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13.11.2012
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Frauenquote

Jetzt wird zurückdiskriminiert

Von Klaus Werle
Corbis

Geschlechterkampf in der Vorstandsetage: Die Spielräume für Männer werden enger

Frauenquoten, wohin man auch blickt - aber was wird aus den Männern? Sie fürchten um ihre Karrieren, wenn tatsächlich so viele Frauen auf Führungsposten gelangen, wie die Unternehmen versprechen. Der Wirtschaft droht ein Kampf der Geschlechter.

Die Dame am anderen Ende der Leitung wählte den leisen und verbindlichen Tonfall. Den für die heiklen Fälle. Nichts läge ihr ferner, führte sie freundlich aus, als sich in die Angelegenheiten privater Unternehmen zu mischen. Aber ob man sich vorstellen könne, demnächst eine Frau in den Vorstand zu berufen? Nur so als Anregung. Commerzbank-Vorsteher Martin Blessing weiß allerdings, welcher Art die "Anregungen" der Frau aus Berlin sind, die in Bankerkreisen bisweilen schnoddrig-respektvoll als "Mutti" tituliert wird und die der Rest der Republik als Angela Merkel, Bundeskanzlerin, kennt.

So gehen Insider seit dem Gespräch zwischen Blessing und Merkel, dessen Existenz die Bank nicht bestätigen mochte, davon aus, dass der nächste freie Vorstandsposten bei der Commerzbank (CoBa) an eine Frau gehen wird. Szenarien kursieren. Ulrich Sieber etwa ist im Vorstand zuständig für Personal und Osteuropa - und nun auch noch für die Abbaubank. Um ihn zu entlasten, wäre es denkbar, den Personalbereich abzuspalten - und an eine Frau zu geben.

Als heißer Tipp für die Top-Position gilt intern Tanja Birkholz, die als Bereichsleiterin die Investor Relations führt. Die Managerin ist zwar erst 39 Jahre jung, doch neben breitem Rückhalt im Haus genießt sie einen aufstiegsförderlichen Ruf als Überfliegertalent. Ebenfalls hoch gehandelt wird Ex-McKinsey-Frau Katrin Stark, die jedoch gerade erst zum CFO bei der Eurohypo ernannt wurde.

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Dax-Vorstände: Frauen in deutschen Top-Etagen
Zwei vielversprechende Hoffnungsträgerinnen also, von denen eine die Männerriege ganz oben im CoBa-Turm aufmischen könnte. Hinten anstellen müssten sich dagegen wohl potentielle männliche Kandidaten wie Strategiechef Michael Bonacker. Sein Name fiel schon, als es um die Nachfolge von Finanzvorstand Eric Strutz ging. "Wenn er beim nächsten Umbau nicht zum Zug kommt, könnte die Bank eines ihrer besten Talente verlieren", unkt ein Kollege.

Noch ist das ein Planspiel, allerdings eines, das im Jahr 2012 nicht untypisch ist bei der Besetzung von Spitzenjobs in der Wirtschaft. Und das nicht nur, weil Merkel auch bei anderen Dax-Konzernen durchgeklingelt haben soll. Frauen sind "talk of the town", Männer müssen sich oft erst einmal in Geduld üben. In den vergangenen Monaten rollte eine in der Republik beispiellose Welle der Weiblichkeit durch die Vorstandsetagen.

Helga Jung (Allianz), Kathrin Menges (Henkel), Christine Hohmann-Dennhardt (Daimler), Margret Suckale (BASF), Claudia Nemat und Marion Schick (Telekom) und noch einige mehr zogen 2011 und 2012 in die obersten Führungszirkel von Dax-Konzernen ein. In den Dax-Aufsichtsräten stieg der Frauenanteil immerhin auf gut 18 Prozent an. Die Angst vor einer gesetzlichen Quote, die späte Einsicht, dass Vielfalt in der Firma den Geschäften zuträglich ist, oder beides zusammen, haben die Herrenrunden, so scheint es bisweilen, in einen Club der Frauenförderer verwandelt.

Das starke Geschlecht ist alarmiert

Sicher, es ist nicht mehr als ein Anfang, denn noch immer spottet der Frauenanteil im Top-Management jeder Beschreibung. Noch immer holen sich Frauen wie Tina Müller, 44, schmerzhafte Beulen an gläsernen Decken. Die Henkel-Managerin und Marketing-Koryphäe gilt als so umtriebige wie ehrgeizige Ausnahmebegabung und wurde einige Zeit als Nachfolgerin von Kosmetikvorstand Hans Van Bylen gehandelt. Dann aber wurde dessen Vertrag überraschend verlängert - Müller kehrte Henkel den Rücken und wird wohl bei Beiersdorf anheuern, wo ein Vorstandsposten in Aussicht ist.

