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15.11.2012
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Von Beruf Parfumeur

Die Supernasen

Von Anne Haeming
Lubin Paris

Wer Ackerminze vom Duft der Bergamotteminze unterscheiden kann, hat den richtigen Riecher. Und könnte eine Karriere als Parfumeur einschlagen - wie der Franzose Jean-Claude Ellena. "Der geträumte Duft" vermittelt einen Eindruck von diesem Beruf, wie er im Buche steht.

Nehmen wir an, Sie fahren jedes Jahr nach Grasse in Urlaub, in die "Weltstadt der Nasen". Und nehmen wir weiter an, Sie haben Patrick Süskinds "Das Parfum" mehrmals gelesen, können die Dialoge in Tom Tykwers Filmversion auswendig mitsprechen und finden das Talent des Protagonisten Jean Baptiste Grenouille als mörderische Supernase nicht gruselig, sondern einfach beneidenswert: Sie finden Parfum wohl dufte, was? Oder eher Parfumeure?

Jean-Claude Ellena hatte schon früh den, nun ja, richtigen Riecher für diesen Beruf, der abstrakte Kunst und konkretes Handwerk zugleich ist. Die Entwicklung seiner Kreationen, Ideen, Inspirationen hält er in seinem Arbeitstagebuch fest. Auszüge daraus sind nun auf Deutsch als Buch erschienen. Es ist zum Glück nicht so kitschig wie der Titel "Der geträumte Duft" - Ellenas Herangehensweise ist so angenehm nüchtern, reflektiert und präzise, wie keiner vermuten würde, der aus Angst vor einem Duftkoller keinen Fuß in eine Parfumerie setzt.

Seiner Expertise kann man trauen: Er dachte sich Düfte für die großen französischen und italienischen Luxusmarken aus, etwa für Yves Saint Laurent, Bulgari und Giorgio Armani. Heute ist er Chefparfumeur bei Hermès, auf sein Konto geht auch "Terre d'Hermès". Der Markt ist groß; fast drei Viertel der Deutschen greifen regelmäßig zum Parfum. Und jetzt, wo sogar Brad Pitt für ein Frauenparfum wirbt, werden es wohl noch mehr.

Ellenas Berufsweg lag quasi direkt vor seiner Nase: Sein Vater war Parfumeur, sein Bruder und seine Tochter haben das Talent ebenfalls geerbt. Und wenn Sie Duftnoten mühelos zwischen blumig, orientalisch oder Zitrus sortieren und den Geruch von grüner Minze, Pfefferminze, Poleiminze, Ackerminze und Bergamotteminze unterscheiden können - dann sind Sie anderen eine Nasenlänge voraus, und "Parfumeur" wäre vielleicht eine Karriereoption.

Ähem: riechen. Und noch mal nachriechen. Sich inspirieren lassen. Testreihe um Testreihe mit Minze und Bergamotte, Minze und Cassis ansetzen. Mit artifiziellen Bestandteile, den Duft der Platterbse nachzubauen, in vielen unterschiedlichen Mengenverhältnissen. An Papierstreifen riechen. Immer wieder neue Formeln aufschreiben. Und geduldig sein.

Apropos Geduld: Wer sich an Ellena ein Beispiel nimmt, der lässt nicht locker. Bis Entwürfe auf den Markt kommen, kann es Jahre dauern, so lange stehen sie im Kühlschrank und werden immer weiter adaptiert. Zur Arbeitslektüre gehört neben "L'Esthetique en question" des Parfumgotts Edmond Roudnitska auch Nikolai Gogols grotesker Novellen-Klassiker "Die Nase".

Ja. Und solche Arbeitspausen kann man sich gefallen lassen. Wenn zum Beispiel Ellena mit seiner Frau mittags schnell mal über die Grenze nach Italien fährt und auf dem Markt Birnen entdeckt. Und die Früchte in die Hand nimmt, um besser daran schnuppern zu können, sich den Geruch einzuprägen. Und dann vom Obstverkäufer zu hören bekommt: Nur gucken, nicht anfassen!

Da ist die allgegenwärtige Parfumwerbung - Frauen mit wehenden Haaren, überall Sepiatöne, aus dem Off sonore, hauchende, gurrende Stimmen. Bestimmt ist auch die Sprache von Parfumeuren verdammt poetisch… Denkste! Wa er wahrnimmt, reduziert Ellena permanent auf seine chemischen Bestandteile. Auf Phenylethylalkohol, Ambroxan, Iso E, Salycitat. "Duftkörper" eben, also fast schon wieder poetisch. Bei Ellena gibt es eben beide Seiten, das ist Teil der Berufsidentität, denn: "Die Chemie ist es, die dem Parfumeur Ende des 19. Jahrhunderts erlaubte, zum Künstler zu werden, weil sie ihn von den Zwängen der Natur befreite."

Alptraum für so einen Allesriecher: Im Flugzeug trägt ein Sitznachbar den Duft des Parfumeurs, doch die Zigaretten-Knoblauch-Ausdünstungen sind einfach stärker. Zu dumm, dass man als Parfumeur Gerüchen nie aus dem Weg gehen kann. Schweiß, Atem, Alkohol, sie sind überall. Man kann sie nicht "überriechen". Und analysiert jeden Duft sofort und zerlegt sie in ihre Bestandteile.

Ellena hat sein Labor in Cabris, in Südfrankreich - nicht in Paris im Firmenhauptsitz des Luxuslabels. Da hat er seine Ruhe vor dem tagtäglichen Kleinklein und kann sich darauf konzentrieren, Neues zu schaffen. Kopierer und Kaffeemaschinen gibt's natürlich, aber eben auch einen unfassbar tollen Ausblick.

Für alle, die leuchtende Augen bekommen, wenn sie an den Chemiebaukasten damals zum Weihnachtsfest denken: Jean-Claude Ellena hat jede Menge Düfte in ihre chemischen Bestandteile zerlegt, auf dass man die Essenzen selbst ausprobiere und das Imitat eines natürlichen Geruchs nachbaue. Nehmen Sie also drei Papierstreifen, tunken sie in Beta-Ionon, in Heliotropin oder Piperonal und zum Schluss in Benzaldehyd. Und, was riechen Sie? Kirsche? Lilie? Oder doch Karamell?

Wenn Sie das nächste Mal in der Parfumerie in der Fußgängerzone Ihres Vertrauens vorbeiriechen, werden Sie sich dabei ertappen, einzelne Düfte in ihre Bestandteile zerlegen zu wollen. Na dann viel Glück. Aus Ellenas Feder klingt sein Job derart selbstverständlich, dass man fast vergisst, wie viel Instinkt und Begabung dazu gehören. Wovon Ellena schreibt, kann man oft kaum nachvollziehen - weil man es nicht riecht. Abgesehen vom neuen Buchparfüm "Paper Passion" des Steidl-Verlags gilt eben: Bücher duften nur nach Papier.

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