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25.11.2012
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Arbeitgeber Stiftung Warentest

Spielplatz für Erwachsene

DPA

Den Rasenmäher mit Steinen malträtieren, Krümel in den Teppich treten oder 19 Paar Turnschuhe kaufen - die Arbeit bei der Stiftung Warentest klingt spaßig. Sie kann aber ganz schön anstrengend sein. Und reden dürfen die Mitarbeiter auch nicht darüber.

Bezahlt werden fürs Shoppen - klingt nach einem Traumjob. Richtig begeistert wirkt der Mann mit Jeansjacke und schwarzer Schirmmütze im Imagefilm der Stiftung Warentest aber nicht. "Ich versuche, möglichst unauffällig zu bleiben und mich nicht in Fachgespräche verwickeln zu lassen", sagt er. Das Portemonnaie hat er voller Bargeld, 19 Paar Turnschuhe soll er kaufen. Kreditkarten würden Daten hinterlassen - und keine Spur soll zu seinem Arbeitgeber führen. Deshalb darf er auch sein Gesicht nicht zeigen, seinen Namen nicht nennen.

292 Menschen arbeiten für die Stiftung Warentest, als Einkäufer, Kontrolleure, Journalisten. Es sind Mathematiker dabei, Lebensmittelchemiker, sogar ein Theologe. Sie kennt kaum jemand, ihren Arbeitgeber fast jeder: "Wir haben in der Bevölkerung einen Bekanntheitsgrad von 94 Prozent", sagt Sprecherin Heike van Laak. Das entspreche ungefähr dem Wert von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auch von den Verkaufszahlen der Zeitschrift "Test" können viele Magazine nur träumen: 400.000 Abonnenten, 60.000 verkaufte Einzelhefte pro Monat.

Für den Erfolg ist Verschwiegenheit das oberste Gebot. Er habe sich damit abgefunden, "nicht alles zu Hause erzählen zu dürfen", sagt ein Prüfer im Testlabor in Sachsen. "Gespaltene Persönlichkeiten sind wir deshalb aber nicht."

Er arbeitet in der Abteilung für Elektromagnetische Verträglichkeit, kurz EMV. Auf einem Prüfstand rollt ein Elektrofahrrad neben einer riesigen, liegenden Eieruhr über kleine Walzen. Die Eieruhr entpuppt sich als Antenne, die für unsichtbare Felder sorgt. "Stellen Sie sich vor, Sie stehen mit dem E-Rad an einer Kreuzung. Neben Ihnen hält ein Auto, beim Fahrer klingelt das Handy. Plötzlich fährt Ihr E-Rad von selbst los, auch bei roter Ampel", erklärt der Laborleiter den Test.

500-mal über die Türschwelle

Nebenan schmeißt der Chef-Akustiker den Staubsauger an. Der Raum hat eine Nachhallzeit von bis zu zwölf Sekunden. Auch ein Zimmer gänzlich ohne Schall gibt es - trocken und ruhig wie eine windstille Wüste. Hier werden Lautstärke und Frequenzlage gemessen. Auch "psychoakustische Informationen" fließen in die Wertung ein: Die Tester geben an, ob die Geräusche von Staubsauger oder Waschmaschine nerven.

Manche Apparate in den Testlabors wirken so, als hätte James Bonds Chefentwickler Q sie entworfen. Beim Staubsauger-Test streut ein fahrbarer Schlitten Sand auf einen roten Teppich, der Dreck wird ordentlich ins Gewebe eingewalzt. Dann nähert sich wie von Geisterhand gesteuert ein Staubsauger. An der Düse glitzern LED-Lampen - kein Krümel soll verborgen bleiben.

Der Sauger geht mehrmals über die verschmutzte Stelle hinweg. Mit bloßem Auge wirkt der Test gelungen. Doch der Beutelinhalt muss noch auf die Waage. Und auch die Abluft der Geräte wird per Computer analysiert - das "Staubrückhaltevermögen" ist ein wichtiges Kriterium. Für den Staubsauger ist der Test erst beendet, wenn er jetzt noch 500-mal über eine Türschwelle gerumpelt oder an einen Pfosten gestoßen ist und der Motor 600 Stunden Betrieb überstanden hat.

