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08.11.2012
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Erste Hilfe Karriere

Und dann kamen die Manager

DPA

Es gibt Leute, die Arbeit erledigen. Und es gibt Manager, die diese Arbeit organisieren - das erscheint heute ganz selbstverständlich. Ist es aber nicht. Berufsberaterin Uta Glaubitz schildert, wie sich das Managen erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausbreitete und wie es die Arbeit veränderte.

Kürzlich riet der Chef der Piratenpartei, Bernd Schlömer, seinem Geschäftsführer Johannes Ponader, er solle mal arbeiten gehen, anstatt Modelle zur Umgehung der Berufstätigkeit zu ersinnen. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Bleibt die Frage: Was könnte Ponader arbeiten? Welcher Beruf würde zu ihm passen?

Ponader hat kein abgeschlossenes Studium, aber ist Theaterpädagoge. Da der ehemalige bekennende Hartz-IVer vermutlich eine Führungsposition anstrebt, kämen vielleicht Aufgaben als Projektmanager in Frage. Der dazu benötigte Wortschatz besteht aus Prozess, Projekt, Potential, Evaluation, Kompetenz, Change, Performance, Management. Woraus sich weitere berufliche Optionen wie Prozess-, Qualitäts- oder Changemanager ergeben. Falls er programmieren kann (was man von der digitalen Intelligenzija ja irgendwie erwartet), könnte auch IT-Manager in Frage kommen. Somit hätte er einen Beruf, mit dem er die Öffentlichkeit entlastet - finanziell und auch sonst.

Jahrtausendelang bedeutete Arbeit Viehzucht, Ackerbau, Bauen, Kochen, Schneidern und Handeln. Heute hat sich ein Überbau aus Management darüber gewölbt. Dort werden Ziele vereinbart und Prozesse aufgesetzt, dargestellt und evaluiert. Man entwickelt Teams beziehungsweise steuert Teambuildingprojekte und evaluiert Zielerreichungsprozesse. Die Evaluierung ist wieder ein Projekt, das einen Projektmanager braucht, so wie die Installierung eines guten Projektmanagements einen Facilitator. Man könnte die Sache weiterspinnen: Was ist mit einem Evaluationskompetenzentwickler oder einem Risikomanagementtrainer?

Es gab Ziele ohne Kick-off-Workshop und Total Quality Management

Natürlich gab es auch früher Ziele. Die erreichte man ohne Kick-off-Workshop, Nachhaltigkeitsdialog oder Total Quality Management. Entscheidungen wurden nach Fachwissen und Berufserfahrung gefällt, nicht nach Managementtools oder Kennzahlen. Die Hoechst AG beispielsweise leiteten seit der Gründung 1863 Chemiker. Mit großem Erfolg: Zeitweise war Hoechst das größte Pharmaunternehmen der Welt.

Mit Jürgen Dormann kam 1994 erstmals ein Wirtschaftswissenschaftler an die Macht. Damit wurde die eigentliche Arbeit unter eine Art Meta-Arbeit gestellt. Das Gerüst des Konzerns waren nicht mehr Farben, Kunststoffe und Medikamente, sondern Renditeziele, Strukturveränderung und Matrixorganisation. Zu meiner eigenen Abiturzeit (1985) galt als ausgemacht: Nur wer BWL studiert, hat beruflich eine Chance. Später kam der Hype um die MBA-Abschlüsse dazu.

Das sind die Vorüberlegungen zur heutigen Folge meiner Reihe "Ist der Mensch zum Arbeiten gemacht?" Und ich frage weiter: Oder vielleicht eher zum Managen? Gibt es überhaupt noch Leute mit richtigen Berufen, oder sind wir längst alle Manager? Ich frage Christoph Bartmann, Direktor des Goethe-Instituts in New York. Sein Buch "Leben im Büro" sieht den Ausgangspunkt für den Glauben an die Segnungen des Managements im Zweiten Weltkrieg.

Die Landung der alliierten Truppen in der Normandie hatte allen kriegführenden Parteien die haushohe Überlegenheit der Amerikaner in Sachen Kriegsmanagement und Truppenlogistik demonstriert. Nach dem Sieg strömten die jungen Soldaten auf den Arbeitsmarkt und importierten ihre kriegserprobten Managementinstrumente in die Unternehmen.

Alles kann Projekt sein

Seitdem, so Bartmann, heißt Arbeit Projekt, und Projekt bedeutet Managen: "Es gibt nichts im Büro, was nicht Projekt sein könnte. Und wer Projekt sagt, der sagt auch Projektmanagement, Projektleitung, Projektfortschritt, ganz so, als sollte hier mindestens ein weiterer Tunnel unter dem Ärmelkanal gegraben werden." In erster Linie werde nicht mehr gearbeitet, sondern über Arbeit geredet.

