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05.12.2012
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Jobdoppel Parfumeur versus Kanalreiniger

"Die Arbeit stinkt mir überhaupt nicht"

Protokolle: Jennifer Hertlein und Felix Scheidl

Zwei Männer, die immer ihrer Nase nach arbeiten. Der Unterschied: Frank Rittler hat es mit Duft zu tun, Daniel Vetter mit Gestank. Der eine ist Parfumeur, der andere reinigt die Kanalisation. Über einen Arbeitsalltag zwischen Rosen und Fäkalien berichten die beiden im Jobdoppel.

Wenn diese beiden etwas riechen, ist das immer ein gutes Zeichen. Beim Düsseldorfer Frank Rittler entsteht ein neuer Duft, und Daniel Vetter aus dem hessischen Weilrod weiß: Das Rohr ist wieder frei! Wie es ist, einen total duften Job zu haben, erzählen Parfumeur und Kanalreiniger hier.

Henkel Fragrance Center Krefeld

Herr seiner Sinne: Frank Rittler steht in seiner Riechorgel und schnuppert

"Schon als ich fünf Jahre alt war, haben mich Düfte fasziniert. Mit meinen Eltern war ich im Urlaub in Bulgarien, wo sehr viel Rosenöl produziert wird. Und ich hatte das Glück, dass ich in der Nähe von Holzminden aufgewachsen bin: Dort sind große Parfumhäuser ansässig. In Deutschland ist 'Parfumeur' keine geschützte Berufsbezeichnung, aber einige Unternehmen bieten eine dreijährige Ausbildung an.

Als ich mit der Schule fertig war, wurden leider keine Auszubildenden gesucht. Es ist ein seltener Beruf. Da chemische Stoffe auch viel mit Parfums zu tun haben, habe ich eben bei einem Parfumhaus eine Lehre zum Chemielaboranten gemacht. Danach suchte mein Arbeitgeber endlich wieder Parfumeur-Azubis - und ich habe mich sofort beworben.

Beim Aufnahmeverfahren wurde der Geruchssinn getestet: Ich habe drei Riechstreifen bekommen und musste herausfinden, welcher der Düfte nicht in die Reihe passt. Oder ich musste den Düften Farben zuordnen und bestimmen, ob sie fruchtig oder blumig riechen. Diese Tests sind wichtig: Manche Menschen können bestimmte Duftstoffe tatsächlich überhaupt nicht riechen.

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Von Beruf Parfümeur: Wenn Düfte zu Farben werden
Die Ausbildung war wie Vokabeln lernen. Als Parfumeur muss man mehr als tausend verschiedene Riechstoffe kennen. Jeden Morgen mussten wir neue Düfte einordnen. Riechen sie blumig, fruchtig, hölzern, grün, gelb, blau? Als ich 50 Stoffe kannte, durfte ich zum ersten Mal ins Labor. Es hieß: Mach was, das nach Rosen duftet.

Als Parfumeur mische ich nicht einfach etwas wild zusammen. Ich habe alle Düfte im Kopf. Zuerst schreibe ich eine Rezeptur, die ich anschließend mische. Genauso kann ich auch ein Parfum, das ich rieche, gedanklich in seine Bestandteile zerlegen. Parfumeur ist ein handwerklicher Beruf. Zunächst muss man lernen, wie es funktioniert. Die Kreativität, selbst Düfte zu komponieren, kommt später. Das ist wie bei einem Musiker: Der muss am Anfang auch Noten lernen; erst danach zeigt sich, ob er sich als Komponist eignet.

In der U-Bahn nur durch den Mund atmen

Mein ausgeprägter Geruchssinn begleitet mich natürlich im Alltag. Ich gehe mit offener Nase durch die Welt - egal, ob im Urlaub, beim Spaziergang durch den Wald oder wenn ich am Rhein jogge. Manchmal habe ich die Nase aber voll, zum Beispiel, wenn es im Sommer in der U-Bahn streng riecht. Ich atme dann nur noch durch den Mund ein, damit ich meine Nase schone.

Ich arbeite nie nur an einem Parfum. Ich entwerfe zum Beispiel gleichzeitig ein Wäscheweich, einen Raumduft oder einen Geruch für eine Creme. Düfte sind überall nötig. Vom Shampoo bis hin zur Parfumierung von Kunststoffen in der Autoindustrie.

