16.08.2012
IG Metall
"Die meisten werden die Rente nicht gesund erreichen"
Die IG Metall sieht die Voraussetzungen für die Rente mit 67 noch immer nicht gegeben. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft unter 3700 Betriebsräten geht eine große Mehrheit von 80 Prozent davon aus, dass die Beschäftigten ihrer Branche das gesetzliche Renteneintrittsalter "nicht gesund erreichen".
IG-Metall-Vize Detlef Wetzel forderte Politik und Arbeitgeber dazu auf, mehr altersgerechte Arbeitsplätze und flexible Ausstiegsmöglichkeiten für die Beschäftigten zu schaffen. "Wir wollen Arbeitsbedingungen, die es den Menschen ermöglichen, gesund alt zu werden", sagt Wetzel. Die Betroffenen würden mit den Problemen alleingelassen. Die von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gegen Altersarmut geplante Zuschussrente sei bloß "ein Tropfen auf den heißen Stein".
Die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Rentenalters startete bereits Anfang des Jahres. Nach der Statistik müssen Arbeitnehmer ab dem Jahrgang 1964 oder später für eine Rente ohne Abschläge arbeiten, bis sie 67 Jahre alt sind. Viele Arbeitnehmer könnten unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen aber "objektiv nicht" so lange arbeiten, sagte Wetzel. Dann drohe ihnen Altersarmut.
92 Prozent der Betriebe ohne altersgerechte Arbeitsgestaltung
Bei den jüngere Beschäftigten gehen laut Umfrage nur 15 Prozent davon aus, dass sie mit ihrer Rente einmal "gerade so über die Runden kommen". Bei allen Befragten liegt der Wert noch bei 46 Prozent. "Wenn die jüngere Generation so wenig Vertrauen in die eigene Alterssicherung hat, kommt dies einer gesellschaftlichen Bankrotterklärung gleich", sagt Wetzel.
Nach den Worten von IG Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban sind nicht einmal vier Prozent der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie über 60 Jahre alt. Älter als 63 sei nur ein Prozent. "In rund 44 Prozent der Betriebe gibt es keine Beschäftigten über 63 Jahre." In 92 Prozent der Betriebe gebe es selten oder nie Maßnahmen zur altersgerechten Arbeitsgestaltung. Die IG Metall will die Rente zum Thema der Bundestagswahl im Herbst 2013 machen.
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies die Kritik zurück. Die Zahlen der Gewerkschaft seien unseriös. So habe sich der Anteil der Arbeitnehmer in der Altersklasse "60plus" in der Branche zwischen 2000 und 2011 mehr als verdoppelt: von 2,4 Prozent im Jahr 2000 auf zuletzt 4,9 Prozent.
Im Übrigen habe man mit der IG Metall längst "tarifpolitische Weichen für eine ausgewogene und flexible Gestaltung der Rente mit 67 gestellt". Der niedrige Beschäftigungsgrad älterer liege "nicht an den Arbeitsbedingungen in der Industrie, sondern sei das Ergebnis früherer Vorruhestandsprogramme".
Bereits am Mittwoch hatte sich der frühere Arbeitsminister Wolfgang Clement zu dem Thema geäußert: Die Rente mit 67 finde er nicht ausreichend, es sollte noch wesentlich länger gearbeitet werden, vielleicht bis 80. Der Ex-Sozialdemokrat wirbt seit Jahren für die Belange der Metallarbeitgeber. In deren Lobbyorganisation "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ist er Vorsitzender des Kuratoriums.
jon/dpa