Damit könne man glücklicherweise nicht viel falsch machen. Denn niemand würde Sätzen widersprechen wie "Das hätte längst evaluiert werden müssen" oder "Die Tools müssen überhaupt erstmal richtig implementiert werden". Wir fühlen uns verpflichtet, an Sätze zu glauben wie "Wir müssen uns strategisch entschiedener positionieren, sonst ist unsere Visibilität gefährdet" oder "Wir brauchen ein neues Prozessmanagement für unsere Managementprozesse". Man kann das Betriebswirtschaft nennen. Bartmann nennt es Ideologie.

Sprachhistorisch betrachtet sind Manager Leute, die Dinge nicht selber tun, sondern von einer überlegenen Warte aus das reibungslose Funktionieren komplexer Prozesse sicherstellen, nicht zuletzt durch Kommunikation. Dadurch bekommt das Präsentieren, Darstellen und vor allem das Sich-Selbst-Darstellen einen ganz neuen Wert, so Bartmann. Man präsentiert Powerpoint-Folien (nicht ohne darauf hinzuweisen, wie megaout Powerpoint-Präsentationen eigentlich sind), geht zum Rhetorikkurs und zum Erfolgscoach, gerade so, als könne man sich durch Präsentationsskills und Sozialkompetenz das Fachwissen sparen. Gar nicht so schlechte Voraussetzungen also für einen Theaterpädagogen aus einer Partei ohne Programm.

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insgesamt 44 Beiträge
1. Arbeitsverhinderer
eigene_meinung 08.11.2012
... und diese Manager, die eigentlich nichts Gescheites gelernt haben und nichts können, bekommen jede Menge Geld dafür, dass sie intelligente, fleißige, erfahrene Menschen von der Arbeit abhalten bzw. ihnen die Arbeit [...]
... und diese Manager, die eigentlich nichts Gescheites gelernt haben und nichts können, bekommen jede Menge Geld dafür, dass sie intelligente, fleißige, erfahrene Menschen von der Arbeit abhalten bzw. ihnen die Arbeit erschweren. Ohne diese Produzenten heißer Luft würde es vielen Firmen weitaus besser gehen - und auch den Menschen.
2. Nicht ganz so einfach...
susuki 08.11.2012
Ein intelektueller Überbau kann einer Firma nicht schaden. Die Kritik an den MBA (auf dem Postweg zu erhalten) und den BWL an der Firmen-Spitze kann ich zustimmen. Die Kompetenz eines BWL gehört ins [...]
Ein intelektueller Überbau kann einer Firma nicht schaden. Die Kritik an den MBA (auf dem Postweg zu erhalten) und den BWL an der Firmen-Spitze kann ich zustimmen. Die Kompetenz eines BWL gehört ins Rechnungswesen/Controling und nicht in die GL. Die Kompetenz der GL muss die Mehrung des Nutzens der Firma sein. Dies kann man nicht an eine Projektgruppe oder Stab auslagern.
3.
billger 08.11.2012
Naja, der Artikel enthält aber auch jede Menge Vorurteile. Die Arbeitswelt ist heutzutage ungemein komplex geworden, ohne Projektmanager geht es nicht mehr. Man stelle sich ein Symphonieorchester ohne Dirigenten vor. Dass [...]
Zitat von sysopIn erster Linie werde nicht mehr gearbeitet, sondern über Arbeit geredet
Naja, der Artikel enthält aber auch jede Menge Vorurteile. Die Arbeitswelt ist heutzutage ungemein komplex geworden, ohne Projektmanager geht es nicht mehr. Man stelle sich ein Symphonieorchester ohne Dirigenten vor. Dass eine Bürokratie schnell ausufern kann, ist auch klar. Unternehmen müssen sich - bei Strafe ihres eigenen Untergangs - ständig verändern und anpassen. Diese Prozesse müssen in der Regel abteilungsübergreifend organisiert werden. Wer sollte das tun, außer ein Projektmanager?
4. Ja treffend analysiert.
Trolf77 08.11.2012
Da keimt doch Hoffnung auf, wenn die Berufsberaterin Frau Glaubitz, deren eigene Funktion eine quasi 100%ige Ausgeburt der hier ironisch völlig zutreffend aufs Korn genommenen Entwicklung ist, zu der Erkenntnis gelangt, dass [...]
Da keimt doch Hoffnung auf, wenn die Berufsberaterin Frau Glaubitz, deren eigene Funktion eine quasi 100%ige Ausgeburt der hier ironisch völlig zutreffend aufs Korn genommenen Entwicklung ist, zu der Erkenntnis gelangt, dass fachwissenfreies Management per se komplett überflüssig ist. Bravo dafür.
5. Gut geschrieben,
gaiusbonus 08.11.2012
und trifft den Kern auf unterhaltsame Weise. Das ganze hat etwas mysteriöses, so wie beispielsweise die Geldschöpfung ... jeder weiß das es quatsch ist, aber es funktioniert solange alle Protagonisten mitmachen.
und trifft den Kern auf unterhaltsame Weise. Das ganze hat etwas mysteriöses, so wie beispielsweise die Geldschöpfung ... jeder weiß das es quatsch ist, aber es funktioniert solange alle Protagonisten mitmachen.

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Zur Autorin

  • Foto: D. Stratenschulte
    Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite:
  • Berufsfindung.de

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