: Mit so etwas kassiert man wirklich 1,49 Euro pro Minute - 90 Euro in der Stunde? Das ist zumindest die Idee von Alexander Brandenburger, 38, und Ralf Schulte, 41. Die beiden Werber aus Hessen haben die Schimpfhotline gegründet, bei der KarriereSPIEGEL angerufen hat.
Die beiden möchten allen, denen vor Wut fast der Kopf platzt, ein Ventil geben, sagen sie. Ihr Rezept zur cholerischen Müllabfuhr: Brandenburger und Schulte sicherten sich eine Domain mit dem Namen schimpf-los.de. Dort findet sich die Nummer ihrer gleichnamigen Hotline, beworben mit wenigen Sätzen: "Scheiß uns an!", "Es gibt keine Regeln! Einfach anrufen und sagen, was dir gerade einfällt. Je schlimmer, desto besser." Dann richteten sie eine Bezahlfunktion ein und setzten ein paar, wie sie sagen, "Freunde und Bekannte" ans andere Ende der Leitung - 16 bis 18 Stunden pro Tag.
Ihren Service preisen sie als Dienst an der Gemeinschaft an: Privater und beruflicher Stress mische sich oft zu einer "Gesamtwut", die halt raus müsse. Es verschaffe den Leuten Erleichterung, wenn sie ihrem Ärger Luft machten. Das sei gut für die Gesundheit und das tägliche Miteinander. Schlicht gesagt: "Wir tun etwas Gutes", so Schulte.
Geldverdienst und Selbsttherapie
Außerdem wollen sie mehr bieten als nur zuzuhören: Sie versprechen, ihre Kundschaft im Beleidigen zu trainieren. "Wir machen sogar Vorschläge", so Brandenburger. "Arschloch" und "Schleimbeutel" markieren da aber eher das Anfängerniveau. Eine bessere Inspiration dürfte die Bürogezeter-Sammlung der KarriereSPIEGEL-Leser sein.
Seit wenigen Wochen ist die Hotline freigeschaltet. Bisher hätten ungefähr drei Dutzend Menschen angerufen, sagen die Gründer, überwiegend Männer, der Stimme nach zwischen 28 und 38 Jahren alt.
Profis sind wenig begeistert. Pfarrer Sven Kepper, Leiter der Telefonseelsorge in Marburg, bezweifelt nämlich die guten Absichten der Betreiber. Bei einem Bezahldienst habe er immer Bauchschmerzen. Und wo bleibe die ernsthafte Beratung?
"Wir sind nur verbale Sparringspartner", entgegen Brandenburger und Schulte. Überhaupt würden sie bei ihrer Arbeit in der Werbebranche viel zu häufig beleidigt, berichten die beiden. Deshalb hätten sie sich gedacht "Wenn man sich schon anscheißen lässt, kann man sich auch dafür bezahlen lassen." Eine Selbsttherapie also?
Dann aber lieber richtig. Monty Python zeigten schon 1972, wie der bezahlte Schlagabtausch richtig geht.
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lgr/dapd