Dienstreise zur Fabrik in China

Nebenan wird auf dem "Prüfrasen" simuliert, wie Steine die Messer eines Rasenmähers zum Knirschen bringen. Dazu werden 500 Stahlkugeln per Druckluft in die Anlage gepustet. Ähnlich strapaziert wird ein Koffer: 100 Kilometer rollt er über eine Walze mit kleinen Hindernissen. "Ein Spielplatz für Jungs", nennt einer der Tester den Prüfanlagenbau. "Prüfer sind eine ganz besondere Spezies", sagt Holger Brackemann, Bereichsleiter Untersuchungen bei der Stiftung Warentest. Pedantisch und penibel müssten sie sein, dürften nichts vergessen.

Immer häufiger macht die Stiftung bei den Produkten auch sogenannte CSR-Tests. Die Corporate Social Responsibility sagt etwas über die ethische Seite der Herstellung aus: Unter welchen Bedingungen entsteht das Produkt, wie geht man mit den Ressourcen um, wie sind die Löhne? Spielt womöglich Kinderarbeit eine Rolle? "Da lassen wir uns die Türen der Firmen öffnen, das führt uns oft ins Ausland, nach China oder andere asiatische Länder", sagt Brackemann.

Ein Test kostet im Schnitt 30.000 bis 40.000 Euro. Bei mehr als 22.400 geprüften Produkten und Dienstleistungen pro Jahr eine hohe Summe. Erstmals wird sie in diesem Jahr nicht von den Gewinnen gedeckt. Die vom Deutschen Bundestag 1964 ins Leben gerufene Stiftung rechnet für 2012 mit einem Minus von mindestens einer Million Euro.

Sie finanziert sich über drei Säulen: den Verkauf von Heften und Ratgebern, Geld vom Bund sowie Zinsen des Stiftungskapitals. Und die fallen angesichts des niedrigen Zinsniveaus in diesem Jahr mickrig aus. Sorgen um ihre Zukunft muss sich die Stiftung Warentest dennoch nicht machen: Der Bund hat gerade eine Finanzspritze in Höhe von 500.000 Euro zugesagt.

