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12.11.2012
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Firmenlenker auf Droge

"Ein süchtiger Top-Manager wird erpressbar"

Corbis

Schnell aufs Meeting vorbereiten: Trinkende Manager sind gefährlich für ihre Firma

Alkohol, Kokain, Speed: Nimmt der Chef Drogen, bleibt das oft lange unbemerkt - die Folgen für die Firma können dramatisch sein. Hartmut Stepputtis hilft Managern mit Suchtproblemen. Im Interview erklärt der erfahrene Coach, warum gerade Bosse überraschend hilflos sind.

KarriereSPIEGEL: Herr Stepputtis, Sie sind Managementcoach und begleiten seit rund zehn Jahren auch Führungskräfte mit Suchtproblemen, darunter Spitzenpersonal großer Unternehmen. Warum braucht es ein besonderes Angebot für süchtige Bosse?

Stepputtis: Einem Dax-Vorstand, Chefarzt oder Richter stehen dieselben Türen offen wie jedem anderen mit einem Suchtproblem: Beratungsstellen, Ärzte, Entzugskliniken, Therapieeinrichtungen. Aber aufgrund ihrer Prominenz fremdeln Führungskräfte an der Spitze des Managements mit dem etablierten Hilfesystem. Sie fürchten, öffentlich bloßgestellt zu werden. Das macht sie überraschend hilflos und führt zu einem schwereren Verlauf der Suchterkrankung.

KarriereSPIEGEL: Um wie viele Top-Manager geht es?

Stepputtis: Die Bundesdrogenbeauftragte nennt im letzten Bericht insgesamt 1,3 Millionen Alkoholkranke und 1,4 Millionen Medikamentenabhängige. Man geht davon aus, dass in jeder Gesellschaft etwa fünf Prozent der Menschen süchtig sind. Ich sehe keinen Grund, warum der Anteil bei Führungskräften geringer sein sollte. Eher liegt er höher.

KarriereSPIEGEL: Warum?

Stepputtis: Die Position an der Spitze ist oft einsam. Chefs werden stark über ihre Rolle, aber wenig als Person wahrgenommen. Das Umfeld gibt ihnen nur selten rückhaltloses Feedback, sie glauben, sich niemandem anvertrauen zu können. Solche Stressfaktoren können mit einer guten Eigenfürsorge ausgeglichen werden: Alle Schritte, mit denen jemand seine Lebensqualität verbessert, bis hin zur Selbstrettung, indem man Stress vermeidet oder professionelle Hilfe sucht. Wer zur Eigenfürsorge nicht in der Lage ist, hat zumindest eine offene Flanke und greift eher zu Drogen als andere.

KarriereSPIEGEL: Haben Chefs ein besonderes Suchtverhalten?

Stepputtis: Eigentlich nicht. Es fällt allerdings auf, wie lange es diesem Personenkreis gelingt, Sucht und Berufstätigkeit gleichzeitig zu bedienen, was mit der besonderen Stellung im Machtsystem der Betriebe zu tun hat. Auch ein VW-Fließbandarbeiter versucht mit allen Mitteln, sein Suchtverhalten zu verstecken. Dennoch wird er von seinen Vorgesetzten viel eher darauf angesprochen als ein Abteilungsleiter, CEO oder Vorstand. Noch schwieriger wird das bei Menschen, die tatsächlich Nummer 1 einer Hierarchie sind: Unternehmer oder selbständige Mediziner. Für die Führungskraft ist dieser Unterschied gefährlich, denn die Sucht kann sich länger im Verborgenen entwickeln.

KarriereSPIEGEL: Welche Gefahren gibt es noch?

Stepputtis: Top-Manager werden von vielen angegriffen, aber nur von wenigen verteidigt oder getröstet. Wird dieser fehlende passive Druckausgleich nicht durch aktive Eigenfürsorge ersetzt, gewinnen Suchtmittel an Bedeutung. Zudem sind Manager meist besonderem Stress ausgesetzt. Gerade bei knapper Zeit ist die Versuchung groß, Probleme mit Hilfe von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen auszuknipsen.

