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16.11.2012
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Sportler mit Handicap

Wenn die Karriere ins Rollen kommt

Von
DPA

Sie ist Leistungssportlerin, hat in London Gold geholt. Aber trainieren kann sie nur nach Feierabend. Marketingexpertin Gesche Schünemann spielt neben dem Beruf Rollstuhlbasketball auf Spitzenniveau. Vom Sport leben kann bisher fast kein Paralympics-Teilnehmer.

Im September hat Gesche Schünemann, 29, in London mit den deutschen Basketballerinnen eine Goldmedaille gewonnen. Ihr Alltag sieht so aus: Freie Tage verbringt sie in Sporthallen oder unterwegs zu Spielen mit der deutschen Auswahl, 14 Stunden in der Woche investiert sie in ihren Sport. Mindestens. An ihren letzten richtigen Urlaub kann sie sich nicht erinnern.

Kein Zweifel, Schünemann ist Leistungssportlerin. Aber das ist nicht ihr Beruf. Sie arbeitet als Marketing-Referentin bei einem Energiekonzern, Vollzeit. Der Sport läuft nebenher. Das bedeutet: Jeden Tag Training nach Feierabend, dazu kommen die Partien am Wochenende. "Nach einem Arbeitstag noch rüber in die Halle zu fahren, kostet echt Überwindung", sagt Schünemann. "Und das Privatleben kommt ohnehin erst nach dem Karriereende."

Denn ihre Mannschaft, der RSV Lahn-Dill, gehört zwar zu den Spitzenteams der Liga. Aber das R steht für Rollstuhl. Und Behindertensportler können weder Sportsoldat noch Profi werden und so den Sport zum Hauptberuf machen, geschweige denn eine "duale Karriere" als Sportler mit Nebenberuf beginnen.

Kein Medieninteresse, keine Sponsoren

"Für die Sportsoldatenlaufbahn sind Wehrdiensttauglichkeit und Grundausbildung der Bundeswehr Pflicht", sagt Karl Quade, beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) für den Leistungssport zuständig. Dabei treten auch Rollstuhlbasketballer international an: "Wir spielen nicht nur bei den Paralympics. Es gibt die Bundesliga, Welt- und Europameisterschaften - leider ist da das Medieninteresse gering", so Gesche Schünemann. Und darum interessieren sich große Sponsoren nicht für die Athleten - auch diese entscheidende Einnahmequelle, für Profisportler ohne Behinderung normal, fällt weg.

Gesche Schünemann hat Glück mit ihrem Arbeitgeber: Der Konzern unterstützt ihren Sport und ist auch Sponsor ihrer Bundesligamannschaft. So konnte sie während der Paralympics-Vorbereitung "meine Stelle auf 80 Prozent reduzieren, außerdem haben wir Gleitzeit". Trotzdem erwarte man von ihr die gleichen Leistungen wie von allen anderen Mitarbeitern, der Sport sei "nur" Nebensache.

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Rollstuhlbasketball: Wenn Räder die Welt bedeuten

Unterkunft und Reisekosten für Trainingslager und den Paralympics-Aufenthalt in London zahlte der Deutsche Behindertensportverband. "Wir Mannschaftssportler bekommen keinen Arbeitsstundenausgleich vom Verband, darum müssen viele von uns einen finanziellen Ausfall für den Sport in Kauf nehmen", so Schünemann. Daran ändert auch die Goldmedaille wenig. Was Schünemann bekommt: eine kleine Aufwandsentschädigung, etwa für die Fahrtkosten oder das Sportgerät Rollstuhl, und Unterstützung von der Sporthilfe - insgesamt kaum mehr als 200 Euro.

Spielt sie mit ihrer Mannschaft auswärts, etwa in Hamburg oder München, ist das vom hessischen Lahn-Dill aus weit. An manchen Tagen sitzt das Team über vier Stunden im Bus, spielt Basketball, fährt abends zurück. Für Hotelübernachtungen der zwölf Spieler reicht der Etat nicht.

Zweite Sportkarriere im Rollstuhl

Vor ihrer paralympischen Karriere spielte sie auch Basketball, sogar in der zweiten Liga - ohne Rollstuhl. Doch dann kamen zur angeborenen Stoffwechselkrankheit eine schwere Knieverletzung und mehrere Operationen. Schlagartig war's vorbei mit "Fußgänger-Basketball".

Dann stieg sie auf den Rollstuhl um, nur für den Sport. "Wie andere aufs Fahrrad steige ich in den Rollstuhl", sagt Schünemann. Bei den Paralympics war sie daher als "minimalbehindert" eingestuft, im Alltag spürt sie die Instabilität im Knie kaum. Seit 2006 hat sie also eine zweite Sportkarriere. Und weil es auf ihrem Niveau nur wenige Frauen im deutschen Rollstuhlbasketball gibt, spielt sie in der Bundesliga in einer Herrenmannschaft.

Dass es schwierig ist, Behindertensport und Beruf zu vereinbaren, weiß man beim Verband. "Wir haben leider erst spät mit dem Ausbau von dualen Karrieren angefangen", sagt DBS-Mann Quade. "Die Leistungsdichte der paralympischen Athleten hat zugenommen, heute kann man nur noch erfolgreich sein, wenn der Sport der Lebensmittelpunkt ist." Zwar können Athleten mit Behinderung bei Bundesbehörden angestellt werden, sind damit finanziell versorgt und werden problemlos freigestellt - aber diese Möglichkeiten hat momentan nur knapp ein Dutzend behinderte Leistungssportler.