Die Causa Müller könnte, unter umgekehrten Vorzeichen, einen Vorgeschmack geben auf die nächste Runde des Klassikers "Männer vs. Frauen". Denn so klein die Fortschritte auch sein mögen, der Zauber der Veränderung, der jedem Anfang innewohnt, ist spürbar.

Das starke Geschlecht ist alarmiert. Mehr als 32 Prozent der männlichen Manager klagen über negativen Einfluss von Frauenförderprogrammen auf die eigene Karriere. Das ergab eine Umfrage des Verbands VAA, der Fach- und Führungskräfte der Chemiebranche vertritt. Für die Zukunft rechnet sogar jeder zweite befragte Mann mit Beeinträchtigungen des eigenen Aufstiegs durch die Maßnahmen - während fast 40 Prozent der weiblichen Manager von positiven Folgen ausgehen. "Es ist bemerkenswert, dass mehr als die Hälfte der weiblichen Führungskräfte von den Förderungen keinen Einfluss auf die eigene Karriere erwartet", sagt VAA-Hauptgeschäftsführer Gerhard Kronisch.

Eine verlorene Generation von Männern?

Unter den Herren der Schöpfung ist bereits die Rede von einer verlorenen Generation männlicher Führungskräfte, die ihre feinziselierten Karrierepläne nun um- oder gleich abschreiben müssten, weil das Y-Chromosom in den Chefetagen nicht mehr en vogue sei.

Zwar sind viele Wortmeldungen vorsorgliche Abwehrgefechte gegen die gefürchtete gesetzliche Quote, die Klaus-Peter Müller etwa für "schlicht unseriös" hält. Der Oberaufseher der Commerzbank und Vorsitzende der Corporate-Governance-Kommission, der im Jahr bis zu 30-mal über Frauenförderung referiert, wurde von der "FAZ" zitiert mit dem Satz: "Wer die Erreichung von solchen Quoten bis 2018 oder 2020 fordert, muss wissen, dass dann für die nächsten sechs bis acht Jahre in vielen Unternehmen kein einziger Mann mehr in diese Ebenen befördert werden kann."

Doch auch besonnenere Charaktere wie der Ex-Debis-Chef und frühere Aufsichtsrat der Deutschen Börse, Manfred Gentz, gehen davon aus, dass es "eine vorübergehende Benachteiligung von gleich oder sogar etwas besser qualifizierten Männern geben wird", weil die Unternehmen endlich sichtbare Erfolge nachweisen wollen.