KarriereSPIEGEL: Aber es wird doch nicht jeder süchtig, der mehr Verantwortung im Beruf übernimmt.

Stepputtis: Natürlich nicht. Ob es so weit kommt, hängt von vielen persönlichen Faktoren ab, vom Umfeld, von der psychischen Konstitution und Widerstandsfähigkeit, auch von genetischen Voraussetzungen. Aber die Ausgangslage in Spitzenpositionen ist gefährlich. Die schwierige Lage zwischen Eigentümeransprüchen, wirtschaftlichem Erfolg, medialem Druck und sozialer Verantwortung für die Arbeitsplätze kann sich zu einer unermesslichen Belastung verdichten.

KarriereSPIEGEL: Sollten Leute, die zum Chef aufrücken, nicht besonders belastbar sein?

Stepputtis: Das wäre ideal. Aber die Spitzenpositionen werden oft mit den Loyalsten besetzt oder denen, die nicht widersprechen, anstatt mit den Fähigsten und Stärksten. Und erstaunlich oft erhalten Manager keinerlei Führungsausbildung. Je weiter sie aufsteigen, desto weniger sind sie aber als Fachleute gefordert, sondern in der neuen Rolle als Chef. Wer dann auch noch unfähig ist zu delegieren, lebt im Zustand permanenter Überlastung. Da gelingt es kaum, außerberufliche Lebensbereiche zu pflegen. Die Psyche gerät aus dem Gleichgewicht.

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KarriereSPIEGEL: Welche Drogen sind typisch?

Stepputtis: Die legale Droge Alkohol, die ja im Geschäftsleben immer noch eine große Rolle spielt, steht klar an erster Stelle. Nahezu gleichauf sind Arzneimittel: von Beruhigungs- und Schlafmitteln über Psychopharmaka, die oft zur Selbstbehandlung von Angststörungen und Depressionen eingesetzt werden, bis zu Psychostimulantien wie Ritalin, von denen man sich eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit erhofft. Im Bereich der illegalen Drogen trifft man bei dieser Personengruppe Leistungssteigerer wie Speed oder Kokain an sowie Tranquilizer, also Dämpfer.

KarriereSPIEGEL: Welche Folgen haben Suchtprobleme von Führungskräften für Unternehmen und ihre Belegschaften?

Stepputtis: Es gibt Schätzungen, dass die Leistungsfähigkeit einer süchtigen Führungskraft um 30 Prozent und mehr sinkt. Ein süchtiger Top-Manager ist eine Gefahr für das Unternehmensimage. Aber vor allem wird das Führungssystem empfindlich beschädigt, weil es plötzlich versteckte Zielsetzungen gibt, die nur mit der Sucht des Einzelnen zu tun haben - von unlogischen Meeting-Unterbrechungen bis zur Auswahl von gefügigen, unkritischen Mitarbeitern. Der Süchtige wird erpressbar, was zu Aggressionen und nicht nachvollziehbaren Entscheidungen führt. In der Folge verlassen gute Mitarbeiter das Unternehmen. Außerdem wird das direkte Umfeld co-abhängig.

KarriereSPIEGEL: Was bedeutet das?

Stepputtis: Wer etwas von der Sucht des Chefs mitbekommt, muss sich irgendwie dazu verhalten. Um Ärger zu vermeiden, decken viele Kollegen den Süchtigen, hadern aber mit dieser Rolle, weil sie sich mitschuldig fühlen. Das fängt schon beim Wegschauen und Kleinreden an. Oft schützen sie sogar die Sucht des Vorgesetzten, indem sie Ausreden gegenüber Außenstehenden erfinden.

KarriereSPIEGEL: Es ist sehr verbreitet, über zunehmenden beruflichen Stress zu klagen, Stichwort Burnout. Besteht da ein Zusammenhang?

Stepputtis: Chronischer Stress kann eine Sucht mit auslösen. Aber nicht jeder, der wachsenden Leistungsdruck empfindet, wird tatsächlich süchtig oder erleidet einen Burnout. Nur fehlt süchtigen Führungskräften eben häufig die Fähigkeit, den Stress konstruktiv abzubauen.

