30.10.2012
Die Souffleuse
Der Anker in Reihe eins
Von Fritz HabekußIhre 27 Jahre als Souffleuse am Bochumer Schauspielhaus reichen Jutta Schneider noch nicht mal bis zur Hüfte. Ein Stapel mit allen Stücken, die sie je betreut hat, liegt in ihrem grauen Metallspind. Von ganz oben greift sie sich jetzt den Text zu Shakespeares "König Richard der Dritte" und geht auf die Probe.
Ihr Platz ist in der ersten Reihe, auf Stuhl Nummer 52. Während der Vorstellungen wird Jutta Schneider ein fester Anker für die Schauspieler sein, das Netz, das sie auffängt, bevor sie ins Fallen geraten - auch wenn das in den Vorstellungen nur recht selten vorkommt. "Während der Vorstellungen habe ich eher wenig zu tun. Da bin ich vor allem eine psychologische Stütze", sagt Schneider.
Einmal in zehn Vorstellungen, schätzt sie, muss sie eingreifen und mit dem Text helfen. Trotzdem muss sie während jeder Minute wach sein: Improvisiert der Schauspieler gerade nur ein wenig oder hat er den Faden verloren? Ist das eine Kunstpause oder eine Gedächtnislücke? In solchen Momenten steige ihr Adrenalinspiegel ziemlich stark, erzählt sie.
"Ich mag die Spannung, wenn es brenzlig wird"
Am meisten zu tun hat Jutta Schneider während der Proben. Jeder Schauspieler arbeitet anders. Manche kommen mit perfekt gelerntem Text, andere weigern sich, auch nur ein Wort zu lernen, bevor sie die Szene kennen. Jutta Schneider, 57, ruft während der Proben von Shakespeares "König Richard der Dritte" ständig auf die Bühne, gibt Einsätze und korrigiert: "Ich mag diese Spannung, wenn es brenzlig wird und ich ständig etwas reingeben muss."
Dem Richard-Hauptdarsteller Paul Herwig hilft sie dabei, den Text zu lernen. Wenn gerade einmal ein paar Minuten Ruhe sind und Regisseur Roger Vontobel zum Beispiel hinter den Kulissen am Video feilt, kommt er hinunter und setzt sich neben Jutta Schneider. Während Herwig leise seinen Text murmelt, unterbricht ihn die Souffleuse. "Da bin ich gnadenlos und korrigiere jeden Kleinigkeit", sagt sie.
Zu ihrem Beruf kam Jutta Schneider eher durch Zufall. Erst studierte sie auf Lehramt, brach ab und tingelte dann durch die Welt. Irgendwann kam ihre Mutter mit einem Zeitungs-Text: "Flüstern ist mein Beruf". Das wäre doch was! Sie versuchte ihr Glück, las eine Probe - und ist seitdem aus der ersten Reihe nicht mehr wegzudenken.
Eine gute halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn kommt Jutta Schneider ins Theater, raucht eine oder zwei selbstgedrehte Zigaretten und legt ihre Jacke in den Spind. Von dort nimmt sie ihr Textbuch, eine kleine Leselampe und geht in den Zuschauerraum. Dann überschlägt sie die Beine und wartet auf den Beginn des Stücks. Wenn das Licht im Saal herunter gedimmt wird, knipst Jutta Schneider ihr Lämpchen an.