Jörg Schurig/dpa/vet

Forum

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insgesamt 12 Beiträge
1. Sparen sparen sparen
jj2005 25.11.2012
Aber nicht bei der Stiftung Warentest: Ihr Etat sollte verzehnfacht werden, damit sie wenigstens auf ein Prozent der Summe kommt, die der Verbraucher und Steuerzahler jedes Jahr ohne sein Einverstaendnis fuer irrefuehrende und [...]
Aber nicht bei der Stiftung Warentest: Ihr Etat sollte verzehnfacht werden, damit sie wenigstens auf ein Prozent der Summe kommt, die der Verbraucher und Steuerzahler jedes Jahr ohne sein Einverstaendnis fuer irrefuehrende und verlogene Werbung ausgibt.
2. Teils zweifelhaft
moe.dahool 25.11.2012
Ich selbst komme aus der Fahrradbranche und hätte, wenn es nicht traurig und letztlich auch teuer wäre, bei einigen Tests schmunzeln können. Bei einem Trekkingradtest waren Testzweiter und -letzter 100% baugleich, ein e-Bike, [...]
Ich selbst komme aus der Fahrradbranche und hätte, wenn es nicht traurig und letztlich auch teuer wäre, bei einigen Tests schmunzeln können. Bei einem Trekkingradtest waren Testzweiter und -letzter 100% baugleich, ein e-Bike, auch in meinem damaligen Sortiment und mit "sehr gut" bewertet, war m.E. maximal ein "befriedigend". Im September 2011 gab es wieder einen E-Bike Test, auch hier habe ich den Testsieger selber verkauft. Der war/ist nicht schlecht, ein paar Mängel, auch von potentiellen Käufern fest gestellt, sind in diesem Test nicht erwähnt worden. Bei Fahrradhelmen gab es teils abstruse Ergebisse. So könnte ich weiter aufreihen. Mir ist schleierhaft nach welchen Kriterien bei SWT getestet wird, in den Bereichen, in denen ich tagtäglich tätig bin, oft wider den Alltagsansprüchen, für mich bekäme SWT, zumindest im Bereich Rad, ein "mangelhaft".
3. Sehr wichtig - aber auch keine
kritischerleser50 25.11.2012
Vorab: Ich halte die Stiftung Warentest für eine unentbehrliche Einrichtung; ohne die Stiftung stünden wir in punkto Verbraucherschutz und Warenqualität wohl nicht so wie wir heute stehen. ABER: Kurioserweise tut die Stiftung [...]
Vorab: Ich halte die Stiftung Warentest für eine unentbehrliche Einrichtung; ohne die Stiftung stünden wir in punkto Verbraucherschutz und Warenqualität wohl nicht so wie wir heute stehen. ABER: Kurioserweise tut die Stiftung in eigener Sache das, was sie selber Firmen vorwerfen, nämlich "Mogelpackungen" zu verkaufen. Beispiel: Mein abonniertes Heft FINANZTEST mit dem Titel "Dezember 2012" hatte ich am 14. November 2012 im Briefkasten. So vordatiert, wie schon längere Zeit. Meine Frage an die Stiftung, ob es nicht eine Mogelpackung sei, ein Heft mit zweifelhaft Redaktionsschluss Oktober 2012 mit der Bezeichnung Dezember 2012 in den Handel zu bringen, wurde so beantwortet: ZITAT: " Das Problem bei solchen Bezeichnungen ist ja immer: viele Kunden wollen das aktuelle Heft kaufen. Die erwähnte Ausgabe ist bis Mitte Dezember am Kiosk aktuell, würde aber November draufstehen, würden viele Kunden dann denken, es wäre eine alte Ausgabe. Einer der Gründe für die Vordatierung bei fast allen Zeitschriften." ZITAT Ende. Noch Fragen ???
4.
Tsardian 25.11.2012
Vordatierte Magazine sind Standard bei monatlich erscheinenden Zeitschriften.
Zitat von kritischerleser50Vorab: Ich halte die Stiftung Warentest für eine unentbehrliche Einrichtung; ohne die Stiftung stünden wir in punkto Verbraucherschutz und Warenqualität wohl nicht so wie wir heute stehen. ABER: Kurioserweise tut die Stiftung in eigener Sache das, was sie selber Firmen vorwerfen, nämlich "Mogelpackungen" zu verkaufen. Beispiel: Mein abonniertes Heft FINANZTEST mit dem Titel "Dezember 2012" hatte ich am 14. November 2012 im Briefkasten. So vordatiert, wie schon längere Zeit. Meine Frage an die Stiftung, ob es nicht eine Mogelpackung sei, ein Heft mit zweifelhaft Redaktionsschluss Oktober 2012 mit der Bezeichnung Dezember 2012 in den Handel zu bringen, wurde so beantwortet: ZITAT: " Das Problem bei solchen Bezeichnungen ist ja immer: viele Kunden wollen das aktuelle Heft kaufen. Die erwähnte Ausgabe ist bis Mitte Dezember am Kiosk aktuell, würde aber November draufstehen, würden viele Kunden dann denken, es wäre eine alte Ausgabe. Einer der Gründe für die Vordatierung bei fast allen Zeitschriften." ZITAT Ende. Noch Fragen ???
Vordatierte Magazine sind Standard bei monatlich erscheinenden Zeitschriften.
5. Ooops...
flachatmer 25.11.2012
Folgeanzei... erm... -artikel zu dem Betrugs- und Glaubwürdigkeitsdesaster bei SWT?
Folgeanzei... erm... -artikel zu dem Betrugs- und Glaubwürdigkeitsdesaster bei SWT?

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