Geld gibt's nur für manche

Als Fortschritt sieht der DBS Förderprogramme wie das "Top Team" mit derzeit rund 60 paralympischen Athleten. Vorteil: Wenn sie fürs Training vom Job freigestellt sind, werden ihre Arbeitsausfälle finanziell ausgeglichen. Gedacht ist die Förderung für besonders erfolgreiche Einzelsportler, neuerdings bis zu vier Jahre lang - aber nicht für Teamsportler wie Schünemann. Mit der kompletten Mannschaft würde das schon aus logistischen Gründen nie funktionieren, erklärt der Verband. Als Schünemann vor den Paralympics zu 80 Prozent arbeitete, erhielt sie auch nur 80 Prozent des Gehalts.

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Quiz zur Olympia-Mannschaft: Welcher Sportler hat welchen Beruf?
Dagegen ist Radsportler Tobias Graf, emsiger Medaillensammler in London, im "Top Team": Für die Paralympics-Vorbereitung konnte er seine Stelle um 30 Prozent reduzieren und sich so 25 Wochenstunden auf den Radsport konzentrieren, ganz ohne finanzielle Einbußen. "Ich habe für Wettkämpfe immer freibekommen", sagt Graf, 28. Als technischer Zeichner bearbeitet er meist langfristige Aufträge, kann sich seine Zeit einteilen. Gegen 15 Uhr macht er Feierabend und steigt aufs Rennrad: "Sport und Beruf sind für mich vereinbar. Reiner Profisport wäre aus meiner Sicht nicht besser. So kann ich mich langfristig um eine Karriere kümmern und muss mir keine Sorgen um das Danach machen."

Wie er denken viele paralympische Athleten: An einer Vollförderung sind vor allem jene nicht interessiert, die gut ausgebildet sind und auf verantwortungsvollen Positionen arbeiten - sich nur auf den Sport zu konzentrieren, wäre für sie ein beruflicher Rückschritt.

Nach den Paralympics: Die Vorbilder kommen

Dennoch sieht Gesche Schünemann anderswo deutlich bessere Bedingungen und erzählt von der niederländischen Nationalmannschaft, die sich sechs Monate lang nur auf den Sport konzentrieren konnte, von den USA mit Rollstuhlbasketball als Teil des Collegesport-Systems und von Business-Class-Flügen der kanadischen Auswahl. Ein deutscher Paralmpics-Goldmedaillengewinner bekam 7500 Euro, halb so viel wie die olympischen Kollegen.

Dennoch tut sich etwas: Der DBS stellte mehr hauptamtliche Trainer ein, zudem dürfen paralympische Athleten nun auch Angebote wie die Physiotherapie oder Laufbahnberatung der deutschen Olympia-Stützpunkte nutzen. Und mehr in Nachwuchsarbeit will man auch investieren, Kooperationen mit mehreren Blindenschulen laufen schon.

In Düsseldorf etwa trainieren paralympische Medaillengewinner wie Thomas Schmidberger im selben Tischtennisleistungszentrum wie Timo Boll. Und Aushängeschilder wie Sprinter Heinrich Popow oder Leichtathletin Vanessa Low sind auch als Werbeträger gefragt. Popow lässt sich inzwischen durch eine PR-Agentur vertreten und könnte wegen seiner vielen Sponsoren schaffen, was anderen DBS-Sportlern versagt bleibt: bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio nur von seinem Sport leben. Als Vollprofi.

Derweil träumt Gesche Schünemann von mehr Freizeit. Nur müsste sie dafür entweder beim Leistungssport kürzertreten oder ihre Marketing-Stelle dauerhaft reduzieren, mit finanzielle Einbußen. Beides kommt für sie nicht in Frage. Die Bundesliga-Saison läuft längst wieder, Wochenendreisen quer durch die Republik iklusive. "Ich will kürzertreten, mir mehr Pausen gönnen", sagt Schünemann. Ans Aufhören denkt sie nicht. 2016 will sie in Rio dabei sein.

 

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insgesamt 2 Beiträge
1. das Leid der falschen Disziplin
spon-facebook-1072325945 16.11.2012
Viele Sportler erbringen international Spitzenleistungen ohne jegliche finanzielle Unterstützung, egal ob mit oder ohne Behinderung. Beim Boogie Woogie beispielsweise müssen die Sportler auch Kosten für Anreise, Hotel, [...]
Viele Sportler erbringen international Spitzenleistungen ohne jegliche finanzielle Unterstützung, egal ob mit oder ohne Behinderung. Beim Boogie Woogie beispielsweise müssen die Sportler auch Kosten für Anreise, Hotel, Wettkampfkleidung, Trainer u.s.w. selbst bezahlen. Alles weil ihre Sportart nichtmal olympisch ist und deshalb auch keine Förderung erfährt. Schade drum, denn in dem Bereich ist Deutschland mit sehr vielen Weltmeisterschaftskandidaten vertreten, von denen man leider nichteinmal etwas in der Zeitung geschweige denn im Fernsehen mitbekommt....
2. optional
kritischprüfen 21.11.2012
Man sieht anhand der kommentare wie hoch das interesse ist. Die olympischen spiele werden beinah rund um die uhr gesendet und. Bei den paralympics muss man gezielt im programm suchen und auch noch zeit haben, da nicht die [...]
Man sieht anhand der kommentare wie hoch das interesse ist. Die olympischen spiele werden beinah rund um die uhr gesendet und. Bei den paralympics muss man gezielt im programm suchen und auch noch zeit haben, da nicht die top-sendezeit zur ausstrahlung benutzt wird! Ich finde paralympische leistungen bemerkenswert! Bemerkenswert arm finde ich die vermarktung! Und dann redet die regierung von mehr integration. Nicht mal in großstätten ist jede bahn, restaurant ect. Behindertenfreundlich!

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