KarriereSPIEGEL: Wie sieht Ihre Hilfe aus?

Stepputtis: Nach einer Kennenlernphase, in der wir die Suchtproblematik genau beleuchten, helfe ich, eine passende Entwöhnungsbehandlung in einer Suchtklinik zu finden. Nach dem erfolgreichem Abschluss der Therapie beginnt das eigentliche Sucht-Coaching. Sie müssen wissen: Führungskräfte haben meist nicht die Zeit, sich für mehrere Monate aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Sie wollen nach der Therapie wieder zurück ins Büro - aber das ist halt auch der Ort ihrer Sucht. Es ist eine unglaubliche Herausforderung, in dieser Umgebung nicht wieder rückfällig zu werden.

KarriereSPIEGEL: Sie müssen abstinent bleiben, wenn alle anderen anstoßen.

Stepputis: Schon, aber Abstinenz ist nur ein notwendiges Mittel meiner Zusammenarbeit mit dem Klienten. Das Ziel ist, zu einer dauerhaft höheren Lebensqualität ohne Drogen zu kommen. Nur so ist für meine Klienten abstinentes Leben attraktiv. Auf dem Weg zu diesem Ziel stehe ich als begleitender Partner zur Verfügung, mit regelmäßigen Treffen unter vier Augen, auch telefonisch rund um die Uhr. Das ist die ideale Form der Therapie-Nachsorge, wie sie jeder Süchtige bräuchte, aber nur wenige können sich das leisten.

KarriereSPIEGEL: Nehmen Sie jeden, der zu Ihnen kommt?

Stepputtis: Zunächst ja. Natürlich muss wie bei jedem Coaching die Chemie stimmen. Aber in der Kennenlernphase prüfe ich auch die Veränderungsmotivation des Klienten. Wenn die nicht ausreichend vorhanden ist und sich auch nicht in der Zusammenarbeit entwickelt, brechen wir im gegenseitigen Einverständnis den Ausstiegsversuch ab.

KarriereSPIEGEL: Wie geht es nach der Entwöhnung weiter?

Stepputtis: Der Klient muss sich Ziele stecken: wie er die Problemlagen auflösen will, die ihn in die Sucht getrieben haben, oder was er tun will, um sich von seinen Suchtmitteln fernzuhalten.

KarriereSPIEGEL: Konzernbosse lassen sich von Ihnen einfach vorschreiben, was sie zu tun haben?

Stepputtis: Ich schreibe niemandem etwas vor, da käme ich in Teufels Küche. Meine Aufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen und den Klienten zur Übernahme der Eigenverantwortung zu aktivieren. Ich frage: 'Warum kommen Sie gerade mit dem Druck in diesem Meeting nicht zurecht?' - 'Weil Schmitt regelmäßig vor versammelter Mannschaft unterschwellig meine Rolle in Frage stellt.' - 'Was werden Sie ändern?' - 'Hm, ich werde ihn wohl unter vier Augen sprechen müssen.' Dann vereinbaren wir Ziele für dieses Gespräch: was genau er erreichen will, bis wann er es geführt haben will.

KarriereSPIEGEL: So kleinteilig gehen Sie vor?

Stepputtis: Wenn er sich um den Gesprächstermin drückt, muss er sich und mir das beim nächsten Treffen erklären. Er steht damit in der Pflicht. Etwa auch mit Selbstverpflichtungen zur eigenen Arbeitszeit und zur Work-Life-Balance. Wichtig ist, dass der Veränderungswunsch und die Lösungsvorschläge vom Betroffenen kommen. Druck von außen hilft zwar häufig, den ersten Schritt aus der Sucht zu gehen. Für den schweren Weg ist äußerer Druck allein aber nicht ausreichend.