Durch meinen Job bin ich in der Welt rumgekommen. Ich habe schon in Asien, Brasilien, Paraguay, Kolumbien und den USA gearbeitet. Es ist wichtig, länderspezifische Duftgewohnheiten kennenzulernen. Ein Blumenduft, der in Malaysia gut ankommt, könnte zum Beispiel in Indonesien an eine Beerdigung erinnern.

Düfte und Parfums sind für Menschen etwas ganz Wichtiges, weil sie Gefühle auslösen - der Duftsinn ist der einzige Sinn, der nicht vom Gehirn kontrolliert wird. Wenn wir etwas Uninteressantes hören, dann haben wir das morgen wieder vergessen. Aber Gerüche werden automatisch mit Emotionen verbunden und abgespeichert, ob wir wollen oder nicht. Wenn man zum Beispiel nach zehn Jahren ein bestimmtes Parfum wieder riecht, dann erinnert einen das immer noch an den ersten Freund oder die erste Freundin.

Gerade weil Düfte so bedeutsam sind, möchte ich nie einen anderen Beruf ausüben. Und mit einem Kanalreiniger könnte ich wohl schon deswegen nicht tauschen, weil meine Nase mit dem Gestank überfordert wäre."

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insgesamt 3 Beiträge
1. Interessant
wennderbenzbremst... 05.12.2012
Was mich wirklich brennend interessieren würde: Wie schafft man es, die Gerüche in Autos so zu konservieren, dass das Auto auch nach langer Zeit noch markentypische Gerüche besitzt? Ein alter Golf riecht immer nach Golf, ein alter [...]
Was mich wirklich brennend interessieren würde: Wie schafft man es, die Gerüche in Autos so zu konservieren, dass das Auto auch nach langer Zeit noch markentypische Gerüche besitzt? Ein alter Golf riecht immer nach Golf, ein alter Mercedes immer nach Mercedes. Natürlich nur, wenn man den Innenraum nicht mit Wunderbäumen zukleistert, oder literweise Parfum darin verschüttet. Bekannte und Freunde stellen bei meinem alten 190er Mercedes immer wieder fest, dass das Auto typisch nach Taxi riecht. Und das obwohl darin geraucht wird (oder gerade deswegen?). Vielleicht liest Herr Rittler ja mit und kann dazu was sagen.
2. Kanalreiniger mit Realschulabschluss?
wdiwdi 05.12.2012
Ich wundere mich nicht mehr, dass Langzeitarbeitslose ohne Qualifikation kaum Jobs finden, wenn schon zur Arbeit als Kanalreiniger lt. Tabelle ein Realschulabschluss Voraussetzung ist....
Ich wundere mich nicht mehr, dass Langzeitarbeitslose ohne Qualifikation kaum Jobs finden, wenn schon zur Arbeit als Kanalreiniger lt. Tabelle ein Realschulabschluss Voraussetzung ist....
3.
statussymbol 05.12.2012
Genau - und wenn man jetzt noch den Artikel gelesen hätte, dann hätte man festgestellt dass der gute Mann offensichtlich zum Großteil mit modernster Technik und am Monitor mit einem Roboter im Wert von knapp einer halben [...]
Zitat von wdiwdiIch wundere mich nicht mehr, dass Langzeitarbeitslose ohne Qualifikation kaum Jobs finden, wenn schon zur Arbeit als Kanalreiniger lt. Tabelle ein Realschulabschluss Voraussetzung ist....
Genau - und wenn man jetzt noch den Artikel gelesen hätte, dann hätte man festgestellt dass der gute Mann offensichtlich zum Großteil mit modernster Technik und am Monitor mit einem Roboter im Wert von knapp einer halben Million Euro rumwerkelt. Dürfte in Verbindung mit dem Gefährdungspotenzial wenn man einen Fehler macht (wenn man den Roboter oder den Kanal beschädigt könnte das teuer werden) also durchaus ein Beruf sein bei dem die nötige Grundqualifikation im Gegensatz zu früheren Zeiten sich gesteigert hat. Finde ich in diesem Fall halbwegs nachvollziehbar. Abgesehen davon wird ein Bewerber vermutlich auch mit einem guten Hauptschulzeugnis nicht zwangsläufig abgelehnt, wenn das Gesamtbild stimmt! So ist das doch in den meisten Jobs heutzutage.

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