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insgesamt 263 Beiträge
1.
ralph.behr 13.11.2012
Man sollte mal wieder auf folgendes hinweisen: Es gibt zu wenige Frauen die etwas technisches studieren. Bei einem Frauenanteil von nichtmal 20% in einigen technischen Fächern wird es schwierig eine Frauenanteil von 50% im [...]
Zitat von sysopHier die Diversitytechnisch gut aufgestellten Bereiche Personal, Recht, vielleicht noch Marketing - dort die Herrenfestungen Finanzen, Entwicklung und Vertrieb, wo sich die letzten Machos um ihre Motoren und Excel-Tabellen scharen.
Man sollte mal wieder auf folgendes hinweisen: Es gibt zu wenige Frauen die etwas technisches studieren. Bei einem Frauenanteil von nichtmal 20% in einigen technischen Fächern wird es schwierig eine Frauenanteil von 50% im Beruf zu erreichen (und erst dann macht es auch Sinn 50% Frauen in der Führung der entsprechenden Bereiche zu haben). Aber solche Details kann man sich ja mal ruhig sparen.
2. Tja
Leser161 13.11.2012
Wenn jemand wegen Geschlecht statt Qualifikation einen Job bekommt oder nicht bekommt, ist das a) Diskrimierung b) Schlecht für das unternehmen, dass diskrimiertes statt qualifiziertes Personal besitzt. Von daher, dass [...]
Wenn jemand wegen Geschlecht statt Qualifikation einen Job bekommt oder nicht bekommt, ist das a) Diskrimierung b) Schlecht für das unternehmen, dass diskrimiertes statt qualifiziertes Personal besitzt. Von daher, dass wird sich schon von selbst regeln.
3. Es gibt kein Geschlechterkampf
!!!Fovea!!! 13.11.2012
Nein, es droht erst ein Geschlechterkampf wenn Frauen Straßenfegerinnen, Müllfrauen, Mauererinnen u. v. m. werden. Vorerst ist es ein weitere Akt des typischen Feminismusses, sich nur "die Rosinen herauszupicken". [...]
Zitat von sysopFrauenquoten, wohin man auch blickt - aber was wird aus den Männern? Sie fürchten um ihre Karrieren, wenn tatsächlich so viele Frauen auf Führungsposten gelangen, wie die Unternehmen versprechen. Der Wirtschaft droht ein Kampf der Geschlechter. Frauenquote: Kampf der Geschlechter um Spitzenpositionen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/frauenquote-kampf-der-geschlechter-um-spitzenpositionen-a-863612.html)
Nein, es droht erst ein Geschlechterkampf wenn Frauen Straßenfegerinnen, Müllfrauen, Mauererinnen u. v. m. werden. Vorerst ist es ein weitere Akt des typischen Feminismusses, sich nur "die Rosinen herauszupicken". Gleichstellung muss überall erfolgen, nicht nur in Spitzenpositionen. Leider habe ich bisher noch nie einen Frauentreat gelesen, der sich auch für minderqualifizierte Frauen in den o. g. Berufen einsetzt. Aber da ist es sicherlich leichter, Mutti zu werden und sich von einem treusorgendem Ehemann unterstützen zu lassen.
4.
!!!Fovea!!! 13.11.2012
Frauen wollen mit Männern gleichziehen?! Gut, was macht Frau, wenn Mann sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht, kriegt er dann dennoch den Posten?
Zitat von Leser161Wenn jemand wegen Geschlecht statt Qualifikation einen Job bekommt oder nicht bekommt, ist das a) Diskrimierung b) Schlecht für das unternehmen, dass diskrimiertes statt qualifiziertes Personal besitzt. Von daher, dass wird sich schon von selbst regeln.
Frauen wollen mit Männern gleichziehen?! Gut, was macht Frau, wenn Mann sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht, kriegt er dann dennoch den Posten?
5. woher
eigene_meinung 13.11.2012
Wo sollen denn die vielen qualifizierten Vorstandsfrauen herkommen, wenn in einer Firma 90% der Beschäftigten Männer sind (und zwar nicht, weil diese bevorzugt werden, sondern weil Frauen - aus welchen Gründen auch immer - nur [...]
Wo sollen denn die vielen qualifizierten Vorstandsfrauen herkommen, wenn in einer Firma 90% der Beschäftigten Männer sind (und zwar nicht, weil diese bevorzugt werden, sondern weil Frauen - aus welchen Gründen auch immer - nur selten ein Ingenieurstudium aufnehmen? Soll der Vorstand eines Technikunternehmens irgendwann nur noch aus BWLerinnnen und Marketingerinnen etc. bestehen?

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Männer oder Frauen als Vorgesetzte? Erstaunlichen 57 Prozent der Arbeitnehmer ist das egal. Von den übrigen 43 Prozent würden sich gut drei Viertel für einen Mann entscheiden. Das zeigt zumindest eine Umfrage des Demoskopie-Instituts Allensbach. Für die Studie "Kommunikationsstile und -welten von Männer und Frauen" wurden 1852 Menschen befragt.
Männer und Frauen - die Führungsstile
46 Prozent der Befragten sehen deutliche Unterschiede im Führungsstil. Von ihnen beschreiben 26 Prozent Frauen als einfühlsamer und sensibler, insgesamt also als emotionaler. Kritik kommt auch von den eigenen Geschlechtsgenossinnen: 15 Prozent der befragten Frauen, die sich negativ über Chefínnen äußerten, geben an, dass weibliche Vorgesetzte konkurrenzorientierter auftreten; 12 Prozent beschreiben sie als dominanter und härter als Männer. Von denen wiederum sagen 9 Prozent, dass Frauen an der Spitze glaubten, "sich immer behaupten zu müssen".
Lob und Tadel
Insgesamt halten sich die Vor- und Nachteile im Chef-Gebaren die Waage. Frauen punkten vor allem beim Gespräch: Sie gelten als verständnisvoll, haben häufiger ein offenes Ohr für Probleme und sind großzügiger mit Lob und Anerkennung. Die Hälfte der Befragten sieht es als besondere Stärke, dass weibliche Vorgesetzte auch über ihr Privatleben sprechen. Männliche Vorgesetzte treten hingegen bevorzugt sachlich und bestimmend auf, dulden seltener Widerspruch. Insgesamt sieht die Studie allerdings nur recht geringe Unterschiede in den Urteilen von Mitarbeitern über männliche und weibliche Bosse.

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