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insgesamt 32 Beiträge
1. Unbemerkt ?
gracie 12.11.2012
Glaube ich kaum, vor allem nicht bei Menschen die sich mit diesen Produkten auskennen. Entweder weil sie selbst nehemen oder weil sie es aus ihrem Umkreis kennen. Für wie blöd oder naiv hält man eigendlich seine Angestellten ? [...]
Glaube ich kaum, vor allem nicht bei Menschen die sich mit diesen Produkten auskennen. Entweder weil sie selbst nehemen oder weil sie es aus ihrem Umkreis kennen. Für wie blöd oder naiv hält man eigendlich seine Angestellten ? Wir leben nicht mehr in den 50er Jahren und nur weil niemand was sagt, heisst es noch lange nicht dass man nichts mitbekommt !
2. Die Schnee auf dem wir alle talwärts fahren
notebook20000 12.11.2012
Mein Chef wurde schon mehrfach auf Partys bei der Konsumeirung dieser Ware beobachtet.
Mein Chef wurde schon mehrfach auf Partys bei der Konsumeirung dieser Ware beobachtet.
3. Chef hin Chef her
zephyros 12.11.2012
auch er oder sie wird sich, wie jeder andere Süchtige, seiner Sucht stellen müssen, lernen müssen demütig zu sein, die Tatsache schätzen zu lernen, am leben zu sein. Ob er dazu unbedingt einen (hochbezahlten?) Coach braucht [...]
auch er oder sie wird sich, wie jeder andere Süchtige, seiner Sucht stellen müssen, lernen müssen demütig zu sein, die Tatsache schätzen zu lernen, am leben zu sein. Ob er dazu unbedingt einen (hochbezahlten?) Coach braucht ist fragwürdig. Zielführender, weil der Schritt zur Demut kürzer ausfällt, wäre sicherlich eine suchttherapeutische Einrichtung. In solchen Einrichtungen spielt es nämlich keine Rolle, ob der Süchtige vorher Chef war, oder arbeitslos. Entscheidend ist die Auseinandersetzung des betroffenen Menschen mit seiner Sucht und anderen Süchtigen.
4. .
TS_Alien 12.11.2012
Ehrlich gesagt ist es mir egal, ob eine Führungskraft 30 % oder weniger an Leistungsfähigkeit durch Drogen verliert. Ich will keine Führungskraft mit Drogenproblemen. Wer drogensüchtig ist, der hat eine Charakterschwäche. Und [...]
Ehrlich gesagt ist es mir egal, ob eine Führungskraft 30 % oder weniger an Leistungsfähigkeit durch Drogen verliert. Ich will keine Führungskraft mit Drogenproblemen. Wer drogensüchtig ist, der hat eine Charakterschwäche. Und ist u.U. kriminell. Selbst bei 100 % Leistung ist das ein Grund, das Arbeitsverhältnis zu beenden oder zumindest ruhen zu lassen.
5. Unbemerkt?
Peter_Lublewski 12.11.2012
Gerade Alkohol bleibt oft und lange unbemerkt? Sind da die jeweiligen Angestellten blind und haben ihren Geruchssinn verloren?
Zitat von sysopCorbisAlkohol, Kokain, Speed: Nimmt der Chef Drogen, bleibt das oft lange unbemerkt - die Folgen für die Firma können dramatisch sein. Hartmut Stepputtis hilft Managern mit Suchtproblemen. Im Interview erklärt der erfahrene Coach, warum gerade Bosse überraschend hilflos sind. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/chefs-und-drogen-was-manager-in-die-sucht-treibt-a-866193.html
Gerade Alkohol bleibt oft und lange unbemerkt? Sind da die jeweiligen Angestellten blind und haben ihren Geruchssinn verloren?

Zur Person

  • Der Psychotherapeut Hartmut Stepputtis (Jahrgang 1955) hat sich vor zwölf Jahren als Managementcoach selbständig gemacht, spezialisiert auf Top-Manager. Zuvor war er sechs Jahre Geschäftsführer und therapeutischer Leiter einer Suchtklinik. Sein Berufsleben startete er bei der Bundeswehr, wo er nach einem Pädagogikstudium als Hubschrauberpilot eingesetzt war. Weitere Informationen zu Suchtproblemen und seinen Angeboten bietet die Seite Suchtcoach.de.

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